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Politiker und Strafrechtler prangern die Verhaftung des Badener Wirts an

Die Verhaftung des Badener «Rebstock»-Wirts nach seiner Jubelfahrt wird zum Politikum. Heute Abend findet aus Solidarität zu ihm ein Velokorso durch Baden statt. «Für ein gewaltfreies Baden», wie Einwohnerrat Jonas Fricker sa

Lisa Stutz
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Markus Widmer, als und nachdem er festgenommen wurde.

Markus Widmer, als und nachdem er festgenommen wurde.

Leservideo/Matthias Steimer

Der Fall des Badener Wirts Markus Widmer, der im Freudentaumel auf unsanfte Weise von der Stadtpolizei verhaftet wurde, kommt nun aufs politische Parkett. «Baden ist. Brutal», postete Jonas Fricker, Präsident der Grünen Aargau und Badener Einwohnerrat auf seiner Facebook-Seite – in Anlehnung an den Slogan der Stadt.

«Diese Verhaftung von Markus Widmer ist völlig unverhältnismässig», schrieb er weiter. Auf Anfrage der Aargauer Zeitung sagt er: «Meiner Meinung nach sieht es sehr brutal aus, wie die beiden Polizisten Widmer vom Velo reissen und auf den Beton knallen.»

Jonas Fricker, Einwohnerrat Baden: «Für mich ist das Handeln der Stadtpolizisten äusserst grenzwertig.»

Jonas Fricker, Einwohnerrat Baden: «Für mich ist das Handeln der Stadtpolizisten äusserst grenzwertig.»

Patrick Hersiczky

Die Grünen und die SP haben an der Einwohnerratssitzung vom Dienstagabend nun gefordert, dass der Stadtrat und die Stadtpolizei den Fall anschauen und dazu Stellung nehmen. «Diese Forderung wurde vom Stadtrat bejaht», so Fricker.

Dank einem veröffentlichten Handy-Video ist klar, welch wüste Szene sich am Sonntagabend in Baden abspielte: Der stadtbekannte Badener Wirt Markus Widmer drehte unmittelbar nach dem Sieg der Schweiz über Ecuador im angetrunkenen Zustand auf dem Velo seine Runden, als er der Aufforderung von zwei Polizisten nicht nachkam, vom Velo zu steigen.

Auf dem Video ist zu sehen, wie diese ihn daraufhin grob zu Boden werfen, vor den Augen zahlreichen Passanten in Handschellen legen und abführen.

Aus Solidarität gibts ein Velokorso

Die Reaktionen im Internet sind eindeutig – nur wenige können die beiden Polizisten verstehen. So auch Fricker: «Für mich ist das Handeln der Stadtpolizisten äusserst grenzwertig. Ich fände es sinnvoll – und erwarte das auch von Polizeichef Brönnimann – wenn bei der Polizei eine Reflexionssitzung stattfinden würde, damit man beim nächsten Mal anders handelt.»

Aus Solidarität zu Markus Widmer fährt heute Abend ab 20 Uhr ein Velokorso durch die Stadt. Die Facebook-Gruppe «Velo-Corso für ein gewaltfreies Baden» von Andrea Arezina, Natalie Flückiger und Steffi Kessler will Badenerinnen und Badener mobilisieren, mit dem Velo – versehrt mit Fähnli, Slogan und Blechbüchsen – durch die Stadt zu radeln. Treffpunkt: Kurplatz im Bäderturnier. «Wir freuen uns, wenn möglichst viele von euch mitmachen und helfen, ein Zeichen zu setzen», schreiben die Frauen.

Strafrechtler hat ungutes Gefühl

Peter Albrecht, Strafrechtsprofessor: «Wenn ich das Video sehe, habe ich ein sehr ungutes Gefühl.»

Peter Albrecht, Strafrechtsprofessor: «Wenn ich das Video sehe, habe ich ein sehr ungutes Gefühl.»

ZVG

Er wisse zwar nicht, was im Vorfeld geschehen sei, «es spricht aber einiges dafür, dass hier unverhältnismässig gehandelt wurde». Genau einschätzen könne er das aber nicht, bevor er die Erklärungen der beiden Polizisten gehört habe.

Für Reto Müller, Lehrbeauftragter für Sicherheits- und Polizeirecht an der Universität Basel, steht fest: «Velofahren in angetrunkenem Zustand wird zwar als Übertretung geahndet, rechtfertigt für sich alleine aber noch keine Festnahme.»

Dafür müssten noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Und Albrecht ergänzt: «Auch wenn die Person sich zusätzlich einem Polizeibefehl widersetzt hätte, reicht das nicht aus, um jemanden so zu behandeln.»

Stadtrat kündigt Aussprache an

Zurückhaltender äussert sich René Lippuner, Präsident des Verbands Aargauer Gemeindepolizeien: «Auf dem Video sieht man lediglich einen Ausschnitt. Keiner weiss, was sich vorher genau abgespielt hat.» Und: «Ich möchte mich hüten, eine Einschätzung zu diesem Fall zu geben, bei dem ich die Fakten gar nicht kenne.»

Grundsätzlich sei es aber richtig, dass die Polizisten die Spielregeln festlegen würden, wenn sich jemand polizeilichen Aufforderungen widersetze.

Was sagt eigentlich der Badener Stadtrat Matthias Gotter dazu, dem als Vorsteher der Öffentlichen Sicherheit und Einwohnerschaft die Polizei unterstellt ist? Er unterstütze die Interessen der Polizei, sagt er. Solange das Verfahren noch am Laufen sei, könne er keine abschliessenden Aussagen dazu machen.

«Natürlich ist es unschön und mag irritierend wirken, wenn man so eine Intervention zum ersten Mal auf dem Video sieht», räumt er ein. Eine Aussprache aller beteiligten Personen ist aber in Aussicht gestellt.

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