Das 1512 erbaute Haus zum Löwen am Eingang zur Weiten Gasse beim Löwenbrunnen steht heute unter Denkmalschutz. Seit 1848 befindet sich darin das Badener Tabakhaus, zuvor befand sich ein Wirtshaus in den Räumlichkeiten. Der Tabakladen war bis 1973 im Besitz der Familie von Franz Reisse-Kaufmann – ab 1910 geführt von Sohn Franz Junior und ab 1925 von Neffe Otto Saxer. Die markante Deckenbemalung im Jugendstil und die altmodische Einrichtung mit dunklem Holz zeugen noch aus dieser Zeit. Über dem Tresen baumelt weiterhin der Gasschlauch, mit dem sich die Kunden früher die Zigarren anzündeten. An der Flamme fingen die Haare einer Kundin einst Feuer – sie rettete ihre Frisur im nahen Löwenbrunnen. Nach der Renovation 2009 wurde die Gasleitung abgeschaltet.

Die heimelige Atmosphäre des Ladens sei einer der Gründe, weshalb viele Kunden gerne immer wieder kommen, sagen die heutigen Besitzerinnen, die Schwestern Michèle Clemen und Denise Werder. «Manche Kunden rauchen gar nicht selbst, sondern kommen nur, um Lottoscheine abzugeben. Sie freuen sich einfach, dass das Tabakhaus noch aussieht wie in ihrer Kindheit», sagt Werder. Nebst Tabakwaren und -zubehör aller Art sind heute auch kleinere Kioskartikel erhältlich.

1922 war der Geschäftseingang im Jugendstil gestaltet.

1922 war der Geschäftseingang im Jugendstil gestaltet.

2004 übernahmen Sepp und Trudi Wirth, die Eltern der Schwestern, das Tabakhaus von Romy Sekinger, einer Lehrtochter von Otto Saxer. «Unser Vater wollte sich seit eh und je selbstständig machen. Seine Mutter betrieb zu Hause einen Lebensmittelladen und er ist da quasi damit aufgewachsen», erzählt die 33-jährige Clemen. Die Schwestern waren sofort begeistert von dem neuen Steckenpferd der Eltern. Beide halfen immer wieder im Verkauf aus. «Es hat sich von Anfang an wie ein Familienunternehmen angefühlt», sagt Werder. Die 37-Jährige studierte damals Wirtschaftswissenschaften und kümmerte sich um die Buchhaltung des Unternehmens. Clemen hingegen übernahm den Aufbau der Homepage, des Onlineshops und der Facebook-Seite.

Zwar waren beide in ihren Jobs voll eingespannt, als die Eltern ihren Rückzug in den Ruhestand ankündigten. Die Geburt des jeweils ersten Kindes brachte bei beiden Schwestern die Wende: «Im Tabakhaus liessen sich Familie und Beruf besser vereinbaren», so Clemen. Den Laden, den ihre Eltern über Jahre hinweg zum Familienunternehmen machten, wollten Clemen und Werder nicht aufgeben. 2016 schliesslich übernahmen die Schwestern. Die Eltern konnten ihre Arbeit ein Jahr zuvor mit der Nominierung für den «Golden Band Award» von Davidoff, dem «Zigarren-Oscar», krönen.

«Dass die Stammkunden uns schon kannten, war ein enormer Vorteil. Wir konnten uns in ein gemachtes Nest setzen», erzählt Clemen. Bis heute bleibt die Stammkundschaft höchstes Gut für das Tabakhaus. Von ihren Eltern haben die Schwestern gelernt, dass Freundlichkeit und Small Talk die Schlüssel zur Kundenbindung sind. Nicht nur gesprächige ältere Kunden würden die Treue halten, sondern auch jüngere dazugewonnen werden. Mit Shishas und E-Zigaretten ist das Sortiment zeitgemäss erweitert.

«Wir geben alles, damit wir weiter existieren können», sagt Werder. Zwar sind sich die Schwestern bewusst, dass die Umsätze ihres Unternehmens in guten Jahren höchstens stagnieren. Trotzdem sind sie sicher, dass sie mit Marktbeobachtung und Kundenbindung weiterbestehen können. Werder: «Ich glaube, dass das Tabakhaus 2048, zum 200-jährigen Jubiläum, noch immer existieren wird. Ich weiss einfach noch nicht, wie es dann aussieht.»