Die aktuelle Statistik des Kantons zeigt: Neuenhof hat mit 3,3 Prozent eine der höchsten Sozialhilfequoten im Bezirk Baden – nur Wohlenschwil mit 3,5 Prozent und Spreitenbach mit 5,1 Prozent weisen höhere Werte auf. Neuenhof blieb aber nicht untätig und startete vor zwei Jahren das Littering-Projekt.

Die 8700-Seelen-Gemeinde schickt die Sozialhilfebezüger im Stundenlohn und mit einem dreimonatigen Arbeitsvertrag als Reinigungskräfte auf Tour. Gemeindeschreiber Raffaele Briamonte: «So bieten wir den Sozialhilfebezügern eine Tagesstruktur und erhöhen ihre Chance, sich wieder in den Arbeitsmarkt eingliedern zu können.»

Das Projekt ist sehr erfolgreich: Von den 30 Personen, die bisher im Einsatz waren, hat ein Drittel während oder kurz nach dem Projekt eine Anstellung gefunden – unter anderem dank dem Arbeitszeugnis der Gemeinde und dem neu gewonnenen Selbstwertgefühl, das wiederum anspornt. Zudem sparte Neuenhof seit Beginn des Versuchs 100 000 Franken an direkten Sozialausgaben ein. «Das entspricht einem Steuerprozent», so Briamonte. Denn bis vor zwei Jahren liess Neuenhof die Sozialhilfebezüger extern beschäftigen, was die Gemeinde jährlich rund 200 000 Franken kostete. «Hinzu kommt, dass wir zu wenig über die Stärken und Schwächen der Sozialhilfebezüger wussten», sagt Briamonte.

Mitte 2015 startete die Gemeinde deshalb den einjährigen Pilotversuch «Projekt Littering Bahnhof Neuenhof». Am Anfang waren es drei Personen, die rund um den Bahnhof wochentags jeweils von 7 bis 9 Uhr unterwegs waren und Abfall einsammelten. Ein Jahr später wurde das Projekt um ein weiteres Jahr verlängert, die Anzahl der Teilnehmer auf fünf erhöht und das Gelände um das Schulareal und Gemeindehaus erweitert.

Heute sind es sechs Personen, die seit Mai auch am Nachmittag im Einsatz sind. Nach drei Monaten erhalten sie ein Arbeitszeugnis, und sechs andere von insgesamt rund 130 Sozialhilfebezügern übernehmen. Wer sich trotz Arbeitsfähigkeit weigert, muss eine Kürzung der Sozialhilfe in Kauf nehmen. Am Samstag reinigen zudem jeweils vier bis fünf Asylbewerber nebst der Schule und dem Bahnhof den Limmatuferweg bis zum Kraftwerk.

Fünf Fälle an IV überwiesen

«In der heutigen Zeit kann jeder beispielsweise aufgrund eines Schicksalsschlages zum Sozialfall werden», sagt Briamonte. Mit dem Littering-Projekt erhielten die Betroffenen nicht nur eine sinnvolle Arbeit und eine Perspektive. «Wir haben zudem die Chance, sie besser kennenzulernen und gezielter beraten zu können», sagt er.

So erkannte die Gemeinde bei fünf Personen Gesundheitsschäden und leitete daraufhin ein IV-Verfahren oder andere medizinische Massnahmen ein. Ausserdem kann Neuenhof die Sozialhilfebezüger besser in einem anderen Projekt vermitteln: Seit Oktober 2015 bieten Firmen in Zusammenarbeit mit der Gemeinde im Rahmen des Arbeitgeber/Klienten-Projektes den Sozialhilfeempfängern drei- bis sechsmonatige Praktika an.

Das Littering-Projekt ist bis Ende Jahr befristet. Briamonte ist zuversichtlich, dass der Gemeinderat eine Verlängerung bewilligt. «Die Zahlen sprechen dafür», sagt auch der zuständige Gemeinderat Andreas Muff (parteilos) und ergänzt: «Wichtiger als die Zahlen ist aber der Mensch. Jeder soll eine sinnvolle Aufgabe haben.»