Tempo 30 auf einer Kantonsstrasse, und dies im autofreundlichen Aargau? Die Initianten der Petition für ein tieferes Tempolimit auf der Hertensteinstrasse in Obersiggenthal wussten, dass ihre Forderung kühn war. «Denn für viele Entscheidungsträger im Aargau sind Temporeduktionen ein rotes Tuch», sagte einer der Initianten letztes Jahr.

Trotzdem glaubten sie, dass der Kanton auf der Hertensteinstrasse eine Ausnahme machen würde. «Sie ist derart kurvenreich und schmal, dass das Tempolimit von 50 Kilometern pro Stunde zu hoch ist», schrieben sie in der Petition, die von 500 Personen mitunterzeichnet und an den Gemeinderat überreicht wurde.

Dieser überwies das Begehren an das Departement Bau, Verkehr und Umwelt des Kantons, das eine Verkehrssicherheitsanalyse in Auftrag gab. Das Resultat: Die Sicherheitsstudie hat laut Kanton «keine schweren Defizite mit Handlungsdruck» ergeben. Abweichende Geschwindigkeiten könnten rechtlich nicht begründet werden, heisst es in einer Aktennotiz zum Abschlussgespräch, an dem Vertreter des Kantons, der Gemeinde sowie Initianten teilnahmen.

In anderen Worten: Vom Markthof-Kreisel bis zum Reservoir Grüt sowie im Ortsteil Hertenstein wird auch in Zukunft innerorts Tempo 50 und ausserorts Tempo 80 gelten. Der Entscheid des Kantons ist für die Petitionäre nicht nachvollziehbar. «Aus unserer Sicht zeigt die Verkehrssicherheitsanalyse sehr wohl dringenden Handlungsbedarf auf», sagt Kurt Gantenbein.

So habe die Analyse beispielsweise ergeben, dass in der Geraden nach der Häfelerkurve in beiden Richtungen zu schnell gefahren wird. «Für den Kanton ist das offenbar kein Problem.» Die Analyse kommt ausserdem zum Schluss, dass Autofahrer bei Fussgängerstreifen in zehn Prozent der Fälle den Vortritt missachteten. «Aus unserer Sicht ist dies ein Anzeichen dafür, dass die Sichtverhältnisse mit Tempo 50 nicht ausreichen», sagt Kurt Gantenbein.

Ausserdem würde der Radius der Häfelerkurve gemäss Strassennorm nur eine Geschwindigkeit unter 40 km/h zulassen, ist er überzeugt.

«Kinder sind besonders gefährdet»

Besonders gefährdet sind aus Sicht der Petitionäre die Kinder. Gantenbein: «Die Hertensteinstrasse ist für Kinder vom Häfeler-Quartier und vom Hertenstein der einzig mögliche Schulweg. Die Strasse ist so eng, dass sie mit dem Velo unter gefährlichsten Bedingungen fahren müssen. Es wäre sehr viel sicherer, wenn Tempo 30 gelten würde», ist er überzeugt.

Die Analyse zeigte zudem auf, dass Kinder mehrheitlich auf dem Trottoir fahren, bergwärts in rund 85 Prozent der Fälle, talwärts bei jeder zweiten Fahrt. «Das ist rechtlich zwar verboten, aber viele Kinder fühlen sich dadurch sicherer», sagt Gantenbein. Doch selbst auf dem Trottoir sei es gefährlich. «Wenn sich zwei Lastwagen im Kurvenbereich kreuzen, müssen sie auf das Trottoir ausweichen, und es kommt gerade bei Tempo 50 zu brenzligen Situationen.»

Kanton verspricht Verbesserungen

Giuliano Sabato, Kreisingenieur beim Kanton Aargau, begründet das Nein zu Tempo 30 folgendermassen: «Die ganz grosse Masse der Verkehrsteilnehmer hat sich bei den Messungen korrekt verhalten. Das Geschwindigkeitsniveau war angemessen, und die Verkehrsteilnehmer verhielten sich rücksichtsvoll und vorsichtig.» Bei der bevorstehenden Sanierung der Hertensteinstrasse werde es jedoch Verbesserungen geben. «Unter anderem planen wir Massnahmen, damit auf der Geraden nach der Häfelerkurve das Tempolimit eingehalten wird.

Zudem ist bergwärts, wo möglich, ein Radstreifen vorgesehen. Aber aufgrund der engen Platzverhältnisse wird ein Radstreifen nicht durchgehend möglich sein.» Zur Debatte um einen möglichen Radstreifen sagte ein Vertreter des Kantons laut Aktennotiz: «Ob Velos überholt werden oder nicht, hängt von den Platz- und Sichtverhältnissen ab. Eine veränderte signalisierte Höchstgeschwindigkeit hätte erfahrungsgemäss nur einen kleinen Einfluss.»

Die Petitionäre um Kurt Gantenbein haben die Hoffnung, dass auf der Hertensteinstrasse dereinst Tempo 30 gelten wird, noch nicht aufgegeben. Er wiederholt seine Worte vom letzten Jahr: «Es ist wie beim Frauenstimmrecht. Das Thema sorgt für heisse Diskussionen und Polemiken, aber früher oder später wird es sich durchsetzen.»