Stella Palino betritt die Bühne in einem schwarzen Nadelstreifenanzug. Sie bewegt sich geschmeidig darin, beinahe feminin. In theatralem Ton verkündet sie: «Wir sind heute gekommen, um Ihnen zu sagen, dass Mann und Frau nicht existieren.» Maren Gamper am Flügel nimmt das Spiel wieder auf und Stella Palino beginnt sich zu entkleiden, das Licht wirft mehr und mehr den Schatten einer weiblichen Silhouette auf den schwarzen Vorhang hinter ihr. Unter dem Anzug trägt sie ein kurzes schwarzes Kleid, welches ihre Rundungen zur Geltung bringt.

Theater und Travestie: Diese Kategorien gehören zusammen wie Mutter und Kind. So spielten im antiken griechischen Theater die Männer alle Rollen, Schauspielerinnen gab es nicht. Wo immer Männer Frauenrollen übernahmen und sich verkleideten (frz. travesti), reproduzierten sie die gängigen Geschlechterrollen. Niemand versteht diese Verwandtschaft von Travestie und Theater wohl so gut wie Stella Palino, die jahrelang Frauenrollen auf der Bühne spielte, bevor sie realisierte, dass sie abseits der Bühne eher eine Rolle spielte, als auf der Bühne. Vor acht Jahren stand sie offiziell auch ausserhalb des Theaters zu ihrem Frausein. Transsexualität verhandelt Stella deshalb aus historischen wie persönlichen Gründen ganz selbstverständlich im und durch Theater.

Die Bühne als «Zwischenraum»

Für Stella Palino war und ist das Theater stets ein Ort, an dem sie über soziale und gesellschaftliche Rollen reflektierte. Die Bühne ist für sie ein «Zwischenraum», in dem sie sein darf, Rollen entwerfen und wechseln darf, ohne sich vor den Urteilen und den Zwängen und Regeln der Realität verantworten zu müssen. Ganz gemäss dieser hohen Reflektiertheit über das Wesen des Theaters und Herkunft der Travestie zeugt «Gender Mutiny» von einer immensen intertextuellen Dichte. So schlüpft Stella plötzlich in Rollen ihrer alten Stücke, singt französische Chansons, rezitiert bekannte Schriftsteller und Philosophen wie Fernando Pessoa oder Michel Foucault und fügt eigene Gedanken «aus meinem Tagebuch» hinzu.

Trotz all dieser Kunstgriffe löst sich die meist hoch artifizielle Figur Stellas, mit ihren wechselnden (Geschlechter-) Rollen in «Gender Mutiny» nicht als rein theatrales Subjekt auf. Gegen Ende des Stücks fällt sie mitunter aus ihrer Rolle, fragt Maren Gamper am Klavier anscheinend verunsichert, was sie eigentlich hatte sagen wollen. In der zweitletzten Szene steigt sie vollends aus ihrer (Ver-)kleidung und steht «wie ein Schwefelhölzchen, nackt und trocken, leicht entflammbar, leicht zerbrechbar» vor die Zuschauer.

Zwischen Meta-Theatralität und Nicht-Theatralität begibt sich Stella Palino mit ihrem Stück gleich im doppelten Sinne an die Grenzen des Theaters. Doch wie Stella in ihrem Leben schon oft hat merken müssen, wird ein anders entworfener Körper auf der Bühne leichter akzeptiert, als abseits davon. Ihr Stück, das sie gemeinsam mit Regisseur Xavier Mestres Emilió erarbeitet hat, möchte aber genau auf diesen Umstand aufmerksam machen und «jungen Frauen und Männern Mut machen zur Meuterei gegen die Konventionen.»