Es ist gar nicht so einfach, sich in diesen Tagen mit Jonas Fricker, dem neuen Aargauer Nationalrat der Grünen, zu verabreden. Zwischen Termin mit «Tele M1» und dem Auftritt im «Club» vom Schweizer Fernsehen öffnet sich dann aber doch ein kleines Zeitfenster.

Während des rund zweistündigen Gesprächs muss Fricker das Handy auf lautlos stellen, ansonsten würde das Gespräch immer wieder unterbrochen. «In meiner Mailbox sind an die 150 Mails, die ich noch gar nicht richtig lesen konnte», so Fricker.

Der 38-jährige Badener ist ein gefragter Mann. Am Sonntag verteidigte er den Sitz des abtretenden Geri Müller und setzte sich im parteiinternen Rennen gegen seine Kontrahentin Irène Kälin aus Lenzburg durch, obwohl sie auf dem ersten Listenplatz figurierte.

«Jetzt muss ich mich warm anziehen»: Deshalb hat Jonas Fricker Respekt vor seinem neuen Amt.

«Jetzt muss ich mich warm anziehen»: Deshalb hat Jonas Fricker Respekt vor seinem neuen Amt.

Mit 21 273 gegen 18 749 Stimmen Vorsprung fiel das Resultat schliesslich deutlich zu seinen Gunsten aus. «Vor den Wahlen habe ich meine Chancen auf 50 Prozent eingeschätzt, dass es jetzt so deutlich reichte, freut mich natürlich.»

Wo sieht er die Gründe? «Einerseits habe ich sicher davon profitiert, dass ich im wählerstärksten Bezirk Baden bekannter bin als Irène. So habe ich allein in der Stadt Baden über 700 Stimmen mehr gemacht als sie.»

Als zweiten Grund führt Fricker sein grosses Netzwerk ins Feld. «Irène Kälin konnte wegen ihrer Ständeratskandidatur ihren Bekanntheitsgrad im Kanton steigern. Ich hingegen konnte auf mein grosses Netzwerk bauen, das ich über all die Jahre aufgebaut habe.»

Note 5,72 im ETH-Vordiplom

Tatsächlich hat der Badener politisch schon viele Spuren hinterlassen. Bereits 2001 wurde er für das Team Baden ins Badener Parlament gewählt. Diesem gehört er auch heute noch an, wobei er zweimal zurückgetreten und wieder zurückgekehrt war.

2006 trat er zum ersten Mal zurück, weil er an einem Forschungsprojekt über nachhaltige Gemeindeführung tätig war und nicht in einen Interessenskonflikt geraten wollte.

2011 trat er zurück, weil er mit seiner Familie – für die Karriere seiner Frau – für zwei Jahre nach Amsterdam zog. Dass Fricker immer wieder zurückkehrte, kommt nicht von ungefähr, bezeichnet er sich doch als Ur-Badener.

Der neue Nationalrat Jonas Fricker in der Sendung «Fokus» von Tele M1 über grüne Politik im Aargau. (20.10.2015)

Der neue Nationalrat Jonas Fricker in der Sendung «Fokus» von Tele M1 über grüne Politik im Aargau. (20.10.2015)

Zusammen mit seinen einiges jüngeren zwei Geschwistern wuchs er in Rütihof auf. «Kaum von der Schule nach Hause gekommen, habe ich den Schulthek jeweils in eine Ecke geworfen und bin Fussballspielen gegangen; ich konnte nicht genug kriegen vom Tschutten.»

Er sei als Kind und Jugendlicher eine richtige Kampfsau gewesen. «Wahrscheinlich, weil ich immer einer der Kleinsten war und mich durchsetzen musste.»

Er hat beim FC Baden und beim FC Fislisbach getschuttet. «Im Mittelfeld; ich war auch im Sport der Lenker und Stratege», so Fricker lachend.

«Doch weil ich durch und durch ein fairer Mensch bin, habe ich mit Fussball aufgehört. Da liefen einfach viele kleine Dreckeleien.» Daneben war für ihn – wie für so viele Rütihöfler – die Jungwacht sehr wichtig. «Das war ein richtiger Knäuel; es gab viele Jungwacht-Päärli, von denen nicht wenige noch heute zusammen sind und sogar eine Familie gegründet haben.»

Das Interesse für die Natur und Umwelt machte sich bei Fricker früh bemerkbar. «Während vielen Jahren fuhr ich fast jeden Tag mit dem Velo von Rütihof über den Hühnersteig nach Baden in die Schule; das war für mich Seelenreinigung.»

Dabei habe er in Kauf genommen, dass vieles, was vor allem im Schulbus an sozialen Kontakten gepflegt wurde, an ihm vorbeiging. «Es gingen überhaupt viele Trends an mir vorbei; ich war immer schon ein eigenständiger Typ», so Fricker rückblickend.

Wahrscheinlich habe er das auch von seinem vor zwei Jahren verstorbenen Vater geerbt. «Er war mein Vorbild, ein Abenteurer und sehr naturverbunden. Er reiste als junger Vater mit dem Velo nach Afrika oder verbrachte ein halbes Jahr in der kanadischen Wildnis. Meine Freunde fanden immer, ich hätte einen super tollen Vater.

A propos verpasste Trends: «Herr Fricker, sind Sie auch wie so viele andere junge Erwachsene ausgebrochen und haben exzessive Zeiten erlebt?» Fricker: «Nicht wirklich. Geraucht habe ich nicht, Kiffen habe ich einmal ausprobiert. Irgendwie hat mich das nie richtig interessiert.»

Nach der Bezirksschule in Baden besuchte Fricker die Kanti Baden, wo er den Typus C (Mathematik) machte und die Matura als Klassenbester absolvierte.

Selbstbewusst sagt er: «In Sachen Zahlen und Mathematik bin ich sehr intelligent; ich bin ein präziser Schnelldenker.» Bei den Sprachen hingegen habe er sich immer die Zähne ausgebissen.

Manchmal frage er sich, ob er aus seinem Talent genügend gemacht habe. Nach einem Zwischenjahr schrieb er sich an der ETH in der Fachrichtung Umweltnaturwissenschaften ein.

Das erste Vordiplom schloss er mit einer Note von 5,72 ab. «Ich hatte sehr viel in dieses Vordiplom investiert; wollte wirklich gut abschneiden.» Doch an diesem Punkt sei er zur Erkenntnis gekommen: «Es lohnt sich gar nicht, so viel zu investieren. Ich möchte gar nicht mehr immer der Beste sein.»

Kam hinzu, dass Fricker merkte, dass ihn Zahlen und Wissenschaft alleine nicht glücklich machen. «Ich war schon sehr früh – teils zum Leidwesen meiner Lehrer, die ich immer mit Fragen bombardierte – interessiert an den essenziellen Fragen des Lebens.» So liest man denn auch auf seiner Website: «Nachhaltigkeit ist mein Kompass: politisch, beruflich und privat.»

Tatsächlich gingen sein berufliches und politisches Engagement immer Hand in Hand. Während seines Studiums – damals sass er bereits im Einwohnerrat Baden – gründete er zusammen mit Mitstudenten die Klimaschutzorganisation myclimate, die man heute vor allem wegen ihrer Kompensationsmöglichkeiten bei Flügen kennt, wo man sich gegen einen Aufpreis ein besseres Gewissen verschaffen kann.

«Klar, die Erde wird irgendeinmal in einem glühenden Ball aufgehen. Doch bis es so weit ist, sollten wir unserer Lebensgrundlage Sorge tragen und dafür sorgen, dass die Menschen so lange als möglich in guter Lebensqualität auf dieser Erde leben können.» Fricker bezeichnet sich als liberalen Geist. «Ich denke dabei aber weniger an die wirtschaftliche als vielmehr an die gesellschaftliche Freiheit. Und: Es dürfen nicht nur die Stärksten profitieren.»

Naiv oder einfach berechnend?

Manchmal wirkt der «liberale Geist» aber etwas gar naiv und gutgläubig. So sorgte der Präsident der Grünen Aargau in den letzten zwei Jahren immer wieder für Schlagzeilen. Erst war da der Tweet nach dem Auffliegen von Geri Müller Selfies mit dem Inhalt «Üble Sache Geri, Deine Integrität Ruhe in Frieden», den aber nicht er abgesendet habe, beteuert Fricker.

Später legte er Geri Müller nahe, als Nationalrat zurückzutreten. Brisant: Fricker selber hätte Müllers Platz eingenommen. Wenige Monate später warnte er in einen Tweet illegalerweise vor einer Polizeikontrolle.

Und in einem Tweet diesen Frühling schrieb er «wie wärs mit dem Projekt Wiedervereinigung der Grünen und der GLP?». Als die Wogen hochschlugen, krebste Fricker – wieder mit einem Tweet – zurück: «Persönlich finde ich eine Fusion mit der GLP keine gute Idee. Die Diskussion darüber aber schon.» Ist dies alles Ausdruck von Naivität oder steckt dahinter gar Programm? «Ich sage tatsächlich geradeaus, was ich denke, ohne jedesmal alle möglichen Konsequenzen zu bedenken.» Aber er habe dazugelernt und begonnen, sich in die Medienrealität zu integrieren.

Doch pointierte, ja gar provozierende Aussagen werde man von ihm auch in Zukunft erwarten dürfen. Fricker liebt es, sein Gegenüber zum Denken anzuregen. So ist auch die Aussage auf seiner Website «glücklich verheiratet, liebender Vater zweier Kinder» zu interpretieren.

Er sei schon gefragt worden, weshalb er so etwas Selbstverständliches betone. «Erstens ist es nicht so selbstverständlich, ich kenne Paare, die nicht glücklich verheiratet sind.» Und zweitens sei es auch Ausdruck von Priorität. «Meine Frau und meine vier- und zweijährigen Kinder sind mir das absolut Wichtigste.»

Zu seiner Freude, bald regelmässig ins Bundeshaus nach Bern reisen zu können, mische sich deshalb auch viel Respekt. «Zwar reduziert meine Frau, die eine Professorenstelle an der Uni Fribourg hat, von 100 auf 70 Prozent. Doch die Kinderbetreuung wird eine grosse Challenge.»

Er selber hat sich erst grad zum Lehrer ausbilden lassen, werde sich aber vorerst auf die Rolle als Hausmann und Nationalrat konzentrieren.

Worauf er sich in Bern am meisten freue? «Informationen aus erster Hand zu bekommen und bei der Meinungsbildung nicht nur auf die Medien angewiesen zu sein.»

Am liebsten würde er natürlich in der Umwelt-, Verkehrs- und Bildungskommission Einsitz und dort weiter an seinem Ruf als «Nachhaltigkeitsexperte» arbeiten.

Wie fest ihm denn in der Stunde des Triumphs sein Vater fehle? «Ich vermisse ihn vor allem als Grossvater für meine Kinder. Ich habe meine Sachen mitgenommen von ihm. Aber es fehlen ganz klar seine Ruhe und seine Musse, die er den Enkelkindern hätte weitergeben können.»

Dafür sei seine Mutter – übrigens seine treuste Wahlhelferin – wahnsinnig stolz auf ihn. «Ich selber habe erst am Sonntagabend, als ich mich zu meiner Frau ins Bett legte, realisiert. Hei, ich bin wirklich Nationalrat!»