Baden

Neuheit im Aargau: Hier erhalten Süchtige schneller Hilfe

Tobias Hochstrasser und Sharon Katz beraten Süchtige.

Tobias Hochstrasser und Sharon Katz beraten Süchtige.

Das Badener Beratungszentrum BZBPlus bietet offene Suchtsprechstunde an, bei der keine Voranmeldung nötig ist. Das niederschwellige Angebot, das Ende Oktober lanciert wird, ist im Kanton Aargau einmalig.

Sandros Freundin ist verzweifelt. Sie hat ihn soeben dabei erwischt, wie er in der Abstellkammer heimlich eine Flasche Rum trinkt. Zum wiederholten Mal schon morgens um 10 Uhr. Der Alkoholiker verspricht unter Tränen, sich zu bessern, vereinbart sogar einen Termin mit einer Suchtberaterin. Doch zwei Wochen später lässt er den Termin wieder sausen. «Ich habe doch alles im Griff», meint er. So wie Sandro geht es vielen Süchtigen. Gleich zwei Hemmschwellen müssen sie überwinden, um sich helfen zu lassen: den Hörer in die Hand nehmen und später den vereinbarten Termin auch wahrnehmen. Mit der kostenlosen, offenen und auf Wunsch anonymen Suchtsprechstunde beim Beratungszentrum BZBPlus in Baden, bei der keine Voranmeldung nötig ist, fallen diese Hürden nun weg. Das niederschwellige Angebot, das Ende Oktober lanciert wird, ist im Kanton Aargau einmalig.

«Wir beobachten immer wieder, dass sich Menschen für eine Beratung anmelden, dann aber nicht zum vereinbarten Termin erscheinen», sagt Sharon Katz. Die 52-jährige Sozialarbeiterin FH arbeitet seit 25 Jahren in der Suchtberatung und ist stellvertretende Geschäftsleiterin des BZBPlus in Baden. Die Ratsuchenden hätten bei der Kontaktaufnahme einen ausreichenden Antrieb, das Thema anzugehen. «Dieser Antrieb ist der ambivalenten Wahrnehmung der eigenen Suchtproblematik gegenüber ausgesetzt und kann sich daher schnell verändern», sagt Sharon Katz. Sprich: An einem Tag möchte der Süchtige etwas verändern, einen Tag später hat er das Gefühl, alles wieder unter Kontrolle zu haben. «Mit der offenen Suchtsprechstunde wollen wir dies aufgreifen.»

Suchtprobleme variieren von Drogen bis Kaufsucht

Dieselben Erfahrungen macht auch Suchtberater Tobias Hochstrasser. Er erzählt von einem Pärchen, das sich erst nach mehreren Anläufen in einem Beratungsgespräch helfen liess. «Viele Betroffenen brauchen mehrere Monate, bis sie sich überwinden können», sagt der 38-jährige Sozialarbeiter FH. Das hätten nicht nur Rückmeldungen in den Gesprächen gezeigt, sondern auch eine Umfrage, die das BZBPlus in diesem Jahr im Auftrag des Kantons bei allen Neuanmeldungen durchführt. «Das hat uns dazu bewogen, die offene Suchtsprechstunde insLeben zu rufen, bei welcher der Zugang zu Beratungen möglichst einfach und schnell ist.»

Bei den Betroffenen handelt es sich aber nicht nur um Drogenabhängige. Die Ursachen für eine Abhängigkeit sind vielfältig: Sie reichen von Alkohol, Medikamenten und andere Drogen über Glücksspiel, Game-, Kauf-, Sex-, Online- oder Arbeitssucht. Das Alter der Betroffenen variiert je nach Suchtform zwischen 12 und etwa 80 Jahren. Die Suchtsprechstunde richtet sich aber nicht nur an Süchtige, sondern auch an Angehörige und solche, die nicht unmittelbar betroffen sind. Das kann auch eine Chefin sein, deren Mitarbeiterin Suchtprobleme hat, oder ein Turner, dessen Vereinskollege süchtig ist. «Wir halten das Angebot bewusst offen», sagt Sharon Katz. «Damit wollen wir auch einen Beitrag leisten, das Thema zu entstigmatisieren – denn Sucht und psychische Themen sind nach wie vor etikettiert.»

Sprechstunde wird in vier ­Sprachen angeboten

Das Gespräch in der Suchtsprechstunde dauert jeweils rund 15 Minuten. Aufgrund der Zusammensetzung der Mitarbeitenden werden diese nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch, Französisch und Spanisch angeboten. «Wir lassen unsere Klienten zuerst erzählen und ermitteln ihre Anliegen», sagt Tobias Hochstrasser. «Als Nächstes suchen wir mit den Klienten nach Antworten, vermitteln ihnen Informationen oder zeigen ihnen nächstmögliche Schritte auf. Das können ambulante Beratungen beim BZBPlus sein, ein stationärer Entzug oder eine Vernetzung zu einer anderen Fachstelle.»

Dabei sei es wichtig, den Schwung zu nutzen, der die betroffene Person veranlasste, die Sprechstunde aufzusuchen. «So geben wir beispielsweise nicht nur die Nummer einer Entzugsklinik heraus, sondern stellen auch gleich das Telefon zur Verfügung, damit der Klient direkt Kontakt aufnehmen kann.» Je nach Erfahrungen, den die Suchtberater beim Pilotprojekt nun sammeln, könne das Angebot noch angepasst werden.

Offene Suchtsprechstunde BZBPlus, ohne Anmeldung, jeweils dienstags, 13 bis 14.30 Uhr; Mellingerstrasse 30, Baden.

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