Baden
«Sensibilisierungen wären erfolglos» – gibt es bald eine Güsel-Vereinigung?

Die Stadt Baden hält sich bei neuer Müll-Aktion noch zurück – doch Annemarie Martin gibt nicht auf. Nach der positiven Resonanz auf ihr Müllsammeln will die Nussbaumerin nun eine Interessengemeinschaft gründen.

Sabina Galbiati
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Mit Handschuhen aus dem Baumarkt hebt Annemarie Martin den Abfall auf, den andere an der Limmatpromenade achtlos liegen gelassen haben.

Mit Handschuhen aus dem Baumarkt hebt Annemarie Martin den Abfall auf, den andere an der Limmatpromenade achtlos liegen gelassen haben.

Sandra Ardizzone

Als sich Annemarie Martin jüngst in der Zeitung wiederfand, hätte sie nie gedacht, was für ein grosses Echo ihre Müll-Sammelaktionen auslösen. «Ich gratuliere Ihnen Frau Martin, Sie sind grossartig!», «Chapeau!», «eine bewundernswerte Frau», ist online in den Kommentaren zu lesen. Auch privat habe sie Briefe erhalten. «Ein Mann hat sich bedankt und 100 Franken ins Couvert gesteckt, ich solle mir davon einen Kaffee und Handschuhe kaufen», erzählt Martin gerührt.

Die Handschuhe braucht sie für ihre Sammelaktionen. Fast täglich spaziert die Nussbaumerin in ihrer Mittagspause die Limmatpromenade entlang und hebt Abfall auf, den andere liegengelassen haben.

Auch wenn die 62-Jährige in Nussbaumen an der Bushaltestelle steht oder im Schwarzwald am Wandern ist – ihre Handschuhe hat sie immer griffbereit. Auf die Frage, warum sie sich so für ihre Umwelt engagiere, sagt sie: «Man muss ein Vorbild sein, wenn man etwas verändern will.»

Allerdings weiss Martin sehr wohl, dass ihre Sammelaktionen nur Tropfen auf den heissen Stein sind. Deshalb hat sie mit dem städtischen Werkhof, der für die Reinigung und Abfallentsorgung zuständig ist, Kontakt aufgenommen. Sie hoffte, man könnte gemeinsam mit der Stadt eine Aktion machen, um die Bürger zu sensibilisieren.

«Es sollte dabei nicht nur darum gehen, dass die Leute ihren Abfall in den nächsten Mülleimer schmeissen, sondern, dass man einen Flaschendeckel oder einen Plastiksack auch mal aufheben kann, obwohl man ihn nicht selber liegengelassen hat», erklärt sie ihre Absichten.

Bei der Stadt traf sie zuerst auf offene Türen. Doch letztlich verliess sie den Werkhof ohne Unterstützung. Werkhofleiter Thomas Stirnemann sagt: «Wir hatten ein gutes Gespräch mit Frau Martin. Aber unsere Erfahrungen zeigen, dass man bei solchen Sensibilisierungs-Aktionen die falschen Leute erreicht.»

Man habe auch schon an exponierten Orten Plakate aufgestellt, Abfallkübel mit Sprüchen wie «Füttere mich!» angeschrieben, Säuberungsaktionen mit Schulklassen durchgeführt, zählt Stirnemann auf.

Aber wer seinen Abfall liegenlassen wolle, bleibe von solchen Hinweisen unbeeindruckt. «Da spielt es auch keine Rolle, wie viele Mülleimer mit Aschenbechern man aufstellt, die Kippe landet trotzdem auf dem Boden.»

Jede Kippe ist eine zuviel

Annemarie Martin kann Stirnemanns Argumente verstehen. «Die Leute vom Werkhof machen bereits einen sehr guten Job und die Stadt ist sehr sauber.» Es gehe ihr viel mehr darum, dass die Leute verstehen, dass die Umwelt schon unter einzelnen Kippen oder einer Plastikflasche im Fluss verschmutzt wird. «Zudem ist es respektlos gegenüber seinen Mitmenschen, den eigenen Abfall liegenzulassen.»

Weil der Werkhof grundsätzlich offen für unkomplizierte und wirkungsvolle Ideen ist, die nicht zu teuer sind, sucht Martin nun nach ebendiesen in Zeitschriften, im Internet und anderen Städten. Auch die Idee, die in einem Onlinekommentar genannt wurde, eine Interessengemeinschaft für Abfallsammel-Aktionen zu gründen, findet Martin sehr gut. «Offenbar gibt es viel mehr engagierte Leute, die das Gleiche machen, als ich gedacht habe», sagt sie.

Mit zweien will sie Kontakt aufnehmen. «Ich bin mir noch nicht sicher, welches der beste Weg ist, um eine solche IG für Abfallsammler zu gründen, aber vielleicht muss man klein anfangen und dann wachsen», sagt sie.

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