Der Mann versprüht Energie. Dabei ist es 5 vor 12. Nicht für ihn, sondern für ein Kammerorchester mit fester Streicherbesetzung.

Der Dirigent Cristoforo Spagnuolo und die Geigerin Renate Steinmann haben vor wenigen Jahren das Stella Maris Orchestra gegründet – und sich damit einen lange gehegten Traum erfüllt. «Das Ensemble versteht sich als Orchesterschule», betont Spagnuolo: «Junge Streicher bekommen die Chance, auf hohem Niveau das Repertoire eines Kammerorchesters zu erproben; Profis und Hochbegabte spielen gemeinsam.»

Der Name des Orchesters («Stern des Meeres») spielt auf die enge Verbindung mit der Kantonsschule Wettingen im ehemaligen Kloster Wettingen an, wo die beiden Orchestergründer unterrichten.

«Ein Meerstern strahlt am Konzerthimmel» titelte diese Zeitung nach dem fulminanten Debüt des Orchesters vor drei Jahren in der Klosterkirche Wettingen. Seither hat sich das Ensemble erstaunlich entwickelt. Spagnuolo freuts: «Heute können wir dank der Aufbauarbeit die Ernte einfahren.»

Neugierig und unerschrocken durchforstet das Stella Maris Orchestra das Repertoire: Es spielt Werke von Vivaldi – unter Berücksichtigung der historischen Aufführungspraxis –, aber auch eine Sinfonie des früh verstorbenen Haydn-Zeitgenossen Joseph Martin Kraus; Stücke von Piazzolla, Mussorgski oder Schostakowitsch: wobei diese in der Klosterkirche Wettingen, der Kirche Seon, auf Schloss Lenzburg oder – im Falle von «From Russia with Love» – sogar in einer Garage in Baden-Dättwil zu hören sind. Mit einem Wort: Der Stern des Meeres strahlt.

Aber jetzt ist er ernstlich bedroht. Zwar hat am 17. Oktober das Herbstprogramm «Der Liebeszauber – El Amor Brujo» Premiere, doch es fehlt ein fünfstelliger Betrag, um die Kosten zu decken. Wohlverstanden: Es geht nicht um fette Gagen, sondern einzig und allein darum, das Orchester, in dem hochbegabte junge Menschen mitwirken, am Leben zu erhalten. Würde Spagnuolo nicht in einer Mischung aus Pragmatismus und Optimismus an ein Wunder glauben – er hätte wohl schon kapituliert. Doch aufgeben? «Kommt nicht infrage», sagt er und lächelt, trotzdem die finanzielle Lage des Wettinger Orchesters «sehr angespannt» ist.

Stiftungsgelder, erklärt der Dirigent, sprudelten heutzutage weit weniger, als noch vor einigen Jahren, aber: «Wir hoffen auf einen Swisslos-Beitrag.» Natürlich unterstütze ein treuer Mitgliederverein das Orchester, fährt Spagnuolo fort; zudem seien die Konzerte sehr gut besucht. «Alles in allem sind das aber doch kleine Tässchen, die den Krug nicht füllen können.»

Wenngleich der finanzielle Horizont des Wettinger Ensembles düster aussieht, plant Spagnuolo weiter. So soll das Orchester im Aargau noch bekannter werden, weshalb es in zwei Wochen erstmals im Kultur und Kongresshaus Aarau auftritt. Im Frühling 2015 will Spagnuolo zum 80-Jahr-Jubiläum der Wettinger Sommerkonzerte «Saul» stemmen. Dieses Vorhaben lässt den Dirigenten strahlen: «Das Händel-Oratorium ist ein Musical aus der Barockzeit.» Das Projekt ist in mancherlei Hinsicht speziell: Spagnuolo spielt einerseits eine Neuedition des Werks als Schweizer Erstaufführung; andererseits wirken Solisten mit, die einst die Kantonsschule Wettingen besucht haben: Noëmi Sohn, Daniel Pérez und Dino Lüthy.

Weiter als bis zum Herbst 2015 denkt Cristoforo Spagnuolo nicht. Mit «Ausfahrt Lenzburg: Coco Chanel am Sonnenberg» gibt er seinem Gegenüber Rätsel auf. In den Augen des Dirigenten blitzt es belustigt auf: «Am Sonnenberg hat Peter Mieg gewohnt. Dort ist auch sein Tripelkonzert entstanden, das unser Orchester mit unseren Stimmführern spielen wird.» Ach ja, vielleicht wird dann sogar eine Komposition der 28-jährigen Schweizer Komponistin Stephanie Haensler uraufgeführt. Und dann?