In Ennetbaden liegt etwas in der Luft: Anders als sonst tragen der Gemeindeammann und der Gemeindeschreiber derzeit dicke Bärte. Das hat seinen guten Grund. Die «Sommergmeind» wird nächste Woche nicht wie üblich in der Turnhalle stattfinden, sondern als Landsgemeinde unter freiem Himmel auf dem Postplatz. 200 Jahre nach der unfreiwilligen Loslösung von der Stadt Baden zelebriert Ennetbaden mit einer Prise Humor und nicht wenig Stolz die eigene Erfolgsgeschichte.

Gemeindeammann Pius Graf (SP) sagt: «Wir werden die Landsgemeinde auch bei schlechtem Wetter auf dem Postplatz abhalten.» Nur bei Sturm oder Hagel dient die Turnhalle als Ausweichmöglichkeit. Graf, der notabene gebürtiger Appenzeller ist und so das Landsgemeinde-Gen im Blut hat, erklärt: «Es wird eine wichtige und zugleich festliche Gemeindeversammlung für die Ennetbadener Stimmberechtigten. Aber auch Zuschauer sind herzlich willkommen.»

Die Musikgesellschaft Badenia wird aufspielen, Gemeinderat und Schreiber werden in historischen Kostümen auftreten und ganz ohne Powerpoint-Folien auskommen müssen. Im Anschluss gibt es ein kleines Fest mit einem Umtrunk.

Wasser aus der Schwanenquelle

Das wichtigste Traktandum an der Landsgemeinde – neben der erfreulichen Jahresrechnung 2018 (sie schliesst mit einem Überschuss von 2 Millionen Franken) – wird der geplante heisse Brunnen sein. Im Jubiläumsjahr könnten sich die Ennetbadener Stimmberechtigten damit ein ganz besonderes Geschenk machen. Wenn sie dem Kredit von 850'000 Franken zustimmen, kann die Gemeinde zusammen mit dem Verein Bagni Popolari ein frei zugängliches Thermalwasserbecken an der Badstrasse bauen.

Damit bekäme nicht nur die Stadt Baden einen heissen Brunnen an der Limmatpromenade, sondern in Sichtdistanz über den Fluss auch die Gemeinde Ennetbaden. Bagni Popolari hat im April eine ausführliche Machbarkeitsstudie publiziert. Das Ergebnis lässt sich sehen: Das Badener Architekturbüro Meier Leder zeigt in einer Visualisierung, wie das geplante Thermalbadebecken, ein Fussbecken, eine warme Thermalwasserbank sowie ein Ellenbogenbad aussehen könnten (siehe Bild).

Der Standort beim sogenannten Lindenplatz oder Limmatplatz – der Name ist noch nicht ganz klar – wurde unter anderem gewählt, weil das Thermalwasser aus der 1844 gefassten und heute ungenutzten Schwanenquelle ohne Pumpe hierher geführt werden kann. Mit diesem öffentlichen Bad will Ennetbaden seine jahrhundertealte, reiche Badetradition revitalisieren. Gemeinderat und Kulturvorsteher Michel Bischof (FDP) sagt: «Die Bäderkultur ist in Ennetbaden praktisch ausgestorben. Bis das Botta-Bad in den Grossen Bädern 2021 fertig ist, wollen wir auch unsere Kleinen Bäder wieder beleben.»

Historischen Platz erhalten

Die Leitung vom Hotel Schwanen zum Brunnen soll unter der Auskragung der Badstrasse entlang führen. «Wir wollen den Platz möglichst wenig verändern und auch die alten Bäume erhalten», so Bischof. Das historische Geländer aus der Belle Epoque soll bleiben und an die Glanzzeiten der Bäderkultur erinnern.

Die Kunstbetonsteine für den Brunnen und die Thermalwasserbank werden derzeit im Bagno Popolare bei der Badener Limmatquelle getestet. Für die geplante Anlage muss die obere Stützmauer erneuert und erhöht werden. Bedenken wegen Lärmklagen nimmt der Gemeinderat ernst: Die Mauer soll auch als Lärmschutz zur Badstrasse dienen. Das Wasser soll in der Nacht abgelassen werden.

Pius Graf, der zugleich Präsident des Bädervereins Baden ist, sagt aber auch: «Man soll sich an diesem schönen Ort aufhalten können, hier ist keine Ruhezone.» Bischof ergänzt: «Wir vom Gemeinderat sind überzeugt, dass mit dem Brunnen der öffentliche Raum massiv aufgewertet wird. Ich hoffe, dass sich die Stimmbürger damit ein nachhaltiges, würdiges Jubiläumsgeschenk machen.»

200 Jahre Ennetbaden: Landsgemeinde auf dem Postplatz am 6. Juni ab 19 Uhr. Um Anreise zu Fuss oder per ÖV wird gebeten.