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Nach Missbrauchs-Fall: Wieso Badener Kitas auf männliche Angestellte setzen

Ein Symbolbild mit Seltenheitswert: Ein männlicher Kita-Mitarbeiter beim Znüni.

Ein Symbolbild mit Seltenheitswert: Ein männlicher Kita-Mitarbeiter beim Znüni.

In St. Gallen soll ein Kita-Betreuer ein Kind sexuell missbraucht haben – Badener Kindertagesstätten verraten, weshalb sie trotzdem auf männliche Angestellte setzen und welche Sicherheitsmassnahmen bei ihnen gelten.

Der Fall hat letzte Woche für Schlagzeilen und vor allem Betroffenheit gesorgt: Ein 33-jähriger Kita-Betreuer soll in einer St. Galler Tagesstätte ein Kleinkind sexuell missbraucht und dabei auch Videos erstellt haben. An einem weiteren Buben soll er sich zudem im privaten Rahmen vergriffen haben. Die Taten flogen auf, nachdem Ermittler auf dem Computer des Betreuers Zehntausende Kinderporno-Fotos entdeckt hatten. Die Reaktionen auf den Fall liessen nicht lange auf sich warten. Schnell war die Rede von einem generellen Berufsverbot für Männer, schwarzen Listen und Handyverbot in Kitas. Doch was halten Badener Tagesstätten von solchen Vorschlägen?

Gleich gegenüber der Redaktion des «Badener Tagblatts» befindet sich die Kinderkrippe «Ise Bähnli». Hier sind 2 von 15 Mitarbeitenden Männer; ein Praktikant und ein Lernender. «Kinder haben grosse Freude an männlichen Betreuungspersonen, und auch für die Durchmischung sind Männer im Team sehr wertvoll», sagt Kita-Inhaberin Barbara Bochsler. Bei Bewerbungen – egal ob von Frauen oder Männern – verlange sie nebst Referenzen auch einen Strafregisterauszug. Sie werde auch künftig gerne Männer anstellen. «Was der Mitarbeiter in St. Gallen mutmasslich getan hat, ist einfach nur krank. Aber deswegen darf man nicht alle Männer unter Generalverdacht stellen», so Bochsler.

Für die Sicherheit der Kinder tut das «Ise Bähnli» viel: «Bei uns sind die meisten Räume offen, es gibt keine Wände. Zudem steht der Wickeltisch sehr zentral im offenen Raum. Das ist der beste Schutz.» Im Eingang fallen die grossen Plastikboxen auf. «Hier müssen alle Mitarbeiter ihre Handys deponieren», so Bochsler. Sicherheit wird auch im «Ise Bähnli» grossgeschrieben. Basierend auf den Empfehlungen des Verbandes Kinderbetreuung Schweiz habe man einen Verhaltenskodex ausgearbeitet.

Darin ist unter anderem festgehalten, «dass sexuelle Übergriffe gegen Kinder durch Mitarbeitende und unter den Kindern in keiner Weise toleriert werden». Und: «Die Mitarbeiter überschreiten die Grenzen der noch tolerierbaren Nähe nicht und wahren die nötige Distanz zu den Kindern.» Das Recht der Kinder auf Integrität, Privat- und Intimsphäre werde nicht verletzt. «Wichtig ist ein natürlicher und vor allem herzlicher Umgang mit den Kindern. Das Berühren und Trösten etwa von weinenden Kindern ist selbstverständlich», sagt Bochsler.

Private Betreuung nicht erlaubt

Gabriella Peterhans, Leiterin der Kita Chinderwält in Baden-Dättwil, hat die Geschichte aus St. Gallen ebenfalls schockiert. «Ich dachte mir: Wieso gibt es immer wieder solche Fälle; immer wieder sind wir am gleichen Punkt.» Und natürlich komme unweigerlich die Frage auf, ob man überhaupt noch Männer anstellen soll. Eine Frage, auf die Peterhans eine klare Antwort hat: «Auf jeden Fall. Denn das sind betrübliche Einzelfälle.» Zurzeit beschäftigt die Kita Chinderwält zwei männliche Lernende. «Wir machen nur gute Erfahrungen. Natürlich gibt es Eltern, die ihr Kind nicht von einem Mann wickeln lassen wollen. Eine Mutter hat ihr Kind gar ganz aus der Kita genommen.» Doch das seien für Peterhans keine Gründe, keine Männer mehr anzustellen. «Denn Kinder profitieren sehr von männlichen Betreuungspersonen.» Bei Bewerbungen – egal ob von Frauen oder Männern – wird nebst Referenzen immer auch ein Strafregisterauszug eingeholt. Und wie steht es sonst um das Thema Sicherheit? «Bei uns haben die Wickelräume keine Türen und alle restlichen Räume bieten Einblick durch Fenster oder Glaswände. «Es ist nicht möglich, dass beim Wickeln immer zwei Betreuer dabei sind, jedoch ist im Alltag nie eine Betreuungsperson alleine vor Ort. Irgendwo braucht es einfach auch Vertrauen in die Mitarbeitenden», sagt Peterhans. Zumal man mit diesen einen Verhaltenskodex ausgearbeitet habe, an den sie sich strikt halten müssten. Das Personal wurde zudem spezifisch zu diesem Thema weitergebildet und darf keine «Chinderwält»-Kinder privat betreuen, «damit ein Fall wie in St. Gallen eben nicht passieren kann».

Bei der Kinderkrippe Kolibri im Regionalen Pflegezentrum Baden (RPB) wird bei einer Bewerbung nebst Referenzen und Strafregisterauszug neu auch ein Privatsonderauszug verlangt, der etwa Tätigkeitsverbote sowie Kontakt- und Rayonverbote zum Schutz von minderjährigen oder besonders schutzbedürftigen Personen enthält. Zurzeit arbeite ein Praktikant im «Kolibri»-Team. «Wir machen mit ihm gute Erfahrungen», sagt Krippenleiterin Nathalie Freiermuth. «Als ich vom Fall in St. Gallen las, hatte ich regelecht Hühnerhaut; ja, man kann sagen, eine Schockstarre. Das ist das absolut Schlimmste, was einer Kita passieren kann.» Trotzdem werde man auch in Zukunft Männer anstellen, wenn die Bewerbung passe. «Es gibt aber umgekehrt auch keinen Vorteil, nur weil man ein Mann ist», stellt Freiermuth klar. Wie in anderen Kitas gibt es auch in der Kita Kolibri einen klaren Verhaltenskodex, der als Leitfaden für die tägliche Arbeit dient.

«Keine geschlossenen Türen»

Beschäftigt hat der St. Galler Fall auch Nicole Blaser, Co-Krippenleiterin der Krippe Mandelbaum an der Mellingerstrasse. «Was mich zusätzlich erschüttert, ist die Tatsache, dass sich der Mann an vorderster Front gegen den Generalverdacht gegen Männer gewehrt hat. Nun hat er offenbar selber solch schreckliche Taten begangen.» Blaser findet nicht, dass wegen solcher Fälle Männer in Kita-Berufen nichts zu suchen haben.

«Es gibt bei keiner Person, ob Mann oder Frau, eine Garantie, dass nichts passiert. Deshalb gibt es auch Vorsichtsmassnahmen», sagt Blaser. In der Kita Mandelbaum habe man ein Sexualkonzept erarbeitet, in dem es vor allem auch darum gehe, wie man bei Verdacht auf Gewalt – und diese könne auch ausserhalb der Kita passieren – vorzugehen habe. Damit in der Kita nichts passiert, gebe es in der Kita keine geschlossenen Türen, und der Wickelraum stehe praktisch immer offen.

«Zudem behandeln wir das Thema auch mit den Kindern selber.» Unter dem Motto «mein Körper gehört mir» wolle man die Kinder dazu ermutigen, «Nein» zu sagen, wenn ihnen etwas unangenehm wird.» Das Vier-Augen-Prinzip immer umzusetzen, sei hingegen schwierig. «Irgendwo braucht es auch einfach Vertrauen in die Mitarbeitenden; man kann nicht alles kontrollieren», ist Blaser überzeugt. Aber: Auch in der Kita Mandelbaum bleiben die Handys im Büro und haben in den Räumlichkeiten, wo sich Kinder aufhalten, nichts zu suchen.

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