Baden

Rita Wettstein sorgt im Café Himmel für die persönliche Note

Rita Wettstein ist seit 30 Jahren Serviertochter im Café Himmel in Baden. Ende August geht sie in Pension – mit ambivalenten Gefühlen. Mario Heller

Rita Wettstein ist seit 30 Jahren Serviertochter im Café Himmel in Baden. Ende August geht sie in Pension – mit ambivalenten Gefühlen. Mario Heller

Die Serviertochter Rita Wettstein hat Energie für zwei und ist für ihre Herzlichkeit bekannt. Stammgäste begrüsst sie mit Namen und kennt deren Gepflogenheiten.

«Rita, Du bist für mich der Himmel», sagte kürzlich eine Dame zu Rita Wettstein. «So ein Kompliment bekommt man nicht alle Tage», meint die 64-jährige Serviceangestellte mit der pfiffigen Igelfrisur lachend und lässt ihre blaugrünen Augen funkeln. Sie hat ein Erdbeermousse-Törtchen und eine Himmelschnitte mitgebracht. Dass sie einmal zum Gespräch an einem der alten Holztische im traditionsreichen Café Himmel in Baden sitzt, ist eine Seltenheit. Normalerweise schwirrt die gertenschlanke 1,62 m kleine Kellnerin mit ihrem Tablett herum.

Sie hat Energie für zwei und ist für ihre Herzlichkeit bekannt. Stammgäste begrüsst sie mit Namen und kennt deren Gepflogenheiten. Da ist der Herr, der seit zehn Jahren täglich stundenlang in dasselbe vergilbte Buch schaut und ausschliesslich Milchkaffee trinkt. Die Frau, die jeden Morgen mit ihrem Jack Russell Gassi geht und dann zu ihm sagt «Chumm, mir gönd zur Rita». Oder die zwei Senioren, die immer am Dienstag in den «Himmel» kommen und nur am hinteren Ecktisch beim Fenster sitzen wollen. Ist er nicht frei, sind sie pikiert. Rita – die gerne mit Vornamen angesprochen wird – bleibt stets freundlich. Auch nach 30 Jahren. Sie ist die Einzige im Team, die noch unter dem Ehepaar Hermann und Annemarie Himmel arbeitete; der vierten und letzten Generation Himmel, bevor Café und Konditorei-Bäckerei in die Hände von Hans Jörg und Marianne Ernst und danach Jörg Holstein übergingen. «Herr Himmel übergab uns den Lohn Ende Monat persönlich in einem senfgelben Couvert und bedankte sich bei jedem mit Händedruck», erinnert sich Rita. Hermann Himmel VI ist mittlerweile verstorben. Aber Annemarie Himmel wohnt immer noch im 3. Stock der Liegenschaft am Bahnhofplatz und kommt jeden Tag zum Kaffee.

Die Liebe führte sie in den Aargau

Rita Wettstein wurde als eines von acht Kindern in Küssnacht am Rigi in eine Bauernfamilie hineingeboren. «Wir hatten einen grossen Landwirtschaftsbetrieb und mussten zu Hause alle von klein auf mitanpacken.» Mit 16 absolvierte Rita erst das bäuerliche Haushalt-Lehrjahr, bevor sie eine Verkaufslehre machte. Darauf folgte die Bäuerinnen-Fachhochschule in Pfäffikon Schwyz. Wahrscheinlich würde Rita heute auf dem elterlichen Hof arbeiten, hätte sie die Liebe nicht in den Aargau geführt. Mann Edie arbeitete bei ABB und so wurde zuerst Baden, später Mellingen ihre neue Heimat. Zur Stelle im «Himmel» kam sie 1978 durch ein Inserat, das an der Tür des Cafés klebte: «Serviertochter gesucht». Das Ehepaar Himmel engagierte sie vom Fleck weg. Nach einigen Jahren kamen ihre zwei Töchter zur Welt und sie machte Babypause. Als die Kinder grösser waren, zog es sie wieder zurück an ihren Arbeitsplatz, wo sie bis heute in einem 60-Prozent-Pensum arbeitet und zu einem bescheidenen Lohn vollen Einsatz bietet.

Die Kundschaft ist mittlerweile bunt gemischt. Während der «Himmel» früher als erste Adresse für gut betuchte Seniorinnen galt, kommen heute Alte, Junge, Arme, Reiche, eingefleischte Badener und Touristen aus aller Welt. Rita Wettstein hat schon erlebt, wie Heiratsanträge gemacht oder bei Kaffee und Kuchen ganze Studienarbeiten geschrieben wurden. Leider auch, wie einsam jemand mitten in der Menge sein kann. «Besonders traurig ist, wenn von einem Ehepaar, das jahrelang zu uns kam, plötzlich nur noch eine Person alleine am Tisch sitzt.» Sie nimmt sich immer etwas mehr Zeit für die Menschen, die ihr über die Jahre vertraut geworden sind.

Mehr Zeit für Familie

Einen «Himmel» ohne Rita kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Doch Ende August geht sie in Pension. Mit ambivalenten Gefühlen. Da sind auf der einen Seite die vielen lieb gewordenen Stammgäste und ein Team, das sie sehr schätzt. Andererseits die Tatsache, dass immer weniger Personal den ständig steigenden Ansprüchen der Klientel gerecht werden muss. «Alles ist extrem schnelllebig geworden. Die Leute sind stets gestresst und wollen schon zahlen, bevor ich ihre Bestellung an den Tisch gebracht habe», sagt sie.

Zeit ist ein knappes Gut geworden. Rita Wettstein will sich wieder mehr davon nehmen. Für ihre Familie, Reisen, Wanderungen und Ausfahrten auf der Harley mit ihrem Mann. «Die Jahre im ‹Himmel› waren für mich wahrhaft himmlisch und bin sehr dankbar dafür. Aber ich freue mich auch auf den neuen Lebensabschnitt», sagt die tüchtige Fastpensionärin, bevor sie sich wieder ihr Tablett schnappt, um die nächste Bestellung aufzunehmen.

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