Bellikon

Sie reiste mit der Prothese in die Ferien

Monika Gut führt unter Anleitung von Bewegungswissenschaftlerin Isabelle Senn Stabilisationsübungen aus. Chris Iseli

Monika Gut führt unter Anleitung von Bewegungswissenschaftlerin Isabelle Senn Stabilisationsübungen aus. Chris Iseli

Die unterschenkelamputierte Monika Gut (46) reiste nach Singapur und Thailand. Mit zahlreichen Erfahrungen – auch schmerzhaften – kehrt sie wieder zurück in die Rehaklinik.

 Braungebrannt und mit einem Lächeln im Gesicht betritt Monika Gut das medizinische Trainingscenter in der Rehaklinik in Bellikon. Sie legt die Krücken auf den Tisch und schreitet auf das Propriozeptionstrainingsgerät zu.

Die 46-Jährige hält kurz inne, hebt zuerst das eine Bein, dann das andere. Einmal auf dem Gerät führt sie unter Anleitung von Bewegungswissenschaftlerin Isabelle Senn Koordinations- und Stabilisationsübungen aus.

Ob es anstrengend sei? «Nein, das geht schon», sagt Gut. Sie freue sich, könne sie nun solche Übungen machen. «Im Dezember dachte ich noch, ich würde die Krücken nie mehr loswerden.»

«Plötzlich habe ich gemerkt, dass ich Treppensteigen kann, ein Erfolgserlebnis!»

«Plötzlich habe ich gemerkt, dass ich Treppensteigen kann, ein Erfolgserlebnis!»

Monika Gut spricht über die vergangenen Reha-Erfolge und die Bevorstehende Entlassung. (Februar 2017)

Geschweige denn, als ihr nach einem schweren Motorradunfall im September 2016 der linke Unterschenkel amputiert werden musste und sie zum ersten Mal mit einer Prothese Gehversuche gemacht hatte.

Seit dem letzten Treffen hat die aufgestellte Bernerin, die mit ihrem Mann in Hilterfingen bei Thun wohnt, Fortschritte gemacht. So kann sie nicht nur ohne Krücken gehen, sondern auch Treppen steigen. «Dass ich soweit bin, hätte ich nicht gedacht», sagt Monika Gut.

Denn: Zwischen der ersten Rehabilitationsphase im letzten Jahr und der jetzigen flog sie mit ihrem Mann für drei Wochen nach Singapur und Thailand. «Sonne, Feuchtigkeit und Hitze sind Faktoren, die sich nicht gerade fördernd auf den Stumpf auswirken», sagt sie.

«Das Schlimmste ist, dass ich nicht zuhause sein kann»

«Das Schlimmste ist, dass ich nicht zuhause sein kann»

Monika Gut im Dezember 2016 über schwierige und schöne Aspekte der Reha.

Doch als sie Anfang Januar nach Bellikon zurückkehrte, musste die Prothese gleich am ersten Tag angepasst werden: «Der Stumpf war nicht wie befürchtet angeschwollen, sondern hatte gar an Durchmesser verloren.»

Chancen und Grenzen aufgezeigt

Und überhaupt sei die Reise in den Osten das Beste gewesen, was ihr hätte passieren können: «Die Ferien haben mir Chancen und Grenzen aufgezeigt.» Beispielsweise hat sie in Thailand ohne Probleme im Meer baden und mühelos Märkte oder Restaurants ausserhalb der Hotelanlage besuchen können.

Ebenso weckte sie aufgrund ihres Handicaps bei den Einheimischen Neugier und kam rasch in Kontakt. «Sie waren sehr herzlich zu mir und motivierten mich jeden Tag», sagt Gut.

Doch es gab auch Momente, in denen Monika Gut die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Etwa, als sie abends mit ihren Mann auf der Tanzfläche ausgelassen tanzen oder am Strand den Sand unter den Füssen spüren wollte.

Auch, als das Ehepaar in Singapur war und sich nicht mehr wie früher flink und ungebunden durch die Strassen bewegen konnte. «Das war wirklich hart. Ich wurde wütend und fragte mich, weshalb das alles mir passiert ist», sagt Gut.

In Situationen wie diesen habe sie ihr Mann jeweils aufgebaut: «Er sagte mir, dass wir uns ja eigentlich glücklich schätzen könnten, so kurz nach dem Unfall diese Ferien erleben zu dürfen.»

Von der Reise nimmt Monika Gut wertvolle Erfahrungen mit. Beispielsweise hat sie gelernt, im Umgang etwas vorsichtiger zu sein: Die Therapeuten hatten sie vor der Reise zwar auf die Gefahren des Ausrutschens hingewiesen, dennoch ist sie während den Ferien dreimal umgefallen – und hat sich dabei das Becken geprellt, das sie beim Töffunfall doppelt gebrochen hatte.

«In Zukunft werde ich lieber einmal mehr innehalten und überlegen, als sofort handeln», sagt sie. Für ein Energiebündel wie Gut keine einfache Aufgabe. Damit sie auf einem Bein nicht der Rutschgefahr ausgesetzt ist, wird sie künftig immer einen Klappstuhl mitnehmen.

Seit sie wieder zurück in Bellikon ist, hat sie der Klinikalltag wieder: Physiotherapie, individuelles Reha-Training, Thermotherapie und zahlreiche weitere Aktivitäten stehen auf dem Tagesprogramm. «Ich muss weiterhin Muskeln aufbauen», sagt Gut.

Noch gelinge es ihr etwa nicht, die geneigte Rampe – ohne sich abzustützen – hinunterzugehen. Auch will sie so fit sein, dass sie wieder ihr Cabrio fahren kann. «Das sind einige Ziele, die ich stets vor Augen habe und mich motivieren.» Auch, dass sie am Samstag die Rehabilitation abschliesst und zurück nach Hause kann, spornt sie an.

Bevor es aber soweit ist, muss sie noch eine nuklearmedizinische Abklärung tätigen. «Bei einer Routine-Röntgenuntersuchung wies der Knochen im Stumpf poröse Stellen auf», sagt Monika Gut. Um auszuschliessen, dass es sich um einen bakteriellen Infekt handelt, wollen die Ärzte auf Nummer sicher gehen.

«Als mir das mitgeteilt wurde, war ich geschockt. Falls es sich tatsächlich um eine Infektion handelt, wäre wohl eine weitere Operation nötig.» Doch Gut habe sich schnell gefasst. Denn sie fühle sich gut und habe keine Schmerzen. «Ich versuche, das Ganze positiv zu sehen. Schliesslich habe ich jetzt eine Basis und weiss, wie die Abläufe in der Rehaklinik sind.»

Rückhalt vom Arbeitgeber

Trotz des Rückschlags freut sich Monika Gut, dass es nach Hause geht und sie sich auf den Alltag einstellen kann. Einen Motivationsschub erhält sie auch von Ikea, ihrem Arbeitgeber seit 20 Jahren.

«Während der ganzen Reha war ich in Kontakt mit meinen Chefs», sagt sie. Diese schrieben ihr, dass sie sich Zeit nehmen soll und sich das Team auf ihre Rückkehr freue. «Diesen Rückhalt zu spüren, bedeutet mir sehr viel.» Bis Juni sei sie nicht im Arbeitsplan eingetragen. «Das nimmt mir den Druck», sagt sie.

Doch natürlich möchte sie in ein bis zwei Monaten mit einem 30- bis 40-Prozent-Pensum beginnen – und dieses nach und nach steigern. «Ich arbeite wirklich sehr gerne. Aber die letzten Monate haben mir gezeigt, dass es besser ist, nichts zu überstürzen.»

In den letzten Tagen ihres Aufenthalts wird Monika Gut die definitive Prothese aus Karbon erhalten. Während sie sich im Dezember noch eine Farbenfrohe wünschte, ist sie nun von dieser Idee abgekommen.

Beim Tragen von Shorts in Thailand habe sie gemerkt, dass es schwierig sein würde, jeweils das passende Oberteil für eine bunte Prothese zu finden. Aus diesem Grund werde sie sich für eine Neutrale entscheiden. «Und wenn mir danach ist, kann ich immer noch bunte Strümpfe überstülpen», sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Lesen Sie im dritten Teil, wie sich Monika Gut wieder an ihrem Arbeitsplatz einlebt (noch nicht online). 

Verwandte Themen:

Autorin

Carla Stampfli

Carla Stampfli

Meistgesehen

Artboard 1