Der Aushang an der Eingangstüre zum Delikatessen-Geschäft Paradeis in der Weiten Gasse ist nicht zu übersehen: «Nachfolger gesucht». Langjährige Stammkunden – und von diesen gibt es viele – werden im ersten Moment vielleicht kurz zusammenzucken: «Geht das Geschäft mit dem Bistro im 1. Stock etwa zu?» Betreiberin Erika Gilli winkt ab. «Nein, wie es auf dem Aushang steht, suchen wir einen Nachfolger, der das Geschäft weiterführen will.»

Dass sie und ihr Mann den Pachtvertrag nicht einfach auslaufen lassen und das Geschäft schliessen, hat zwei Gründe. «Erstens ist uns und vor allem auch unseren vielen Stammkunden das Geschäft ans Herz gewachsen. Wir sind überzeugt, dass ein solcher Laden in Baden immer noch gefragt ist», sagt Gilli. Und zweitens habe man seinerzeit auch einiges in den Umbau und das Mobiliar investiert und erhoffe sich aus einem Verkauf wenigstens einen gewissen Teilerlös.

Angefangen mit Enothek Halde 9

Dass das Ehepaar Gilli am 5. November 1996 hier überhaupt das «Paradeis» eröffnete, war eher einem Zufall geschuldet. «Wir führten bereits in der Unteren Halde die Enothek ‹Halde 9›; hatten also schon damals einen Bezug zu Wein und Genussmittel», so Gilli. Einer ihrer Kunden war damals auch Erich Friz, Inhaber des angrenzenden Schuhladens Fusswohl an der Weiten Gasse. «Mein Mann ist Architekt und Erich Friz hat uns mit dem Umbau der Innenräumlichkeiten beauftragt. Da kam bei uns die Idee auf, hier ein Geschäft für Wein und Delikatessen zu eröffnen», erinnert sich Gilli.

Während andere Läden erst ein bisschen Anlauf brauchen, bis das Geschäft floriert, sei es im «Paradeis» am Anfang sehr gut gelaufen. «Die Leute waren neugierig auf uns; so ein Geschäft gab es noch nicht in Baden.» Wenn sie jemand frage, was für ein Geschäft das «Paradeis» sei, sage sie immer: ein kleiner «Globus». Tatsächlich sind nebst ausgesuchten Weinen und Spirituosen auch Delikatessen wie Joghurt aus dem Appenzell, Ravioli aus Bern, Essig, der auf dem Jungfraujoch gereift ist, und natürlich allerlei regionale Produkte von vor allem kleineren Betrieben zu finden. «Und was viele nicht wissen, bei uns gibts hervorragenden Kaffee und den wohl besten Cappuccino in der Stadt», so Gilli nicht unbescheiden.

Die Geschäfte liefen auch in den Folgejahren gut, was nicht zuletzt an den mit einer Zeltplane überdachten Aussenplätzen lag. «Als aber 2013 die Weite Gasse saniert wurde», haben wir das deutlich zu spüren bekommen; wir waren quasi abgeschnitten vom Kundenstrom.» Man habe sich deshalb Neues einfallen lassen müssen und sei auf die Idee gekommen, über Mittag Menus anzubieten. «Das Angebot wird bis heute genutzt und hat es uns erlaubt, wirtschaftlich zu überleben», sagt Gilli.

Doch der Umbau der Weiten Gassen sei nichts im Vergleich mit den drei Jahren Bauzeit am Schulhausplatz gewesen. «Das war wirklich happig. Die Umsätze sind in diesen drei Jahren extrem zurückgegangen.» Den Einwand, die Schulhausplatz-Baustelle müsse einfach für schlechte Geschäftsgänge herhalten, lässt Gilli nicht gelten. «Es fanden wegen der Baustelle wirklich spürbar weniger Kunden den Weg zu uns.» Kein Wunder, so Gilli, wenn ausserhalb der Stadt überall Verkehrsschilder mit «Durchfahrt erschwert» gestanden hätten. «Dabei kam man während der Bauzeit so gut über die Kreuzung wie vorher und nachher nicht.»

Interessenten haben angeklopft

Doch wieso aufhören, wenn doch bald der erste verkehrsfreie Sommer in der Weite Gasse und somit viele Gäste winken? «Weil das eine grosse Chance für den Nachfolger ist und man darauf etwas aufbauen kann», sagt Gilli. Die 65-Jährige kann sich dabei gut vorstellen – sofern der Nachfolger dies auch wünscht – noch ein, zwei Tage pro Woche im Geschäft weiterzuarbeiten. «Jetzt ist aber die Zeit, dass jemand Neues hier mit neuen Ideen und Visionen das Zepter übernimmt.» Seit letztem Dezember hänge der Aushang an der Türe und es hätten sich schon ein paar Interessenten gemeldet.

Und was passiert mit dem Namen «Paradeis»? «Also ich könnte auch ruhig schlafen, wenn das Geschäft einen anderen Namen erhält. Aber natürlich fände ich es schön, der Name würde bleiben.» Denn auf diesem könne man aufbauen. Und: «Es ist ja wirklich ein kleines Paradies auf Erden», fügt Gilli mit einem Lachen an.