Burlet erzählt vom viel zu früh geborenen Waisenmädchen Amsetou, das mit der Pipette ernährt und zwei Mal wiederbelebt werden musste. Vom siebenjährigen Djibrina, der bis vor kurzem auf der Strasse lebte und noch lernen muss, was Liebe und Vertrauen bedeuten. Oder von der zweijährigen Nouria, die nur noch Haut und Knochen war, als ihr Grossvater sie ins Heim brachte. Vor fast elf Jahren eröffnete Natalie Burlet ihr erstes Kinderhaus im westafrikanischen Land, einem der ärmsten der Welt. Heute sind es zwei Heime, in denen über 50 Kinder im Alter zwischen drei Wochen und 19 Jahren leben. 23 werden zusätzlich extern betreut. Für ihr Engagement hat der «Beobachter» die 36-Jährige für den «Prix Courage 2017» nominiert.

Die meisten Buben und Mädchen in den beiden Heimen sind verwaist, viele davon sind zusätzlich schwer unterernährt und auf medizinische Hilfe angewiesen. Andere sind chronisch krank, ihre Behandlung wäre im abgelegenen Dorf nicht möglich. Oder die Familie kann sich nicht um sie kümmern, wie bei der zweijährigen Nouria. Die Mutter hat psychische Probleme, misshandelte sie und verschwand von einem Tag auf den anderen.

Ihr Grossvater nahm Nouria auf, fuhr regelmässig mit seinem Klappervelo ins weit entfernte Kinderspital, um nach Pulvermilch zu fragen. Doch aufgrund seines hohen Alters konnte er sich kaum um sich selbst kümmern. Nouria magerte immer mehr ab, ihre dünnen Beinchen konnten ihr geringes Gewicht nicht tragen. Seit einem halben Jahr lebt sie nun im Kinderheim. Sie sei kaum wiederzuerkennen, sagt Natalie Burlet. «Vor kurzem erhielt ich ein Video zugeschickt, in dem sie die ersten Schritte machte», ergänzt sie strahlend. «Für Kinder wie Nouria ersetzen wir die Familie. Wir begleiten sie von klein auf bis zu ihrem Uniabschluss, bis sie ihre eigene Familie gründen.»

Zehn bis zwölf Wochen verbringt die alleinerziehende Mutter mit ihrer neunjährigen Tochter jährlich in Burkina Faso. «Für meine Tochter sind die Kinder im Heim wie Geschwister», sagt Burlet. «Sie wuchs mit ihnen auf.» Dass sie so oft nach Westafrika reisen kann, sei nur dank ihres kulanten Arbeitgebers möglich, sagt sie. Die Radiologiefachfrau hat ein 80-Prozent-Pensum im Kantonsspital Baden, arbeitet aber fünf Tage die Woche und spart sich so Überzeit an, die sie als Ferien bezieht. Das KSB überwacht auch die Werte der Kinder mit Diabetes, die direkt von Burkina Faso ins Spital übermittelt werden.

Mit der Internetverbindung endet dann aber auch der Luxus im Kinderheim. Oft fällt der Strom aus, und fliessendes Wasser ist rar. Rauscht es endlich wieder durch die Leitungen, müssen die Heim-Mitarbeiter Reserven anschaffen und so viele Töpfe wie möglich mit dem kostbaren Gut füllen. Nach der Trockenzeit im vergangenen April blieb das Wasser über Wochen aus.

Sie konnten weder die Kinder duschen noch die gebrauchten Stoffwindeln reinigen. Mit einem Wassertank mussten sie 30 Kilometer bis zur nächsten öffentlichen Grundwasserpumpe fahren. Einen Teil des Preisgeldes über 15'000 Franken will Natalie Burlet deshalb in eine eigene Wasserpumpe investieren, sollte sie am 17. November den «Prix Courage» gewinnen.

«Ich war wütend auf die Welt»

Gegründet hat Natalie Burlet die beiden Kinderheime aufgrund eines Erlebnisses, das ihr Leben verändert hatte. Mit 24 Jahren reiste sie nach ihrer Ausbildung zur Radiologiefachfrau zum zweiten Mal nach Burkina Faso, wo sie in einem neu eröffneten Kinderspital ein völlig unterernährtes Waisenmädchen betreute. «Ich war ihre einzige Bezugsperson und pflegte sie Tag und Nacht», sagt Burlet. Doch für die Zweijährige kam jede Hilfe zu spät. Als das Mädchen sterbend in Burlets Armen lag, versprach sie ihr, dass nie mehr ein Kind in Burkina Faso ein solches Schicksal erleiden muss.

«Ihr Tod ging mir sehr nah.» Drei Tage lang sperrte sie sich im Haus ein, in dem sie wohnte. «Ich war so wütend auf die Welt, dass immer noch Kinder an Hunger sterben müssen.» Um auf schönere Gedanken zu kommen, stellte sie sich das Haus voller Kinder vor. «Da wusste ich: Ich will ein Waisenhaus eröffnen.»

Wieder in der Schweiz gründete sie 2006 mit ihrer Freundin Nina Werfeli den Verein «Sourire aux Hommes». «Ausser dem Mietvertrag für das Haus hatten wir nichts – kaum Geld und keine Erfahrung.» Mit Hilfe einiger Einheimischer verwandelten sie die Bruchbude in ein farbenfrohes Heim, das sie im Januar 2007 eröffneten. «Dann ging alles sehr schnell», sagt Burlet.

Nachbarn vermittelten die ersten Kinder, die ersten Spenden flossen und das Heim wuchs. 2010 eröffneten sie ein zweites Haus für Kinder bis drei Jahre. An der Feier nahm auch König Naaba Kiiba teil. Und 2014 zogen die älteren Kinder aus dem gemieteten in ein neues, eigenes Haus. Heute arbeiten 27 Mitarbeiter in den Heimen, darunter auch drei Frauen in Ausbildung. Neben der eigenen Wasserpumpe stehen noch weitere Projekte an: Sie wollen ganz auf Solarenergie umstellen und eine WG für die Jugendlichen aufbauen.

Sourire aux Hommes – das authentische Kinderhilfswerk