Baden
«Nach Baden will fast niemand»

Philippe und Amelia Meier surfen auf dem Sofa um die Welt. «Couchsurfing» nennt sich das kostenlose Übernachten für Reisende, die sich übers Internet finden. Dazu gehört eine ordentliche Portion Idealismus.

Tim Honegger
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Philippe und Amelia Meier: «Oft fragen uns unsere Freunde: Wie könnt ihr nur fremde Leute in euer Haus lassen?»Tim Honegger

Philippe und Amelia Meier: «Oft fragen uns unsere Freunde: Wie könnt ihr nur fremde Leute in euer Haus lassen?»Tim Honegger

Kostenlos in fremden Ländern übernachten, in die lokale Kultur eintauchen und Einheimische kennen lernen. So lässt sich Couchsurfing zusammenfassen (siehe Box).

Für die Benutzer der Internet-Plattform – sogenannte Couchsurfer – hat das Projekt aber eine viel tiefere Bedeutung. Die Aargauer Philippe und Amelia Meier erzählen aus ihrem Couchsurfing-Nähkästchen.

Von der Jacht zur Besenkammer

Für die beiden ist klar: «Couchsurfing trägt mehr zum interkulturellen Austausch bei als jeder politische Vorstoss.» Sie selbst übernachteten mehr als zehnmal bei einem Host im Ausland und beherbergten schon acht Surfer aus aller Herren Länder – darunter einen Tschechen, drei Amerikaner und selbst einen Taiwanesen.

«Das Spannende daran ist: Man weiss nie, was einen erwartet.»

So landeten die beiden Aargauer auf ihren Reisen durch Arabien und Asien unverhofft auf der Jacht eines Millionärs in Dubai – in Kathmandu wurde ihnen hingegen eine winzige Besenkammer als Schlafplatz angeboten.

Was ist Couchsurfing?

www.couchsurfing.org ist ein Online-Projekt, bei dem sechs Millionen Mitglieder registriert sind. Auf der Plattform kann man entweder als Gastgeber ein eigenes Bett für Reisende anbieten - oder aber andere als Reisender anfragen, ob man bei ihnen übernachten darf. Das Ganze ist kostenlos und man ist nicht verpflichtet, selbst einen Schlafplatz anzubieten. (HON)

«Eine durchwegs schlechte Erfahrung hatten wir zum Glück aber noch nie», sagen Philippe und Amelia – so wie die meisten Couchsurfer.

Ihre Erfahrungen entsprechen somit dem Motto der Plattform: «Trage dazu bei, eine bessere Welt zu schaffen – Couch für Couch.» Es gehe also nicht darum, die Beherbergung mit Geld oder Geschenken zu vergüten, «sondern eher um Karma-Punkte», scherzt Philippe.

Blick durch die Augen des Hosts

In der Schweiz stosse ihre Teilnahme an Couchsurfing zuweilen auf Unverständnis: «Wir werden gefragt: Wie könnt ihr nur Fremde in euer Haus lassen?»

Doch ihre Philosophie lautet: «Begegnest du anderen offen und freundlich, wirst du auch so behandelt.»

Das ist bezeichnend für ihre Motivation, mithilfe von Couchsurfing die Welt zu entdecken. «Es geht keineswegs darum, kostenlos zu übernachten», betonen die zwei.

«Vielmehr möchten wir Land und Leute durch die Augen unserer Gastgeber sehen.»

Die Frage um die Sicherheit des Systems bereitet Philippe und Amelia hingegen keine Sorgen. «Hinterher schreibt man dem Couchsurfer eine Bewertung – so erhalten künftige Couchsurfer einen verlässlichen Eindruck dieser Person.»

Folglich sind die zwei Aargauer vorsichtiger, wenn sich jemand meldet, der keine Bewertung hat. «Wendet man gesunden Menschenverstand an, ist Couchsurfing sehr sicher.»

Kaum jemand will nach Baden

Zuweilen sind Philippe und Amelia durchaus wählerisch, wenn sie jemanden aufnehmen sollen: «Wenn jemand nur bei uns anklopft, um Geld zu sparen, sagen wir ihm ab.»

Ihnen – wie den meisten Couchsurfern – ist es wichtig, dass sich die Leute mit ihnen und ihrer Kultur befassen und neugierig sind.

Viel Mühe bereitet ihnen das Aufstöbern der schwarzen Schafe aber nicht, denn: Im Schnitt erhalten sie nur alle zwei Monate eine Anfrage.

«Baden ist eben nicht der touristische Mittelpunkt der Schweiz.» Hinzu kommt, dass sich die Anfragen auf alle 214 Couchsurfer Badens verteilen. Damit ist Baden knapp die Spitzenreiterin im Kanton, dicht gefolgt von Aarau mit 204 Couchsurfern.