«Hier spricht ein Mensch», sagt Rudolf Sommer, als er den Anruf der Redaktion auf seinem Handy entgegennimmt. Als sich herausstellt, dass er den Anrufer kennt, entschuldigt er sich und sagt in breitem Berndeutsch: «Ich wollte bloss sichergehen, dass nicht eine Firma meinen Namen erfährt, die ihn nicht kennen sollte.»

Rudolf Sommer, 75 Jahre alt, ist kürzlich von der «SonntagsZeitung» als «Schreck der Datensammler» bezeichnet worden. Er fordert Firmen, die an ihn adressierte Werbung schicken, konsequent und wie wohl nur wenige Menschen im Land dazu auf, seine Daten zu löschen.

«Ich habe einen Musterbrief des eidgenössischen Datenschützers heruntergeladen. Wenn ich einen an mich persönlich adressierten Brief mit Werbung erhalte, dann schreibe ich zurück», erklärt er seine Vorgehensweise. Er verlange im Schreiben eine Antwort auf die Frage, woher die Firma seine Adresse kenne.

«Und ich verlange, dass alle Informationen über mich gelöscht werden. Und dass Dritte, denen die Firma meine Daten weitergegeben oder weiterverkauft hat, meine Daten ebenfalls löschen.» Die meisten Firmen würden innerhalb der geforderten Frist von 30 Tagen antworten, erzählt Sommer.

«Ziemlich aufwendig»

Sommer war in seinem Berufsleben als Speditionskaufmann tätig, er vertrat in der Schweiz diverse Frachtreedereien. Schon damals interessierte er sich für Computer, Daten und Datenschutz. Seit 48 Jahren lebt er in Obersiggenthal, 2015 kandidierte er für den Gemeinderat, für die Piratenpartei.

Damals sagte er: «Ich vertrete die Maxime, dass der Staat transparent sein soll, nicht der Bürger. Jeder Mensch soll selber entscheiden können, wem er welche Informationen über sich selbst bekannt gibt – er soll dafür aber auch die Verantwortung übernehmen», lautet seine Devise.

Seine Informationen zu schützen, sei in der Schweiz ziemlich aufwendig. «Bei dem Datenschutzgesetz, das wir haben, müssen wir uns selber darum kümmern, dass die Daten nicht mehr weiterverkauft werden.» Das koste ihn jedes Mal rund sechs Franken: «Wer seine Daten bei einer Firma löschen lassen will, muss den Brief eingeschrieben schicken und noch eine Kopie des Passes beilegen.» Bei der neuen EU-Datenschutzverordnung, die seit Mai in Kraft sei, müssen Firmen hingegen um Erlaubnis bitten, wenn sie Daten veröffentlichen wollen.

Vielen Leuten in der Schweiz sei nicht bewusst, dass es Direktmarketing-Firmen gebe, die Adressen sammelten sowie weitere Infos, und damit regelrechte Fichen erstellten. «Zu solchen Firmen hatte ich Kontakt: Sie erklärten mir, sie könnten die Daten zwar nicht löschen, aber so markieren, dass sie nicht weiterverkauft werden.»

Einige der Firmen kennen nicht nur Geburtsdatum und Adresse, sondern erstellten Profile anhand von computerbasierten Daten: «Das kann zu kuriosen Ergebnissen führen. Eine Direktmarketing-Firma führte mich als Single auf, obwohl ich seit fast 50 Jahren verheiratet bin.» Ausserdem teilte sie ihn in die Persönlichkeitskategorie «genügsam traditionell» ein. «Das ist natürlich frei erfunden, ein Fehler des Algorithmus.» Solche falschen Angaben ärgerten ihn.

Bei Facebook und Twitter

Auch wenn er die Herrschaft über seine Daten haben möchte, so ist Sommer alles andere als ein Fanatiker. «Ich bin ein Pragmatiker, habe kein Stopp-Werbung-Schild am Briefkasten, bin bei Facebook und Twitter aktiv. Ich gebe sehr viel über mich selber bekannt. Aber ich will entscheiden können, wer meine Daten erhält, darum geht es mir.»

Beinahe hätte er kürzlich die Initiative gegen Kriegsmaterial-Ausfuhren unterzeichnet. «Name, Vorname und Adresse würden genügen – es wurde aber auch die E-Mail-Adresse verlangt. Das braucht es nicht für eine Initiative. Darum machte ich nicht mit.»

Auf die Frage, ob er erstaunt sei, dass so viele Leute einfach hinnehmen, dass Daten gespeichert werden, sagt Sommer: «Nein, überhaupt nicht. Zu einem grossen Teil ist es die Bequemlichkeit. Zum zweiten, kleineren Teil hat es mit Gier zu tun, denn oft gibt es Dinge gratis, wenn man dafür Daten zur Verfügung stellt.»