Sie dachte, sie könnte zweieinhalb Monate nach dem Unfall wieder arbeiten gehen. «Aber ich habe mich geirrt», sagt Martina Schlosser an einem Tisch in der Cafeteria des Seniorenzentrums Falkenhof in Aarburg. Über neun Monate sind vergangen, seit die 50-Jährige mit dem E-Bike in einem Kreisel von einem Autofahrer angefahren, durch die Luft geschleudert wurde und auf der Strasse liegenblieb. Beim Aufprall zog sie sich einen Schädelbruch und Hirnblutungen zu.

Nach zwölf Wochen in der Rehaklinik Bellikon Anfang Jahr kämpft sich Martina Schlosser, die im «Falkenhof» für die Gästebetreuung verantwortlich ist, nun in den Berufsalltag zurück. «Ich muss mich wieder einarbeiten und mit den Gewohnheiten der Bewohner vertraut machen», sagt sie. Denn: In der Zwischenzeit sind 16 Bewohner gestorben und neue hinzugekommen. «Der Wiedereinstieg klappt bis jetzt ganz gut. Was mir noch fehlt, ist die Routine», sagt sie.

Sie ist wieder energiegeladen, motiviert und zielbewusst. Etwas, das ihr vor nicht allzu langer Zeit unmöglich erschien. Heute hat sie gelernt, mit den körperlichen Einschränkungen der Hirnverletzungen zu leben, die sie beim Aufprall erlitten hatte. Als sie nach dem Spitalaufenthalt wieder zu Hause war, konnte sie ohne Hilfe kaum aufrecht gehen, sie sah Doppelbilder und ihr war immer schlecht. Auch lesen und fernsehen war nicht möglich, die Reize überforderten ihr Gehirn. Sie fragte sich, ob sie je wieder «normal» werden würde. «Ich fiel in ein tiefes Loch. Es war kein lebenswerter Zustand mehr», blickt Schlosser zurück.

Vor Müdigkeit fast umgefallen

Dank der Reha in Bellikon ist sie jetzt so weit, dass sie fünf Halbtage pro Woche im «Falkenhof» arbeiten kann. Die ersten Tage sei sie zwar jeweils vor Müdigkeit fast umgefallen, doch mittlerweile habe sich ihr Körper an die Belastung gewöhnt. «Ich sehe wieder gut und bin in der Lage, im Restaurant Bewohnende und Angehörige zu bedienen», sagt die gelernte Bäckerin-Konditorin. Doch das Gleichgewicht zu halten und Distanzen einzuschätzen bereitet ihr noch Mühe. «Fahre ich mit dem Service-Trolley zwischen den Tischen hindurch, stosse ich hin und wieder dagegen an.» Auch macht sie beim Gehen manchmal Schlenker und kann bei regem Betrieb Töne und Farben nicht richtig verarbeiten. «Dann wird mir leicht schwindlig.»

Geschieht ihr einmal ein Fehler, reagieren die Bewohner gelassen. «Dann sagen sie mir: Jetzt sind Sie eine von uns, Frau Schlosser.» In der Tat, sagt sie mit einem Schmunzeln, hätten die Bewohnenden mit ähnlichen Einschränkungen zu leben wie sie. «Sie können mitfühlen, wie es mir geht, und unterstützen mich.»

Martina Schlosser ist zwar zurück am Arbeitsplatz – nicht aber in ihrer ursprünglichen Funktion als Verantwortliche Gästebetreuung. Bislang wirkt sie in der Küche und im Service mit. Ob sie wieder einige ihrer Verantwortlichkeiten übernehmen kann, wie Verkäufe planen, Lager bewirtschaften, Bestellungen tätigen oder Anlässe mitorganisieren, ist noch offen. «Meine Vorgesetzten werden meine Einsatzgebiete gemäss meinen Ressourcen planen», sagt die Aarburgerin und fügt hinzu: «Für sie ist es schwierig, abzuschätzen, wie lange ich mich konzentrieren kann.» Ende Juni wird über das weitere Vorgehen entschieden.

Dass die ehemalige Patientin der Rehaklinik nicht dieselbe Position einnehmen kann wie vor dem Unfall und ihr weniger zugetraut wird, frustet sie. «Es ist für mich schwierig, einzugestehen, dass sich etwas in meinem Körper verändert hat.» Komme hinzu, dass man ihr die Verletzungen nicht ansehe. «Hätte ich einen Gips, wäre alles viel einfacher», sagt Schlosser. Aber der Vergangenheit nachtrauern nütze nichts, sie müsse das Beste aus der Situation machen. Sie ist froh, dass sie überhaupt zurück im «Falkenhof» ist. «Mein Arbeitgeber hätte mir auch kündigen können.»

Ob sie nach dem Unfall je wieder auf ein Velo gestiegen ist? «Ich bin nur ein paar Mal im Quartier gefahren», antwortet sie. Und als sich dabei ein Auto von Rechts näherte, zuckte sie zusammen. «Mein Unterbewusstsein hat den Unfall noch nicht verarbeitet.» Obwohl Radfahren ihr Gleichgewicht schulen würde, lässt sie es momentan sein. Auf ein E-Bike würde sie schon gar nicht erst steigen. «Das traue ich mir nicht mehr zu.»

Sie riecht immer noch nichts

Für Schlosser hat seit dem Unfall eine neue Zeitrechnung begonnen. «Ich brauche für alles etwas länger», sagt sie. Da sie noch nicht Autofahren darf, ist sie auf öV angewiesen und muss beispielsweise fürs Einkaufen mehr Zeit einberechnen. Ausserdem kann sie nicht mehr spontan mehrere Termine am Tag wahrnehmen, das würde sie überfordern. «Entschleunigen tut manchmal aber auch gut», nennt sie den positiven Aspekt. Freude bereitet ihr, dass ihre beiden Kinder ihr gesagt haben, sie koche genau so gut wie vorher. «Das ist erstaunlich, zumal ich immer noch nicht riechen und schmecken kann», sagt sie. Auch leidet sie am Tinnitus. Den versucht sie aber, so gut es geht, auszublenden: «Es ist wie mit allen Einschränkungen. Je mehr man ihnen Gewicht gibt, desto grösser werden sie.» Trotz allem ist sie im Grossen und Ganzen zufrieden. «Ich muss einfach noch lernen, mit dem Frust umzugehen, dass sich einiges verändert hat», sagt Martina Schlosser.