In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kostete eine bis dahin unvorstellbare Orgie von Gewalt, Tod und Zerstörung 1500 jüdische Menschen in Deutschland das Leben. Über 30'000 jüdische Männer wurden verhaftet, zahllose jüdische Frauen misshandelt und vergewaltigt, über 1400 Synagogen und bis zu 7500 jüdische Geschäfte zerstört. Die Novemberpogrome löschten die jüdische Kultur in Deutschland endgültig aus. Die Katastrophe war auch in der Schweiz zu spüren und hinterliess Spuren bis in den Aargau.

«Seit Mittwoch Abend spielen sich hier Vorgänge ab, die durch die Erregung über den Tod von Gesandtschaftsrat vom Rath, der bei der Ausübung seiner Tätigkeit auf der deutschen Botschaft in Paris das Opfer eines Anschlages des polnischen Juden Grünspan geworden ist, ausgelöst wurden, jedoch offensichtlich entgegen den in der Presse aufgestellten Behauptungen nicht spontane Handlungen aus der Bevölkerung heraus waren, sondern von gewisser Seite systematisch organisiert und befohlen worden sind. Einzelheiten haben Sie bereits aus der Presse entnommen. Leider muss ich Ihnen bestätigen, dass diese Mitteilungen in keiner Weise übertrieben sind, sondern voll und ganz der Wirklichkeit entsprechen.»

Synagogen leuchten im Gedenken an die Reichspogromnacht

Im Gedenken an die Reichspogromnacht leuchten die Schweizer Synagogen.

Mit diesen Worten informierte der Schweizer Gesandte in Berlin, Hans Frölicher, seine Vorgesetzten in Bern über das, was die Nazis später zynisch «Reichskristallnacht» nannten und was heute allgemein als Novemberpogrome bezeichnet wird.

Attentat als Vorwand für Pogrom

Offizieller Grund für die Gewalt gegen jüdische Menschen und Einrichtungen war das Attentat von Herschel Grynszpan. Er stammte aus einer polnisch-jüdischen Familie, die seit 1911 in Deutschland lebte, wo er geboren und aufgewachsen war. 1938 hielt er sich in Paris auf.

Am 3. November erreichte ihn eine Postkarte seiner Schwester Beile. Sie schilderte, wie die Familie aus Hannover nach Polen deportiert worden war. Ihren ganzen Besitz hatte sie zurücklassen müssen. Wie viele der in Deutschland lebenden polnischen Juden hatten die Grynszpans ihre polnische Staatsbürgerschaft einige Tage vorher verloren.

Sie waren in Polen ebenso unerwünscht wie in Deutschland und lebten nun als mittellose Flüchtlinge in einem Barackenlager. Sie waren Opfer der sogenannten «Polenaktion» geworden, mit der sich Deutschland von einem Tag auf den anderen aller polnischen Juden entledigt hatte. Die Nachricht traf Herschel schwer. Aufgewühlt beschloss er, sich an den Deutschen zu rächen oder zumindest ein Zeichen der Gegenwehr zu setzen. Nach der Tat liess er sich widerstandslos verhaften.

Goebbels rief zur Zerstörung auf

Wie Botschafter Frölicher richtig vermutete, war Grynszpans Attentat nur der Vorwand und die Gewaltakte keineswegs eine spontane Manifestation des Volkszorns. Am Abend des 9. November, kurz nach dem Attentat, hielt Propagandaminister Goebbels in München im Rahmen einer Parteiveranstaltung zur Erinnerung an den Hitler-Putsch von 1923 eine Brandrede. Er rief zur Zerstörung von Synagogen und jüdischen Geschäften auf.

Die Aktion sollte von Polizei und Feuerwehr geduldet werden. Gleich nach dem Ende von Goebbels Rede gingen die entsprechenden Anweisungen in die Parteizentralen im ganzen Reich. Da viele SA-Männer und Parteigenossen wegen dem Gedenktag in den Lokalen der NSDAP versammelt waren, liessen sie sich rasch mobilisieren. Die Gewaltorgie dauerte die ganze Nacht und endeten im Verlaufe des folgenden Tages wiederum auf Befehl von Goebbels.

1935 Schule im Waadtland

Zu den Betroffenen der Barbarei gehörte auch Walter Strauss. Sein Vater Moses Strauss war Arzt in Heilbronn, Mutter Elsi Wolf stammte aus Baden. Ihre Schweizer Herkunft wurde der Familie bereits kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Verhängnis. Der Vater wurde verhaftet, er musste seine Papiere abgeben, damit er nicht aus Deutschland ausreisen konnte.

Die aus Baden stammende Mutter von Walter Strauss, Elsi Strauss-Wolf, um 1940.

Die aus Baden stammende Mutter von Walter Strauss, Elsi Strauss-Wolf, um 1940.

Walter Strauss um 1943. Da lebte er bereits in Baden und arbeitete in der Kleiderfabrik seines Onkels.

Walter Strauss um 1943. Da lebte er bereits in Baden und arbeitete in der Kleiderfabrik seines Onkels.

Man argwöhnte, er würde sein Vermögen auf ein Schweizer Bankkonto transferieren. Sohn Walter wuchs in ständiger Angst vor den Nazis auf und erlebte hautnah, wie die Lebensverhältnisse immer unhaltbarer wurden. Um ihn zu schützen, schickten ihn seine Eltern 1935 in die Schweiz an ein Institut im Waadtland.

Die Eltern konnten mit den anderen Geschwistern unterdessen nach Lichtenstein ausreisen. 1937 kehrte Walter Strauss nach Deutschland zurück, um in Berlin eine Lehre als Schneider zu beginnen. Er lebte bei seinem Onkel und seiner Tante.

Berlin 1938: vom Lärm geweckt

In der Nacht vom 9. November 1938 war er alleine in der Wohnung. Er erwachte vom Lärm, der von der Strasse heraufdrang. Durchs Fenster sah er, wie das jüdische Geschäft im Parterre des Hauses geplündert und zerstört wurde. In der Nähe brannte eine Synagoge. «Wenn ich heute darüber nachdenke, habe ich in jener Nacht gar nicht realisiert, was geschah. Ich stand einfach benommen am Fenster und beobachtete das grässliche Treiben, das sich vor meinen Augen abspielte» erinnert er sich später.

Nach diesen Erfahrungen war für ihn klar, dass er weg musste. So wie ihm erging es vielen deutschen Juden. Auch jüdische Schweizer mussten Deutschland verlassen. Zwar konnten sie die Schweizer Konsulate teilweise vor den ärgsten Übergriffen schützen. Aber es war absehbar, dass sie die Schweizer Staatsbürgerschaft nicht mehr lange vor Gewalt und Verfolgung bewahren würde.

Walter Strauss versuchte ebenfalls, von der Schweiz Hilfe zu erhalten. Da seine Mutter vor ihrer Heirat Schweizer Bürgerin gewesen war, sprach er beim Konsulat vor und bat um ein Einreisevisum. Man beschied ihm aber, dass er als Jude in der Schweiz unerwünscht sei, auch sein Schweizer Dialekt half nichts.

Via Liechtenstein in die Schweiz

1939 gelang es Walter Strauss, nach Lichtenstein zu seinen Eltern auszureisen. Dank der Fürsprache seines Onkels Alfred Wolf, der in Baden eine Kleiderfabrik führte, erhielt er eine befristete Einreiseerlaubnis zum Besuch einer Handelsschule in Genf.

Als bei der Generalmobilmachung 1940 fast alle männlichen Angestellten der Kleiderfabrik Wolf samt dem Patron in den Militärdienst einrücken mussten, verliess er die Schule, um die Fabrik zu leiten. Dank den Beziehungen seines Onkels blieb Walter Strauss eine Ausweisung, die immer wieder drohte, erspart und er erhielt schliesslich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Walter Strauss leitete ab 1964 die Kleiderfabrik in Baden (Gebäude in der Bildmitte mit vier Lukarnen, Aufnahme von 1958).

Walter Strauss leitete ab 1964 die Kleiderfabrik in Baden (Gebäude in der Bildmitte mit vier Lukarnen, Aufnahme von 1958).

Walter Strauss heiratete später Margit Fern. Sie stammte aus einer Familie polnischer Juden, die in Deutschland lebte – wie die Familie Grynszpan. Margit Fern erlebte als Vierjährige die Zerstörung ihrer Wohnung während der «Polenaktion». Während der Novemberpogrome einige Tage später wurde ihre Mutter verhaftet und misshandelt, die Kinder blieben alleine in der leeren Wohnung zurück.

Später gelang der Mutter mit den beiden Kindern die Flucht nach Frankreich, wo sie Krieg und Verfolgung überlebten. 1961 lernte sie Walter Strauss in einem jüdischen Hotel in Lugano kennen. Sie gründeten in Baden eine Familie, Walter Strauss übernahm 1964 die Leitung der Kleiderfabrik seines Onkels.

Die Kleiderfabrik Baden 2007 kurz vor dem Abriss.

Die Kleiderfabrik Baden 2007 kurz vor dem Abriss.

Erinnerung darf nie aufhören

Ihre Tochter Anita Winter hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich für die Holocaust-Überlebenden in der Schweiz einzusetzen und ihre Lebensgeschichten für die Nachwelt zu erhalten. Dazu hat sie 2014 die Gamaraal Foundation gegründet. Die Stiftung engagiert sich neben der Unterstützung der Überlebenden auch in der Holocaust Education.

Anita Winter, Tochter von Walter Strauss, setzt sich für die Holocaust-Überlebenden in der Schweiz ein.

Anita Winter, Tochter von Walter Strauss, setzt sich für die Holocaust-Überlebenden in der Schweiz ein.

Für die Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» erhielt sie 2017 zusammen mit dem Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich den Dr. Kurt Bigler-Preis für hervorragende Projekte im Rahmen der Vermittlung des Holocausts. Die Erinnerung daran darf nie aufhören.

* Dominik Sauerländer, Aarau, Historiker und Dozent für Geschichte und ihre Fachdidaktik