Das Rauschen der reissenden Strömung, das Flackern der Kerzen, und dann plötzlich – mit dumpfem Glockenschlag, acht an der Zahl – bewegt sich etwas hinter dem Gebüsch. Hervor tritt eine in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt, das Gesicht totenbleich, die Augen rot umrandet, krächzendes Lachen, das im Limmatbecken echoartig widerhallt.

Die Schauspielerin Valérie Cuénod hätte keinen besseren Ort, keine bessere Zeit und keine bessere Erzählung aussuchen können, als das etwas abgelegene, historische Bäderquartier, in dieser magischen Nacht des Blutmondes, mit der Schauergeschichte Bram Stokers: «Das Haus des Richters» im Gepäck.

Diese Geschichte hatte alles, was man sich von einer gelungenen Schauererzählung wünscht: Ein englisches, leerstehendes Haus, flackerndes Gaslicht und schlagende Fensterläden. Valérie Cuénod lockte mit der schaurig-dunklen Sprache des Meisters der «Gothic Novel» und Verfassers von «Dracula» die Gestalten der Finsternis ans Kerzenlicht: «Hundert Augen beobachteten Malcolm, der erst jetzt sah, dass in den Wänden unzählige Schlitze und Löcher waren, in denen sich die Ratten versteckten.»

Mit aufgerissenen Augen blickt sie in die Runde. «Fiepsend und quiekend, raschelnd und scharrend bewegten sich die Ratten über den Boden.» Die Sprache beginnt in Cuénods Mund zu leben, ja begibt sich regelrecht aus der Totenstarre der Schrift in die lebendige Sprache und vor dem inneren Auge spielt sich sogleich das schrecklich-fantastische Gruselkabinett ab. Im ehemaligen Haus des Richters richten dunkle Mächte Malcolms Urteil. Der Richter wird zum Henker und Malcolm – Cuénod vor den gebannten Zuhörern im schwarzen Mantel stehend, der breite Kragen aufgestellt, zieht ruckartig die Schultern hoch, der Kopf fällt leicht vornüber – zum Gehenkten.

Mondschein im Bäderquartier

Jeden vollen Mond liest Valérie Cuénod aus grossen Werken der Weltliteratur vor und heisst alle, die mögen, kostenlos willkommen. Und dass man bei dieser Gruselgeschichte und auch in Zukunft keine kalten Füsse kriegt(e),

Mondscheingeschichten-Lesungen am Donnerstag, 6. November und am Samstag, 6. Dezember, jeweils um 20 Uhr, bei der Thermalbank im Bäderquartier.