Baden

Reconstituirea – der Skandalfilm, der 1969 zur Zensur führte

Im Royal laufen Filme, die zu ihrer Zeit Skandale auslösten. Claudio Thoma

Im Royal laufen Filme, die zu ihrer Zeit Skandale auslösten. Claudio Thoma

In der Filmreihe «Royal Scandal Cinema» wird der Film gezeigt, der für das Ende der liberalen Filmpolitik in Rumänien sorgte.

Das Kulturlokal Royal in Baden zeigt regelmässig Filme, die zu ihrer Zeit einen Skandal auslösten. Hintergründe zu den Filmen liefern Vorträge von Experten. Am Donnerstag um 20.30 Uhr läuft im «Royal Scandal Cinema» ein Film, der vor über 40 Jahren in Rumänien für Furore sorgte.

Auf dem Höhepunkt gesellschaftspolitischer Liberalisierung brachte Lucian Pintilie 1969 mit «Reconstituirea» einen Film ins Kino, der in vielerlei Hinsicht Kritik am kommunistischen Regime Rumäniens übte.

Der wachsende Erfolg des Films gab den Behörden zu denken: Kurz darauf war wieder Schluss mit künstlerischer Freiheit, die Zensur wurde reaktiviert. Eingeführt wird der Film durch Patricia Pfeifer, Filmwissenschaftlerin an der Universität Zürich und profunde Kennerin des osteuropäischen Filmschaffens, wie die Organisatoren in einer Mitteilung schreiben.

Als Tragikomödie inszeniert

Der Film «Reconstituirea» basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte des jungen Schriftstellers Horia Pătraşcu. Pătraşcu beschreibt darin eine bizarre Szenerie, die sich anfangs der 1960er-Jahre in der rumänischen Stadt Caransebeș ereignet haben soll: Ein Milizsoldat behauptet, die beiden Jugendlichen Vuică and Nicu hätten betrunken eine Schlägerei angezettelt.

Zusammen mit einem Erzieher, einem Staatsanwalt und einem Kamerateam schleppt er die beiden an den Tatort, wo die Szene für die Kamera nachgestellt werden soll – als Lehrstück gegen Alkoholismus und zur Stärkung der öffentlichen Moral.

Der Milizionär zwingt sie, die Szene immer und immer wieder nachzuspielen. Die Parteifunktionäre finden Gefallen an der Demütigung der beiden Jugendlichen. Der Erzieher fordert mehr Realismus. Die Meute grölt aus dem Off. Ein tragisches Ende bahnt sich an.

Als Tragikomödie inszeniert, legte Lucian Pintilie mit «Reconstituirea» eine scharfe Kritik am kommunistischen Regime vor – zu einer Zeit, in welcher Nicolae Ceaușescu, der erst seit drei Jahren an der Macht war, als Hoffnungsträger gehandelt wurde und die Kulturpolitik Rumäniens als gesellschaftspolitisch liberal galt. Pintilie fokussierte auf den Missbrauch von Macht, auf die Inkompetenz und Willkür der Funktionäre und die Gleichgültigkeit der Mitbürger, wie es weiter in der Mitteilung der Organisatoren heisst.

2004 führte Pintilie in einem Interview aus, dass seine Entscheidung, den Film zu drehen, auch davon beeinflusst war, dass ein ihm nahestehender Schauspieler und Freund kurz davor wegen Verstosses gegen das rumänische «Sodomie-Gesetz», das Homosexualität unter Strafe stellte, denunziert und verhaftet wurde.

Dabei sei dieser gezwungen worden, mit seiner Ehefrau Geschlechtsverkehr zu praktizieren, während die Ermittler daneben standen und dabei zusahen. Ebenso wollte Pintilie ein Zeichen setzen gegen die Ermittlungsmethoden des kommunistischen Regimes, insbesondere jener der Geheimpolizei Securitate, die von abermaligen Verhören und Folterungen geprägt waren.

So sollte der Milizionär im Film ursprünglich als Angehöriger der Securitate gezeigt werden, was das Regime allerdings verhinderte. Ob es sich damit einen Gefallen getan hat, steht auf einem anderen Stern: Gerade die Darstellung der Miliz sollte zu einem der meist gewürdigten Aspekte des Films werden, da diese mit den wohlmeinenden Charakterisierungen der Milizionäre in zeitgenössischen Filmen scharf kontrastierte.

Später wurde vehement zensiert

Im Kontext einer angestrebten gesellschaftlichen Liberalisierung gestattete das Regime die Aufführung des Films in einzelnen Kinos, wenn auch unter der Bedingung, dass dafür keine Werbung gemacht werden durfte.

Mit der steigenden Popularität des Films, der zunehmenden Kritik am Regime und Randale gegen Angehörige der Miliz, die vermeintlich oder reell im Zusammenhang mit der Vorführung standen, entschieden die Behörden, den Film aus den Kinos zu verbannen.

Das Experiment einer liberaleren Filmpolitik wurde für beendet erklärt, die Filmschaffenden wurden wieder unter schärfere Beobachtung gestellt und ihr Schaffen vehementer zensiert. (AZ)

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