Birmenstorf

Schuften für Herz und Seele: In diesem Verein halten sich Herzkranke fit

Seit 20 Jahren turnen Menschen mit einer Herzgefässerkrankung in der Koronargruppe Baden. Neben dem körperlichen Wohlbefinden steht das Gemeinschaftsgefühl im Vordergrund.

«Langsam die Beine nach vorne bewegen, die Bauchmuskeln bleiben angespannt!» Physiotherapeutin Jitka Turek reckt den Medizinball auf ihrer Turnmatte in die Höhe, den Blick fest auf die Damen und Herren gerichtet, die mit angestrengter Miene auf den blauen und orangen Matten sitzend die Beine in die Luft strecken.

Mit bestimmtem Ton und klaren Anweisungen leitet Turek die Bodenübungen in der Mehrzweckhalle in Birmenstorf. Jeder der 18 Anwesenden gibt sein Bestes, schwingt den Medizinball von links nach rechts und turnt die vorgezeigten Übungen nach. «Nach dieser Stunde spürt man den Muskelkater an Stellen, an denen man nicht mal weiss, dass man Muskeln hat», sagt Werner Leutwyler lachend.

Leutwyler ist Präsident der Koronargruppe Baden, einem Verein für Patienten mit Herzgefässerkrankungen, sogenannten koronaren Herzkrankheiten, die zu einem Infarkt, einer Bypassoperation oder Ähnlichem geführt haben. Einmal pro Woche treffen sich die Betroffenen zu einer Trainingsstunde, in der Ausdauer, Koordination, Beweglichkeit und Kraft verbessert werden. Übungen mit Thera-Bändern, an der Sprossenwand, aber auch Spiele wie Korbball und Basketball stehen dabei auf dem Plan.

Für Notfälle gewappnet

Leutwyler erlitt im Alter von 48 Jahren selbst einen Herzinfarkt. Nach diesem gravierenden Einschnitt hat er die Koronargruppe, auf Initiative des Badener Kardiologen Johannes Schindler, mit zwei weiteren Gründungsmitgliedern 1997 ins Leben gerufen. Im Fokus der Gruppe stehe die Rehabilitation, wie der 70-Jährige sagt: «Das Training schliesst nahtlos an die dreimonatige akute Therapie nach einem Zwischenfall an.» Deshalb findet die Turnstunde unter medizinischer Aufsicht von vier sich abwechselnden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten aus dem Kantonsspital Baden statt.


Eine davon ist Jitka Turek. Bereits seit 20 Jahren dabei, kennt sie die Mitglieder der Koronargruppe bestens. Sie leitet das Training stets mit einem wachsamen Auge auf den Gesundheitszustand jedes Einzelnen. «Die Patienten haben aber auch eine Eigenverantwortung, dass sie nur so viel machen, wie sie sich selber zutrauen», sagt sie.

Dank ihrer Zusatzausbildung als Herztherapeutin könne sie während des Trainings auch in Notfallsituationen eingreifen. «Bis jetzt ist es zum Glück nur zu kleineren Zwischenfällen gekommen, die zum Teil durch Nebenerkrankungen wie Diabetes ausgelöst worden sind.» Ansonsten seien blaue Flecken und Muskelverspannungen die üblichen Nebenerscheinungen, mit dem die Turnerinnen und Turner umgehen müssten.

Mehr als nur Training

Die Koronargruppe geht weit über das Training einmal in der Woche hinaus. «Werte wie Gesellschaft und Kameradschaft machen die Hälfte vom Ganzen aus», wie Leutwyler betont. So habe der Verein auch eine soziale Verantwortung. «Wir sind eine Gemeinschaft von 36 Leuten, in der sich jeder an den anderen wenden und das Gespräch suchen kann. Besonders wenn jemand eine geliebte Person verloren hat, ist dieser Austausch wichtig, um mit Gefühlen wie Trauer und Einsamkeit zurechtzukommen.»

Obwohl Leutwyler als Präsident waltet und im Vereinsvorstand ist, seien alle Mitglieder absolut gleichberechtigt. Da spiele es auch keine Rolle, woher jemand komme und was für einen Beruf der eine oder andere früher ausgeübt habe. «Über solche Dinge reden wir fast nie.»

Gemeinsame Jassturniere, Ausflüge, Grillnachmittage und Kegelabende sorgen das ganze Jahr dafür, dass sich die Mitglieder nicht nur in den Sportkleidern regelmässig treffen. Organisation und Kosten werden dabei vollumfänglich vom Vorstand der Koronargruppe getragen. Bemerkenswert, weil sich der Verein lediglich durch einen Jahresbeitrag von 210 Franken pro Mitglied finanziert und davon die Physiotherapeuten bezahlen muss.

Leutwyler sieht darin aber auch einen Vorteil: «Wir sind unabhängig und frei von irgendwelchen kommerziellen Zwängen und können das Programm so gestalten, wie wir wollen.»

Für die Planung der verschiedenen Anlässe werden Wünsche und Anregungen aller Mitglieder jederzeit dankend angenommen. Und die vielen Aktivitäten scheinen Zuspruch zu finden. So gibt es gemäss Leutwyler nach jedem Ausflug mindestens einen, der sagt: «Wann gehen wir endlich wieder mal zusammen weg?»

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