Nur wenige Wochen liegen zwischen Oliver Schnyders Rezital im Gartensaal der Villa Boveri und dem jüngsten in der Druckerei Baden: eine zu kurze Zeit, um eine Interpretation reifen zu lassen? Nein. Freudig überrascht nimmt man bei der Wiederbegegnung mit Schnyders Interpretation von Ludwig van Beethovens Hammerklaviersonate teil an einer herausfordernden Reise, die den Pianisten mittlerweile schon weit geführt hat.

Gestärkt durch vorausgegangene Konzerte mit diesem Mount Everest der Klavierliteratur, weiss Schnyder, wo er noch mehr akzentuieren und riskieren kann: gerade im Wissen, dass das kurzzeitige «den Faden verlieren» im Bereich des möglichen liegt. Erneut nimmt der vertrackte Kopfsatz gefangen, der aufzeigt, wie wenig sich Beethoven um das Machbare gekümmert hat. Schnyder spielt diesen Satz jetzt noch schneller und mutiger.

Die anfänglichen Fortisissimo-Akkorde sind wuchtiger, jedoch wiederum von einem tänzerisch-spritzigen Gestus beseelt. «Leidenschaftlich und mit Gefühl»: So wollte Beethoven sein riesiges Adagio sostenuto gespielt haben. Einige Pianisten wählen dafür ein extrem langsames Tempo und lassen die Musik so ins Stocken kommen. Schnyder nicht. Er hält inne, ohne den Fluss der Musik abzubremsen.

Deshalb zerbröselt dieses von so viel schmerzlicher Schönheit durchdrungene Adagio nicht in lauter «schöne Stellen», sondern ist – bei relativ zügigem Tempo – eine Vorbereitung auf die schwere, finale Fuge. Bei Oliver Schnyder ist die Auseinandersetzung mit ihr gerade deshalb so mitreissend und bewegend, weil er das Publikum an der manuellen, physischen und emotionalen Beanspruchung teilhaben lässt. Da kann es einen Pianisten auch mal aus der Kurve tragen – doch was tuts? Oliver Schnyder findet wieder in den Satz – und damit auch das Publikum.

Neu Intendant des Davos Festivals

Gegen diesen «Höllenritt» am Ende geht beinahe vergessen, dass Schnyder zuvor Franz Schuberts späte Sonate in c-Moll, D.958 gespielt hat – als Vorahnung auf Beethovens Hammerklaviersonate. Das heisst: Herausmeisseln von Kontrasten; Gegensätze stehen lassen, ohne nach Überbrückungen zu suchen; melodisches Verströmen im langsamen Satz und diesem die bei Schubert so oft hereinbrechenden Abstürze gleichsam als Subtext zu unterlegen.

Man atmet erst einmal tief durch – und beginnt mit Blick in die Zukunft sogleich zu träumen: von einem Rezital Oliver Schnyders mit Schuberts drei letzten Klaviersonaten. Zuletzt noch dies: Der Ennetbadener Pianist wird ab 2019 neuer Intendant des Davos Festivals.