Kolumne

Oktoberfest auf dem Badener Trafoplatz: Nein, danke…

Gaudi auf der Badener Wiesn.

BT-Kolumnist Simon Balissat schreibt über seine Aversion gegen das kollektive Humpenheben in Baden. Ein herkömmliches Feierabendbier unter Kollegen ist ihm lieber.

Ab heute Donnerstagabend heisst es wieder «O’zapft is» zum Badener Oktoberfest. Was in München Tradition hat, ist in dieser Stadt nur lächerlich. Findige Event-Scharlatane haben beschlossen, den ohnehin hässlichen Trafoplatz mit einem Zelt zu versehen, Bier in Literkrügen auszuschenken und dazu trockene Brezn und noch trockenere Poulets zu servieren.

Im Package von 60 Franken ist ein Hauptgang (Wert: 25 Franken) und ein Bier inbegriffen. Auf der Bühne gibt es irgendeine Kapelle, die im Halbstundentakt mit dem Lied «Ein Prosit» zum kollektiven Humpenstemmen aufruft und den überrissenen Eintrittspreis legitimieren soll. Dass die Party dann in Fahrt kommt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche oder das Gekotze auf der Oktoberfest-Toilette.

Die Bilder von der letztjährigen Eröffnung:

Weil auch hartgesottene Oktoberfest-Fans nicht mehrmals 60 Franken abdrücken, um ein Bier zu trinken und einen Hauptgang zu essen, gehen die Organisatoren beim lokalen Klein- und Mittelgewerbe hausieren. Den KMU – dem «Fundament» der Schweizer Wirtschaft – lässt sich hervorragend vorgaukeln, dass ein Tisch am Oktoberfest der Teamanlass ist, auf den die geschätzte Belegschaft gewartet hat. Die KMU beissen freilich munter an und hauen die Kohle aus dem Teamevent-Budget auf den Biergarten-Tisch.

Die Firma zieht also geschlossen nach Feierabend in Lederhosen und Dirndl gehüllt ins Bierzelt. Spätestens nach der ersten Mass steht der Chef auf der Bank und gafft der Praktikantin in den Ausschnitt. Nach der zweiten Mass kauft der Patron spendabel einen ganzen Korb mit kleinen Schnäpsen, was die Stimmung zum Kochen bringen soll. Schnell geöffnet, klemmen sich alle die Deckel des Schnäpschens auf die Nasenspitze, prosten sich zu und trinken das mit Industriealkohol und künstlichen Aromen angereicherte Zuckerwasser in einem Schluck weg.

Die Band stimmt zu immer grösseren Gassenhauern an und Urs von der Buchhaltung hat schon das erste Mal neben den Tisch gekotzt. Lorena vom Empfang und Ivan aus dem Lager haben das gar nicht mitbekommen, da sie eng umschlungen am Ende des Tisches sitzen und sich gegenseitig die Zunge in den Hals stecken. Ivans Verlobte wird davon nichts erfahren, weil die Devise «Was beim Oktoberfest geschieht, bleibt beim Oktoberfest» in der Firma hochgehalten wird.

Mir ist da das ehrliche Feierabendbier mit den Kolleginnen und Kollegen viel lieber. Das ist weder an eine Jahreszeit, noch an irgendeinen Event-Kram gebunden. Gehen alle in meiner Abteilung geschlossen ans Oktoberfest, dann gehe ich ans traditionelle finnische Oktoberfest «Kalsarikännit». «Kalsarikännit» steht für «Ich betrinke mich alleine zu Hause in Unterhosen».

Das sind die Bilder vom Oktoberfest 2018:

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