Baden

Nationale Notlage, regionale Betroffenheit: «Als Selbstständiger kann ich nicht stempeln, warum?»

So hart treffen die Montagabend beschlossenen Massnahmen des Bundes die lokale Gastronomie und den Detailhandel in der Stadt Baden.

Restaurant Rebstock in Baden, Kurz nach 17 Uhr. «Rebstock»-Wirt Markus Widmer verfolgt am Fernsehen live die Pressekonferenz des Bundes. Er ahnt bereits, was der Bundesrat jetzt gleich verkünden wird – vielleicht auch deshalb gönnt er sich einen Negroni. Bis zum 19. April werden alle Läden, Märkte, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe geschlossen. Ein schwerer Schlag auch für die regionale Gastronomie, den lokalen Detailhandel und die Kulturszene. «Es stehen ungewisse Zeiten an. Ich hoffe auf Entgegenkommen des Vermieters und der Lieferanten», sagt der «Rebstock»-Wirt, nachdem die Übertragung beendet ist. Aber eines könne er versprechen: «Ganz sicher macht der ‹Rebstock› wieder auf, wenn das Ganze überstanden ist.»

In der Zwischenzeit ist Nadine Tobler, Leiterin des Theaters im Kornhaus (Thik) dazugestossen. Erst letztes Wochenende feierte man noch eine Premiere im Thik – mit weniger als 100 Gästen, wie das noch erlaubt war. Tobler macht sich nicht in erster Linie Sorgen um sich oder die Thik-Mitarbeitenden – man sei subventioniert –, sondern um die vielen Künstler. «Die Künstler trifft es wirklich hart, zumal offen ist, ob nach Mitte April der Betrieb wirklich wieder aufgenommen werden kann und sich der Unterbruch schlimmstenfalls bis in die Sommerferien erstreckt.»

Ähnlich tönt es bei Jean-Michel Vionnet, dem Wirt des «Isebähnli». «Wir werden das schon irgendwie überstehen; es wird uns nicht das Genick brechen.» Die Frage sei vielmehr, wie es nach ein paar Wochen weitergehe. «Haben wir dann wieder Normalität? Diese Ungewissheit stellt schon eine Belastung dar.» Aber jetzt gehe es darum Ruhe zu bewahren und den Angestellten Sicherheit zu vermitteln.

Auch Stella Palino von der «Unvermeidbar» hat sich zusammen mit Regisseur Xavier Mestres Emilio und Saskia Ansermot die Pressekonferenz am Computer angeschaut. «Mir gefällt die Verlangsamung in der Gesellschaft. Schade ist nur, dass es hierzu einen Virus gebraucht hat.» Finanziell würden die Massnahmen natürlich einschenken, aber Palino ist überzeugt: «Nach dieser grossen Welle kommt auch wieder ruhiges Gewässer. Wir lassen uns nicht unterkriegen.»

«Teenager haben den Ernst der Lage noch nicht erfasst»

Nicole Brack, Inhaberin der Walter Bar in der Weiten Gasse steht derweil draussen vor dem geschlossenen Lokal. «Die Massnahme trifft auch uns hart, aber ich finde sie trotzdem gut. Auch ich habe Eltern, die bereits über 70 Jahre alt sind, diese gilt es jetzt zu schützen.» Gleichzeitig hat Brack den Eindruck, dass vor allem die Teenager und Jugendlichen noch nicht begriffen hätten, wie ernst die Lage sei. Für ihre Angestellten werde Brack nun Kurzarbeit beantragen, um das Gröbste abzufedern. Auch für Reto Zurflüh, Inhaber der Bodega Bar beim Cordulaplatz, ist der Entscheid des Bundesrats der einzig Richtige: «Die Menschen sollen nun zu Hause bleiben und das Ganze ernst nehmen.» Natürlich mache er sich viele Gedanken um sein eigenes Unternehmen und vor allem um seine Angestellten: «Ich schaue, dass ich den Betrieb sichern kann und meine Mitarbeiter durch die Krise bringe, ohne jemanden entlassen zu müssen», sagt er. Er habe inzwischen Kurzarbeit beantragt.

So wie auch Nicola Manouk. Er ist Geschäftsführer der Almodobar an der Stadtturmstrasse. «Mir ist aber ganz ehrlich, dass der Betrieb während fünf Wochen komplett zu ist, als in dieser Ungewissheit zu leben, zumal die 50-Personen-Regel, die seit Freitag galt, viel Umstände bereitet habe.»

Läden rüsten sich für den Notstand (16.3.2020)

Läden rüsten sich für den Notstand (16.3.2020)

Die Geschäfte aus der Region stellen sich auf den Stillstand ein und bangen teilweise um ihre Existenz. In den Bibliotheken müssen derweil Bücher nicht mehr zurückgebracht werden.

Rolf Gnädinger, Wirt des «Go In» in der Mittleren Gasse macht nicht primär Sorgen um sich: «Wir werden eine Schliessung für ein paar Monate überstehen. Wirklich hart ist die Schliessung für meine zahlreichen Stammgäste, die das ‹Go In› regelmässig besuchen.»

Ziemlich gelassen klingt auch der Inhaber des Restaurants Tex Mex in Wettingen, Ray Patoli: Er sieht in der Krise auch eine Chance: «Ab Dienstag bieten wir nun Hauslieferdienst an. Wer seine Bestellung selber abholen möchte, erhält 10 Prozent Rabatt», erklärt er. Insgesamt hat er 26 Angestellte, dazu gehören auch diejenigen vom Hotel Zwyssighof, das zum Tex Mex gehört: «Ich finde den Entscheid des Bundes gut», sagt Patoli, aber: «Er kommt für mich zwei, drei Wochen zu spät.»

Auch eher gelassen geht Patrick Mösch vom Cateringservice «Crispy Chilly Productions» in Ennetbaden mit der Situation um: «Momentan sind wir noch nicht stark tangiert, da unsere Hauptsaison erst Anfang Juni beginnt.» Aber natürlich: «Sollte es so weiter gehen, kann es an die Existenz gehen», ist er sich bewusst. Anlässe für Familien, die im Mai stattgefunden hätten, seien bereits nach weiter hinten verschoben worden.

«Als Selbstständiger kann ich nicht stempeln, warum?»

Nicht minder betroffen von den einschneidenden Massnahmen des Bundesrates sind der Detailhandel und Anbieter von Freizeitangeboten. Peter Siegenthaler, Inhaber des Spirituosengeschäfts «Cadenhead’s Whisky & more» in der Mittleren Gasse sagte: «Ich musste in den letzten Wochen schon grosse Umsatzeinbussen hinnehmen.» Die Schliessung treffe ihn als Selbstständigen sehr hart. «Ich orte hier eine grosse Lücke im System. Es kann doch nicht sein, dass ich Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge zahle, aber jetzt nicht stempeln gehen kann.» Obwohl er jetzt keinen Umsatz erwirtschaften könne, müsse er Miete und Fixkosten zahlen.

Denise Werder, Mitinhaberin vom Badener Tabakhaus, kann noch nicht genau abschätzen, was die Schliessung für sie bedeuten wird – wenn es denn zur Schliessung kommt. Mit einer kleinen Prise Galgenhumor sagt sie am Telefon: «Vielleicht fallen ja Tabakwaren auch unter den Begriff der Waren des täglichen Gebrauchs.»

Auch Christine Siegrist, Geschäftsführerin von Bücher Doppler in der Badstrasse geht von happigen Umsatzeinbussen aus in den kommenden Wochen. «Etwas Hoffnung haben wir noch dank unseres Online-Versandhandels, der die Verluste etwas abfedern könnte.» Robert Sailer, Inhaber der Papeterie Höchli, hat derweil eine klare Meinung, wie den KMU jetzt geholfen werden muss: «Es braucht jetzt unbefristete, zinslose Darlehen, damit das Gröbst abgewendet werden kann.» Und wie reagieren eigentlich Apotheker auf die jüngste Entwicklung, zumal sie ja offen bleiben dürfen? Roland Wyss, von der gleichnamigen Apotheke Wyss beim Bahnhof: «Es ist nicht so, dass wir jetzt etwa den grossen Reibach machen. Denn man darf nicht vergessen, dass viele Menschen in diesen Zeiten die Apotheke aufsuchen, um Rat zu holen, den wir ihnen auch sehr gerne geben.» Sorge bereitet Wyss die Gesundheit seiner Mitarbeiter. So wird nur noch eine bestimmte Anzahl Kunden in die Apotheke gelassen und vor den Kassen sind Absperrbänder angebracht. «Wenn wir uns nicht gut schützen, riskieren wir, dass wir die Apotheke schliessen müssen.»

Auch nicht betroffen von der Notlage sind Bäckereien, die geöffnet bleiben dürfen. Erst Anfang wurde das frisch renovierte Frei-Café «Bijou» in Wettingen eingeweiht. Dieses gehörte früher zum Café Himmel, dessen Filialen vor etwas mehr als einem Jahr noch vor dem Konkurs standen und von Dominik Frei, Inhaber der Bäckerei Konditorei Frei in Obersiggenthal, gerettet wurde. Nun folgt erneut eine Zeit der Ungewissheit: «Dass wir die Bäckerei offen behalten können, hilft uns natürlich», sagt Frei. Die dazugehörigen Gastronomiebetriebe werden aber geschlossen und abgesperrt: «Damit unsere Kunden genügend Abstand bewahren, werden wir zudem vor den Verkaufstheken Symbole am Boden anbringen.»

Trotzdem werden er und seine Angestellten die aktuelle Notlage aber ebenfalls zu spüren bekommen. Auch Frei hat Kurzarbeit beantragt. Auch die Produktion von Znünibroten oder Sandwiches werde zurückgefahren, weil es weniger Abnehmer hat. Stattdessen plant Frei einen Lieferdienst. Aber mit Einschränkung: «Nur für die Menschen, die besonders gefährdet sind und nicht aus dem Haus sollten.»

Geschlossen bleibt auch das Familienzentrum Karussell. «Aufgrund der aktuellen Lage und zum Schutz unserer kleinen und grossen Besuchenden sowie den Mitarbeitenden haben wir entschieden, dass das ‹Karussell› bis auf weiteres geschlossen bleibt.»

Meistgesehen

Artboard 1