Wettingen

Nach 23 Jahren: Ende Dezember geht Sander van Riemsdijk in Pension

Sander van Riemsdijk: «Dass Eltern eigentlich das Beste für ihre Kinder wollen, hat mir Hoffnung gegeben.»

Sander van Riemsdijk: «Dass Eltern eigentlich das Beste für ihre Kinder wollen, hat mir Hoffnung gegeben.»

23 Jahre leitete Sander van Riemsdijk das Kinderheim Klösterli. Nun geht er in Pension. Im Abschiedsgespräch erzählt er von Hoffnung, Vorurteilen und Liebespärchen auf dem Emperthügel.

Sander van Riemsdijk hat das Kinderheim Klösterli auf dem Wettinger Emperthügel geprägt, modernisiert und vergrössert. Er begleitete unzählige Kinder ins Erwachsenenalter, erlebte, wie sie manchmal zu Liebespaaren wurden oder Herzschmerz zu verdauen hatten, einen Lehrabschluss machten oder die Matur, die Autoprüfung, und entliess sie schliesslich in die Welt hinaus. Nun nimmt er selber Abschied vom «Klösterli» und geht in Pension. Doch zuerst arbeitet er noch Jenny Baurschmid als seine Nachfolgerin ein.

Herr van Riemsdijk, welcher Abschied fällt schwerer: Wenn einer Ihrer Schützlinge das Kinderheim verlässt oder Ihr eigener vom Kinderheim?

Sander van Riemsdijk: Ganz klar mein eigener. Es fällt mir sehr schwer, zu gehen, denn ich hatte eine gute Zeit hier im Klösterli. Doch natürlich muss man auch loslassen können.

Kommt hinzu, dass Sie ausgerechnet in der besinnlichen Weihnachtszeit Abschied nehmen. Wie gehen die Kinder damit um?

Dazu muss ich sagen, dass ich nicht dem Bild des Heimleiters entspreche, der als «Vaterfigur» die Kinder betreut. Das ist eine Vorstellung, die noch aus früheren Zeiten stammt. Die Kinder haben heute zu den Pädagogen einen engeren Kontakt als zu mir. Insofern freuen sie sich einfach auf Weihnachten.

Aussenstehende stellen sich die Weihnachtszeit für Kinder im Heim vermutlich eher traurig oder schwierig vor. Wie ist es wirklich?

Für die Kinder ist Weihnachten eine schöne, aber auch besonders emotionale Zeit, denn sie haben einen schwereren Rucksack zu tragen als manch andere. Die allermeisten Kinder feiern mit ihren Familien, und darauf freuen sie sich enorm. Denn die Beziehung und die Bindung zu ihren Eltern bleibt bestehen, auch wenn die Verhältnisse manchmal schwierig sind.

Kinder, die ins «Klösterli» kommen, haben oft eine Vergangenheit, bei der Gewalt, Sucht oder psychische Probleme der Eltern ein Thema sind. Als Heimleiter kennen Sie diese Schicksale. Hat Sie das ausserhalb des Arbeitsalltags beschäftigt?

Man kann die Geschichten der Kinder nicht einfach ausblenden, wenn man abends nach Hause geht. Aber ich habe immer darauf geachtet, dass ich trotzdem abschalten kann. Ich bin ein leidenschaftlicher Isebähnler (lacht). Beim Bauen von solchen Anlagen kann ich mich völlig verlieren. Ich mache auch Radtouren, spiele Keyboard und Fussball. Meine Erfahrung mit den Familien hat mir zudem gezeigt, dass die Eltern eigentlich nur das Beste für ihre Kinder wollen, und das hat mir immer Hoffnung gegeben.

Hoffnung, dass es trotz allem gut kommt?

Ja, meine Tür stand nicht nur für meine Mitarbeitenden immer offen, sondern auch für die Eltern und die Kinder. Wir beziehen die Eltern in die Erziehung ein, geben ihnen Tipps und vereinbaren Ziele für ihre Kinder. Die Eltern sind dabei Teil des Erziehungsprogramms. Auch sie müssen ihren Beitrag leisten.

Als Heimleiter haben Sie solche Erziehungsprinzipien schrittweise eingeführt und den Betrieb professionalisiert. Gab es nie Widerstand seitens des Stiftungsrats oder Ihrer Mitarbeiter?

Ich konnte natürlich nicht einfach alles umkrempeln, als ich 1993 im Klösterli anfing. Obwohl sich die Menzinger Schwestern schon zurückgezogen hatten, waren ihre Traditionen noch lange spürbar im Kinderheim. Aber der Stiftungsrat und die Mitarbeitenden haben mich und meine Ideen immer unterstützt.

Das Kinderheim ist unter Ihrer Leitung von 3 auf 6 Gruppen und von 17 auf 41 Kinder gewachsen. Das klingt schon fast nach einem Unternehmen, das immer auf Wachstumskurs ist.

Als ich hier anfing, konnten wir die Anfragen für Platzierungen nicht mehr abdecken. Also haben wir ausgebaut und im Lauf der Zeit die Aussenwohngruppe in Würenlos für sechs Jugendliche ab 14 Jahren und eine begleitete Wohnung in Wettingen eingeführt. Dort leben jeweils drei junge Erwachsene zwischen 18 und 22 Jahren. In diesen Einrichtungen werden die Jugendlichen auf die Selbstständigkeit vorbereitet.

Früher kamen die Platzierungsanfragen von den zuständigen Gemeinderäten, heute von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Beide Instanzen mussten Kritik einstecken. Welche Erfahrung haben Sie gemacht?

Die Gemeinderäte hatten zwar gute Absichten, waren aber Laiengremien und manchmal überfordert beim Entscheid, ob Kinder fremdplatziert werden sollen. Ich musste ihnen manchmal erklären, wie das überhaupt funktioniert. Und nicht selten fehlte den Gemeinderäten die Zeit, und je kleiner ein Dorf, desto eher fehlte die nötige Distanz zur betroffenen Familie.

Und heute mit der Kesb? Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?

Jetzt entscheiden professionelle Behörden, was sehr gut ist. Inzwischen sind die Familiengerichte zurückhaltender geworden bei der Fremdplatzierung. Ich vermute aufgrund des Tötungsdelikts in Flaach vom Januar 2015. Man versucht, Probleme eher wieder im familiären Umfeld zu lösen. Mir fällt aber auf, dass die Familiengerichte mit den Fallzahlen überlastet sind. In dringenden Fällen dauert es oft zu lange, bis entschieden wird, ob Kinder in einem Heim besser aufgehoben wären. Hier muss die Politik über die Bücher.

Der Kanton dreht bei Institutionen wie dem Kinderheim an der Sparschraube. Wie steht es finanziell um das «Klösterli»?

Wie andere Heime müssen auch wir zu den Finanzen grosse Sorge tragen. Momentan sind wir für Spenden sehr dankbar.

Das klingt ziemlich ernst.

Sagen wir so: Der Kanton hat die Zitrone ausgepresst. Mehr sparen kann er bei uns kaum noch. Gleichzeitig können wir uns glücklich schätzen, weil wir in der Region einen starken Rückhalt haben. Firmen wie ABB, Alstom, das Grand Casino Baden, aber auch Private unterstützen uns mit Spenden, und wir haben zum Glück das Stiftungskapital.

Bekommen die Kinder den Spareifer zu spüren?

Nein, das denke ich nicht. Den Kindern fehlt es materiell an nichts. Viele Menschen haben aber dieses falsche Bild im Kopf von Kinderheimen als «Armenhäuser» für Problemkinder. Dabei sind es ganz normale Kinder, die oft anständiger und fleissiger sind als die sogenannten normalen Kinder.

Was tun Sie gegen solche Vorurteile?

Wir führen regelmässig Tage der offenen Tür durch. Zudem arbeiten wir an einem neuen Namen, mit dem Ziel, diesen Stempel vom klösterlichen Kinderheim loszuwerden.

Gibt es schon einen Namensfavoriten?

Nein, ich habe letztes Jahr einen Wettbewerb unter den 40 Mitarbeitenden lanciert. Jeder konnte dem Stiftungsrat drei Vorschläge unterbreiten. Der Entscheid sollte nächstes Jahr fallen. Einfach wird es sicher nicht. Die Leute assoziieren das Klösterli oft noch mit einem Kloster.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich hatte schon kurz vor Bewerbungsgesprächen Anrufe von Jobbewerbern. Die sagten, sie seien jetzt beim Kloster Wettingen, aber könnten das Kinderheim nicht finden (lacht). Aber was mir wirklich Sorgen bereitet, ist die Diskussion um die Missbrauchsfälle, die in den letzten Jahren ans Licht kamen. Dass man diese Fälle aufgedeckt und eine Sensibilisierung stattgefunden hat, ist enorm wichtig. Aber nun kämpfen wir gegen ein gewisses Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber Institutionen wie dem Kinderheim. Nur schon das Wort «Kinderheim» löst bei einigen Menschen negative Assoziationen aus.

Was würden Sie denn einer Person sagen, die solche Vorurteile hat?

Dass wir familienähnliche Strukturen pflegen und unsere Mitarbeitenden professionell und geschult sind im Umgang mit körperlicher Nähe und Distanz. Die Kinder sind innerhalb ihrer Wohngruppe wie Geschwister und jedes Kind hat sein eigenes Zimmer. Sie gehen normal in Wettingen zur Schule, und ihre Freunde und ihre Eltern dürfen jederzeit zum Essen vorbeikommen.

Hat es im Kinderheim auch schon Liebespärchen gegeben?

(Lacht) Ja, die gibt es immer wieder. Es gab solche, die später geheiratet und eine Familie gegründet haben, und dann gibt es jene, die sich wieder trennen. Liebeskummer ist uns also nicht fremd.

Im Teenager-Alter machen die Jugendlichen oft erste sexuelle Erfahrungen. Wie geht man im Kinderheim mit Sexualität um?

Wir sensibilisieren die Kinder und bringen ihnen bei, eigene Grenzen klar zu setzen. Es gelten auch klare Regeln, an die sie sich halten müssen, wenn sie einen Freund oder eine Freundin nach Hause mitbringen.

Gab es auch schon Anfragen von Privatpersonen, die sich ehrenamtlich im Kinderheim engagieren wollten?

Ja, aber das geht natürlich nicht. Einmal fragte jemand, ob er mit den Kindern basteln kann. Stellen Sie sich vor, bei Ihnen würde eine fremde Person anrufen, weil sie mit Ihnen oder Ihren Kindern basteln will, oder lädt Ihre Kinder übers Wochenende ein. Es ist zwar gut gemeint, aber es geht nicht. Die Kinder wollen das auch nicht.

Sie haben schon vor dem «Klösterli» ein Kinderheim im Basellandschaftlichen Seltisberg geleitet und sind zudem Vater zweier erwachsener Kinder. Was würden Sie jungen Eltern mit auf den Weg geben?

Die Erziehung muss nicht perfekt sein oder einem strikten Schema F folgen. Wichtig ist der gesunde Menschenverstand, Einfühlungsvermögen und einfach für ihre Kinder da zu sein.

Seit Anfang Dezember arbeiten Sie Jenny Baurschmid als Ihre Nachfolgerin ein. Was geben Sie ihr mit auf den Weg für die Zukunft als Leiterin des Kinderheims?

Dass sie ihr künftiges Team stets ihre Wertschätzung, Anerkennung und Unterstützung spüren lässt. Ich denke, das ist das Allerwichtigste.

Sie werden die Obhut über Ihre Schützlinge nun abgeben. Haben Sie schon Pläne für die kommende Zeit?

Ja, ich werde das Präsidium des Fördervereins der Kindertagesklinik in Liestal übernehmen. Zudem werde ich wieder mehr journalistisch tätig sein. Ich wollte als 17-Jähriger Journalist werden und habe neben meinem Hauptberuf in den letzten zwei Monaten für die Baselbieter Lokalzeitung «Volksstimme» geschrieben. Diese Tätigkeit möchte ich nach meiner Pensionierung intensivieren.

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