Demnächst bewirbt sich rund ein Dutzend traditionsreicher europäischer Thermalkurorte um eine gemeinsame Aufnahme ins Weltkulturerbe der Unesco – darunter Baden-Baden, Vichy, das englische Bath, die drei tschechischen Bäder Karlsbad, Franzensbad und Marienbad sowie Baden bei Wien.

Baden im Aargau steht dagegen nicht auf dieser Liste. Dabei war Baden im Mittelalter und bis ins 16. Jahrhundert der wohl bedeutendste Thermalbadeort im Deutschen Reich, wie die Archäologin und Historikerin Andrea Schaer schreibt. Trotzdem sei Baden «nie wirklich im Dunstkreis der Kandidatenstädte für das Welterbe» gewesen.

Andrea Schaer, die parallel zu ihren laufenden Projekten als Archäologin an der Uni Bern an einer Doktorarbeit über die Grabungsergebnisse in den Badener Bädern arbeitet, hat vor kurzem eine neue wissenschaftliche Arbeit zur Geschichte der Bäder publiziert. Entstanden ist sie als Beitrag zu einem Kolloquium Anfang des Jahres in Bern.

Nun sind die Beiträge in der von der «Gesellschaft Archäologie Schweiz» herausgegeben Reihe «Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter» erschienen – und sie sind auch online abrufbar. Die ursprünglich als Überblick über die Epochen von der Altsteinzeit bis ins Mittelalter geplante Publikationsreihe wurde zeitlich erweitert, sodass nun der archäologische Blick bis ins 19. Jahrhundert reicht.

«Baden war der wohl bedeutendste Thermalbadeort im Deutschen Reich»: Andrea Schaer, Archäologin.

«Baden war der wohl bedeutendste Thermalbadeort im Deutschen Reich»: Andrea Schaer, Archäologin.

Baden ist einzigartig

Schaer schreibt, vor dem Hintergrund der erwähnten Welterbekandidatur bekomme die seit 2009 laufende Forschung in den Badener Bädern zusätzliche Bedeutung. Die Arbeiten «in und zu Baden» würden weit über die Schweiz hinaus zum Verständnis des «europäischen Kulturphänomens der Badekultur» vom Mittelalter bis in die Moderne beitragen. Denn: In den genannten Kandidatenstädten wäre das, was Baden für die Forschung bietet, gar nicht mehr vorhanden.

Als Forschungsleiterin im Auftrag der Kantonsarchäologie begleitet Schaer auch die Bauarbeiten für die Neugestaltung des Bäderquartiers. In ihrer jüngsten Arbeit beschreibt sie, wie Baden im Mittelalter als «Wildbad» ausserhalb der «zivilisierten» Altstadt galt.

Die Bezeichnung war üblich für Thermalbäder, die meist ausserhalb der befestigten Städte lagen. Das hiess aber nicht, dass in den Badeorten nicht auch ein urbanes, zivilisiertes Lebensgefühl herrschte. Baden kam – ähnlich wie etwa Aachen – im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit eine besondere Reputation zu, weil hier schon die Römer badeten.

Aus der Vogelperspektive: ein Flug über die Badener Bäderquartier-Baustelle

Aus der Vogelperspektive: ein Flug über die Badener Bäderquartier-Baustelle

(September 2018)

Als wichtigster Kurort im Reich blühte Baden bis im frühen 17. Jahrhundert auf. Schaer zeigt, wie mit den Grabungen der letzten zehn Jahre die Entwicklung ab dem Frühmittelalter nachweisbar ist. Im Hochmittelalter entstand der «Hof nid dem Rain», der spätere Staadhof, als erster Badgasthof.

Später kam der Hinterhof dazu, in dem bei den Grabungen mehrere ineinander geschachtelte Badebassins aus dem 14. bis ins 19. Jahrhundert zum Vorschein kamen. Bemerkenswert ist auch das «Beschlossene Bad» über der Paradisquelle im Hotel Ochsen, das als Badehaus fünf Meter hohe Arkaden aus Tuffstein hatte, die heute immer noch sichtbar sind.

Ein Glücksfall für die Forschung

Akribisch beschreibt Schaer die städtebauliche Entwicklung des Badelebens mit all seinen Freuden. So heisst es etwa: «Während den täglich 6 bis 8 Stunden, welche die Badenden im Wasser verbrachten, wurde gespielt, gegessen, getrunken, musiziert, geschäkert und sogar über Vergehen gegen die Badesitten Gericht gehalten.» Die neuartige Trinkkur leitete im 17. Jahrhundert einen Niedergang ein, der nach einem kurzen Wiederaufschwung in der Belle Epoque bis in unsere Zeiten anhielt.

Schaer kommt zum Schluss, es sei für die Forschung ein Glück, dass der Kurort Baden im Kurboom des 19. Jahrhunderts keine so umfassende Erneuerung erfuhr wie andere Heilbäder: «Das Fehlen eines investitionsfreudigen Souveräns, Staats oder eines Mäzens und dadurch weniger exzessive bauliche Entwicklung des Kurortes bewahrte erhebliche Teile der historischen Bausubstanz.» Bevor das neue Thermalbad von Mario Botta in drei Jahren feierlich eröffnet wird, lässt es sich in Andrea Schaers Artikel in 2000 Jahren Bädergeschichte schwelgen. Die Lektüre lohnt sich.

Andrea Schaer: Baden AG – vom Wildbad zum Kurort, in: Die Schweiz von 1350 bis 1850 im Spiegel archäologischer Quellen, Archäologie Schweiz, Basel 2018.