Die Nachricht, wonach das Möbelgeschäft Form+Wohnen nach 47 Jahren schliessen muss, dürfte gestern in Baden für einigen Gesprächsstoff gesorgt haben. Geschäftsinhaber Reto Schmid (42) empfängt das Badener Tagblatt in den Räumlichkeiten des Möbelhauses gleich neben dem Stadtturm, muss den Journalisten aber fünf Minuten warten lassen, um erst eines der zahlreichen Telefonate an diesem Vormittag zu beenden. 

Herr Schmid, seit heute Morgen steht fest: Ihr Möbelhaus stellt knapp fünf Jahrzehnte nach Eröffnung seinen Betrieb ein. Was für Reaktionen haben Sie erhalten?

Reto Schmid: Bereits weit über 100 Rückmeldungen sind bei mir eingegangen. Im Grundtenor wird mir für diesen schwierigen Entscheid viel Verständnis entgegengebracht – vor allem von unseren treusten Kunden. Ja, viele haben mir auch zum Mut für diesen Entscheid gratuliert. Aber klar, für die meisten kam der Schritt doch überraschend.

Gar keine Enttäuschung?

Doch. Eine Kundin hat am Telefon sogar geweint, obwohl auch sie Verständnis für diesen Entscheid aufbringt.

Wie haben Ihre sechs Mitarbeiter die Nachricht aufgenommen?

Gefasst und verständnisvoll. Wir haben immer sehr eng miteinander gearbeitet und immer offen kommuniziert. Insofern wussten sie ziemlich genau, wie es um das Geschäft steht. Aber natürlich war es für sie ein trauriger Moment, als ich ihnen das definitive Ende verkünden musste. 

Und wie geht es Reto Schmid?

Ich bin fürs Erste einfach froh, dass es jetzt bekannt ist. Jetzt herrscht wenigstens Klarheit. Gerüchte sind in einer solchen Situation immer das Schlimmste.

Wie sehr schmerzt es Sie, mit der Schliessung quasi die Firmengeschichte Ihrer Familie zu Grabe zu tragen?

Den Entscheid habe ich natürlich auch mit meinen Eltern besprochen. Sie waren selber Unternehmer und stehen deshalb voll und ganz dahinter …

In diesem Moment taucht Vater Sepp Schmid auf, der die Firma 1969 gründete.

Herr Schmid, wie fest blutet Ihr Herz?

Sepp Schmid: Gar nicht. Natürlich ist es bedauerlich, dass es nicht mehr weitergeht. Aber ich sage immer: Es braucht Mut zum Anfangen, und es braucht Mut zum Aufhören.

Reto Schmid, zurück zur Frage, wie sehr Sie die Schliessung persönlich mitnimmt.

Ich bin schon als Politiker hingestanden, wenn etwas nicht gelaufen ist. Es gibt einfach nichts zu beschönigen. Wenn wir jetzt diesen Schritt nicht machen, dann wären wir Gefahr gelaufen, irgendwann Konkurs anmelden zu müssen. In diesem Zusammenhang zitiere ich gerne meinen Vater: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Aber natürlich tut es mir auch weh, vor allem für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Als Hauptgründe für die Schliessung nennen Sie vor allem das veränderte Kundenverhalten – Stichwort Onlinehandel – und den hart umkämpften Markt in Kombination mit dem derzeit starken Franken. Haben auch Sie Fehler gemacht?

Hm, schwierig zu sagen. Vielleicht hätten wir in guten Zeiten expandieren oder zum Beispiel nur die Boutique hier beim Stadtturm belassen und den Möbelverkauf anderswo tätigen sollen. Aber das ist im Nachhinein immer einfach zu sagen.

«Es war sicher kein einfacher Entscheid»: Geschäftsführer und Inhaber Reto Schmid über Gründe, Emotionen und Stammkunden.

«Es war sicher kein einfacher Entscheid»: Geschäftsführer und Inhaber Reto Schmid über Gründe, Emotionen und Stammkunden.

Gab es keine Alternative zur Schliessung? Zusammenschlüsse oder einen Umzug? Als Besitzer dieses Hauses hätten Sie ja dann die Räume vermieten können.

Zusammenschlüsse haben wir tatsächlich kurz ins Auge gefasst. Ich musste dann aber schnell feststellen, dass es keine passenden Unternehmen gibt – zu verschieden sind die Kulturen. Und zuletzt darf man nicht vergessen: Zwei Schwache machen noch keinen Starken.

Und ein Umzug?

Wenn ich längerfristig an das Potenzial der Möbelbranche geglaubt hätte, dann wäre das eventuell eine Option gewesen. Doch dem ist nicht so. Allein im letzten Jahr mussten wir einen Umsatzrückgang von knapp 20 Prozent hinnehmen. Kommt hinzu, dass unser Geschäft hierher ins Zentrum Badens gehört. Eine Filiale zum Beispiel in Dättwil draussen hätte sicher nicht mehr den gleichen Spirit verströmt.

Wann ist in Ihnen der Entscheid gereift, dass es für Form+Wohnen keine Zukunft mehr gibt?

Als wir letzten Sommer plötzlich eine halbe Million Franken an Umsatz einbüssten, wusste ich, das kommt nicht gut. Entsprechend schlecht präsentierte sich denn auch der Jahresabschluss.

Wie geht es jetzt konkret weiter?

Das wichtigste Ziel ist es, dass ich eine gute Lösung für all meine Mitarbeitenden finde. Ich bin optimistisch, dass wir dank meines grossen Beziehungsnetzes für alle eine neue Beschäftigung finden, die sie auch erfüllen wird und sie somit eine geregelte Zukunft haben. Das Schicksal meiner Angestellten liegt mir wirklich am Herzen, wir sind wie eine Familie.

Was passiert mit den Möbelstücken?

Im April startet der Ausverkauf. Ziel ist es, dass alles bis Ende Juni draussen ist. Danach würden wir mit der sanften Sanierung des Gebäudes beginnen, damit dann im Frühherbst die neuen Mieter einziehen können.

Vielen Lesern dürfte es gestern beim Gedanken an die neuen Mieter gegraut haben. «Hoffentlich nicht schon wieder ein Kleider- oder Schuhladen!» Was können Sie den Badener versprechen?

Ich kann natürlich nicht sagen, der kommt und der nicht. Eines kann ich aber versprechen: Der Mietzins ist nur ein Aspekt. Mir liegt sehr viel an einem guten Branchenmix und am Erhalt eines attraktiven Stadtbilds. An Interessenten mangelt es auf alle Fälle nicht; ich erhielt schon heute Morgen etliche Anfragen.

Ein Verkauf des Hauses stand nie zur Diskussion?

Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin in diesem Haus aufgewachsen, meine Eltern leben heute im obersten Geschoss. Dieses Haus ist eines der schönsten in ganz Baden. Ich will dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Genau das ist auch mit ein Grund, weshalb wir jetzt die Notbremse gezogen haben. Die erwirtschafteten Mittel des Möbelgeschäfts hätten längerfristig nicht mehr ausgereicht, um für den Werterhalt der Liegenschaft aufzukommen. Handeln wir nicht jetzt, wären wir Gefahr gelaufen, irgendwann in den Konkurs zu laufen, und dann wäre das Haus auch weg.

Was planen Sie in Zukunft? Mit den Mieteinnahmen müssten Sie eigentlich gar nicht mehr arbeiten gehen.

Millionär werde ich mit den Mieteinnahmen nicht. Ich hatte und habe das Privileg, mein Hobby als Beruf ausüben zu dürfen. Deshalb werde ich ganz bestimmt auch in Zukunft einer Arbeit nachgehen, die mich erfüllt. Was das sein wird, weiss ich derzeit noch nicht.

2013 sind Sie nach 15 Jahren im Einwohnerrat und 5 Jahren als Stadtrat aus der Politik zurückgetreten, weil Sie mehr Zeit für Familie und Beruf wollten. Bereuen Sie diesen Schritt im Nachhinein?

Nein, gar nicht. Dieser Schritt ermöglichte es mir, wieder mehr für meine Familie da zu sein. Ich arbeite ja auch am Samstag, dafür habe ich immer am Mittwoch Papitag – heute ist eine Ausnahme (lacht).

Würde Sie denn eine Rückkehr in die Politik reizen?

Dazu sage ich heute weder Ja noch Nein.

Also, Sie schliessen es nicht aus?

Im Moment gilt meine ganze Konzentration der Firma und meinen Angestellten und dass alles sauber zu Ende geht. Was danach kommt, ist noch offen. Natürlich spielt man mit vielen Gedanken…

Was für Gedanken?

Sie sind hartnäckig! Ich habe nie eine politische Karriere angestrebt und deshalb mit einer Ausnahme auch nie für Gross- oder Nationalrat kandidiert. Mich hat es immer gereizt, im Lokalen etwas zu bewegen. Ich lasse diesbezüglich alles offen (sagt er augenzwinkernd).