Dättwil/Bazna

Sie sorgen in Rumänien für ein Zuhause für verlassene Kinder

So sieht das Kinderhaus heute aus.

So sieht das Kinderhaus heute aus.

Dora und Werner Schott leisten mit dem Verein «Aktion Charity» seit 20 Jahren Hilfe in Rumänien.

«In unserem Spital gibt es ein Zimmer für ‹verlorene Kinder›». Dieser Satz des rumänischen Frauenarztes Dorin Igna war Dora und Werner Schott aus Dättwil nicht mehr aus dem Kopf gegangen.

Auf einer Rumänienreise waren sie 1990 mit Igna zufällig ins Gespräch gekommen. Er hatte ihnen berichtet, dass im Spital in der Stadt Medias immer wieder Frauen nach der Niederkunft ohne ihr Kind verschwinden, teils unter falscher Namensangabe, teils mit der verzweifelten Erklärung, dass sie nicht für das Kind sorgen könnten, da sie selber kaum zu essen hätten und die Wohnsituation prekär sei.

«Der Arzt schilderte uns, wie die Kinder später von einem Heim zum anderen abgeschoben würden, mit 16 dann ohne rechte Schulbildung auf der Strasse stehen und sich mit Stehlen oder Prostitution über die Runden bringen würden», erinnert sich das Ehepaar.

Maria und Irina waren die Ersten

Zurück in der Schweiz war der Wunsch zu helfen, bei den beiden immer stärker geworden. «Wir beschlossen, Hilfe vor Ort zu leisten und ‹verlorenen Kindern› in ihrer Heimat ein Zuhause zu geben.

Das ursprüngliche Kinderhaus vor 20 Jahren.

Das ursprüngliche Kinderhaus vor 20 Jahren.

Der erste Schritt war die Gründung des Vereins «Aktion Charity» im August 1995. Dabei wurden die Schotts tatkräftig vom damaligen Direktor des Hotel Limmathofs, dem leider viel zu früh verstorbenen André Werner, unterstützt. Bereits ein Jahr nach der Vereinsgründung war das Ziel erreicht, «verlorenen Kindern» ein Zuhause zu geben und im Rahmen einer «Grossfamilie» für ihren Unterhalt und ihre Ausbildung zu sorgen.

Nach der Gründung eines Schwestern-Vereins in Rumänien – «Actiune Caritate» – hatte in Bazna, einem rund 3000-Seelen-Ort, ein älteres Haus mit drei Zimmern und Scheune erworben werden können. Bazna liegt in Siebenbürgen und ist nur wenige Kilometer von Medias, genau in der Mitte Rumäniens. Bereits Ende Oktober 1996 waren von einem Hauseltern-Ehepaar die ersten Kinder – Maria und Irina, zwei Babys – aufgenommen worden.

«Irina ist inzwischen ausgezogen, hat geheiratet und ist Mutter. Maria lebt noch heute in dem 1998 ausgebauten Haus.» Die Liegenschaft umfasst seither neun Schlafzimmer, fünf Nasszellen, Aufenthaltsraum, Wohn- und Esszimmer sowie einen separaten Teil für die Hauseltern. Im Garten werden Gemüse und Salat zur Selbstversorgung angepflanzt.

Unter der Obhut der Hauseltern Nelu und Ina Coman, betreut überdies von vier Hausangestellten, darunter eine Köchin, zwei Lehrerinnen für Hausaufgaben- und Nachhilfe, sowie einem Sozialarbeiter, leben aktuell 15 Jugendliche im Kinderhaus. In den vergangenen Jahren hatten auch bereits etwas grössere Kinder Einzug gehalten. Zurzeit ist der Jüngste 12-jährig, die Älteste ist 22. «Rosalia war aufgewachsen wie ein Hund, war ständig verprügelt worden. Sie brauchte bei uns entsprechend besonders viel Zeit, Geduld und Zuwendung», schildert Dora Schott.

Florierender Coiffeursalon

Seit 2003 unterstützt und begleitet «Aktion Charity» auch in Not geratene Familien. Neuste «Errungenschaft» im Haus ist seit ein paar Monaten ein Coiffeursalon. Dort erlernen einige der Mädchen – darunter Maria, die seit Anbeginn im Kinderhaus lebt – unter kundiger Anleitung die Kunst von Schneiden, Waschen, Färben, Föhnen, Dauerwellen und auch Nagel-Kosmetik.

«Der entsprechende Bau aus Holz über der Garage wurde weitgehend unter grossem Einsatz unserer jungen Bewohner realisiert. Ein schöner Teil der Einrichtung haben wir vom Schweizer Coiffure-Unternehmen Varibelle geschenkt bekommen», schwärmt Dora Schott und fügt freudig an, dass der Salon gut floriere.

Armut noch immer weit verbreitet

Die Trägerschaft finanziert sich durch regelmässige Gönnerbeiträge, einmalige Beiträge für grössere Investitionen, Patenschaften durch Einzelpersonen für den Lebensunterhalt der Kinder, Familienpatenschaften für die Familienhilfe. «Unser Verein ist als gemeinnützig anerkannt und entsprechend können Spenden von den Steuern abgezogen werden.» Sämtliche «Charity»-Mitarbeiter in der Schweiz arbeiten ehrenamtlich. «So kommen sämtliche Spenden und Beiträge vollumfänglich der Arbeit in Rumänien zugute.»

Bis vor ein paar Jahren hatte der Verein «Aktion Charity» jeweils auf Weihnachten hin Geschenke von Paten und Spendern für die Kinder mit einem Lastwagen nach Rumänien transportiert. «Heute sammeln wir das Geld für die Geschenke, zusammen mit Glückwunschkarten, und fliegen mit diesem leichten Gepäck nach Rumänien. So fallen die Kosten von gegen 5000 Franken für den Lastwagen weg und mit dem gespendeten Geld können wir vor Ort individuell für jedes Kind wunderbare und auch nützliche Geschenke kaufen.

Inzwischen gibt es auch in Rumänien Aldi, Billa, Kaufland, Deichmann – entsprechend dem hiesigen Dosenbach – und weitere Grossverteiler. «Allerdings ist deren Angebot, obwohl aus unserer Sicht sehr günstig, für sehr viele Einheimische unerschwinglich, da Armut leider nach wie vor weit verbreitet ist.»

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