«Als schwuler Mann besuche ich das Mägenwiler Wäldli seit 25 Jahren. Warum? Weil praktisch überall auf der Welt der freie Ausdruck von heterosexueller Liebe erlaubt ist. Das ist anders für schwule Männer und allgemein Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung. Wir sind so gut wie nirgends frei, unsere Zuneigung öffentlich zu zeigen.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten immer zweimal schauen, bevor Sie Ihren Schatz küssen oder Händchen halten. Stellen Sie sich vor, Angst zu haben, um ihre Sicherheit, um ihren Job, weil sie anders lieben. Stellen Sie sich vor, Angst zu haben, deshalb von Ihrer Familie oder Ihren Kollegen ausgelacht oder verspottet zu werden.

Deshalb ist das Wäldli so wichtig. Es ist ein Refugium für Andersliebende. Vielleicht sind Sie überrascht, zu hören, dass ein grosser Teil der Männer nicht in erster Linie ins Wäldli geht, um Sex zu suchen. Mein Mann und ich laufen mit unseren Hunden gerne durch den Wald. Dass der Wald einen Hauch von ‹gay› hat, gibt uns ein besonderes Gefühl von Freiheit. Wer will nicht einmal unter Gleichgesinnten sein? Für uns ist das selten. Meistens sind wir nur eine Minderheit in einem Ozean von Heterosexualität. Wir sind toleriert – zum Teil auch willkommen und geschätzt. Aber oft haben wir das Gefühl, dass wir in dieser Welt nur Gäste sind.

Klar, die Akzeptanz in der Gesellschaft ist gewachsen, aber unsere sexuellen Neigungen in der Offenheit zu zeigen, wie das Heterosexuelle tun, ist und bleibt ein Tabu.

Die Liebe gefunden

Wir schätzen und pflegen unser Stück Wald. Es ist ein Ort, an dem ich nette Personen, die zufällig auch schwul sind, treffen kann. Ein Ort, an dem ich einfach für mich sein kann für ein paar Minuten. An so einem Ort haben mein Mann und ich vor 25 Jahren zusammengefunden. Jawohl, Liebe ist manchmal auch dort zu finden.

Ich befürchte, dass ein Artikel in der Zeitung dazu führt, dass Gegner Druck ausüben, um dieses letzte Stück Freiheit zu schliessen. Ich befürchte, dass wir zur Zielscheibe für homophobe Personen werden. Wieso? Die Männer im Wäldli tun niemandem weh, bedrohen niemanden. Viele haben, aus welchem Grund auch immer, keine andere Gelegenheit, ihr Schwulsein auszuleben, weil sie in einem Leben gefangen sind, in dem sie nicht schwul sein dürfen.

Es gibt auch viele ältere Herren im Wäldli. Sie sind es, die den Wald sauber halten. Sie treffen sich dort, sitzen in der Sonne und plaudern. Der Wald ist ein wesentlicher Teil ihres Soziallebens. Keinen Wald mehr zu haben, bedeutet für sie Einsamkeit und Isolation.»