Baden

Mit einer Schweigeminute wird das Klassentreffen eröffnet

Bertil Hitz gilt als eigentliche Seele der Klassentreffen

Bertil Hitz gilt als eigentliche Seele der Klassentreffen

Vor 80 Jahren besuchten sie in Baden die Bezirksschule und treffen sich zuerst ab und an und seit 1992 alle zwei Monate – es werden immer weniger, doch die Erinnerungen und die Fotos bleiben.

Bertil Hitz erhebt sich langsam aus seinem Stuhl, um das Klassentreffen offiziell zu eröffnen. «Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen. Zuerst muss ich euch mitteilen, dass unser ehemaliger Klassenfreund und Neffe des damaligen Stadtammanns Karl Killer, Franz Killer, letzten Samstag verstorben ist.

Heute hätte er Geburtstag gehabt. Im Geiste ist er jetzt bestimmt unter uns. Ich bitte euch, zu seinen Ehren eine Schweigeminute einzulegen.» Die Köpfe der rund zehn Anwesenden – die meisten über 90 Jahre alt – senken sich. Für eine Minute wird es ganz still im Raum gleich hinter dem Casino-Restaurant.

Alle zwei Monate treffen sich hier ehemalige Klassenkameraden. Zusammen besuchten sie von 1936 bis 1940 die Bezirksschule in Baden. Auf dem Tisch liegen Fotoalben, Erinnerungsfotos und Zeichnungen des Mitschülers Amy Bollag, den viel BT-Leser von seinen regelmässigen Geschichten und Erzählungen kennen.

Des erste Jahrgängertreffen fand 1941 statt. Siebzehn Mal trafen sich die ehemaligen Klassenkameraden zu einem Grosstreffen. 1983 erschienen noch 85 Schulkameradinnen und Schulkameraden, 2009 nur noch deren 30.

Seit 1992 treffen sie sich jeden zweiten Monat. «Die Schuljahre schweissen definitiv zusammen», so Bollag, der in diesem Moment seine Poster auf dem Tisch ausbreitet. Auf diesen hat er mehrere Lehrer festgehalten.

Bollag selber hat die Zeichnungen seit Jahren nicht mehr angeschaut. Bei jedem Bild kommen bei ihm sofort Erinnerungen auf. «Das war der Zeichenlehrer.» Er erinnere sich noch genau, wie dieser zu einer Zeichnung von Bollag gesagt habe: «Endlich ein Jude, der zeichnen kann!».

Auch Edy Meier ist am Treffen dabei. Der rüstige Mann erinnert sich weniger an die Schulstunden als vielmehr an seine Bergtouren und Gipfelbesteigungen zusammen mit seinem besten, inzwischen verstorbenen, Freund Hans Wirz. Überhaupt drehen sich die Gespräche – so wie bei den meisten Klassentreffen – um Vergangenes und gemeinsam Erlebtes.

Erinnerungen an «Hitler-Zeit»

Bertil Hitz erzählt den Anwesenden, dass er heute auch nicht bei vollen Kräften sei. Seine Enkelin sei so nett gewesen und habe ihn und seine Frau Rosmarie von Zumikon ans Treffen gefahren.

Dass er überhaupt noch unter den Anwesenden weile, grenze ohnehin an ein Wunder. «lch bin dem Tod schon viermal entgangen», so Hitz. Als Fünfjähriger wurde ich mit geplatztem Blinddarm ins Spital Baden eingeliefert. Weil die Überlebenschancen gering erschienen, flickte man den Bauch notdürftig zu. Erst nach fünf Wochen konnte ich den Spitalsaal verlassen. Wenn Ärzte heute meine Narbe sehen, fragen Sie, was denn hier geschehen sei.

lm Alter von 25 Jahren hat mir dann ein mutiger Sprung von einem scheuenden Pferd das Leben gerettet. lm Alter von 77 Jahren bin ich vor einer Schleuse auf der Flussschifffahrt Elbe Weser, von einem Drahtseil beinahe geköpft worden. Elf Jahre später bin ich, unweit von unserem Ferienhaus in Saas, zusammengebrochen.

Anita Demuth-Moneta, Maya Lüthy-Ackermann und Thea Bollag (v. l.) begutachten alte Dokumente.

Anita Demuth-Moneta, Maya Lüthy-Ackermann und Thea Bollag (v. l.) begutachten alte Dokumente. 

Mein ganzer Bauch hatte sich mit Blut gefüllt, stellte man im Spital Chur fest – ich hatte eine perforierte Aorta. Es ist also nicht selbstverständlich, dass ich noch unter euch weile», sagt Bertil Hitz.

Er erinnert sich noch gut an die Kriegsjahre und die «Hitler-Zeit», wie er sie nennt. «In der Pfadi lernten wir die Morsesprache. Wir Kollegen verwendeten die Morsesprache als eine Art Geheimsprache.»

Einmal sei er mit dem Velo nach Deutschland gefahren, als der Zöllner einen solchen Brief entdeckt habe. «Ich musste ihm den ganzen Brief vorlesen, um zu beweisen, dass der Inhalt nichts Illegales erhielt.»

Kleiner Scherz mit bösen Folgen

Während der folgenden Stunde reiht sich Anekdote an Anekdote. So erinnert sich Amy Bollag noch heute, wie sein neuer Deutschlehrer seinen ersten Aufsatz mit «erbärmlich» taxierte, «obwohl ich bis anhin im Deutsch immer gute Noten geschrieben habe. Ich verstand die Welt nicht mehr.»

Und einmal habe er ein Skelett im Schulzimmer ein Stück Zucker in den Kiefer gesteckt. «Nachdem mich ein Mitschüler verpfiffen hat, hat mich ein Lehrer fortdauernd blossgestellt», erinnert sich Bollag.

Um 16 Uhr herrscht Aufbruchstimmung. «Chömmed guet hei, bliibet gsund und bis zum nächste Mal», verabschiedet sich Bertil Hitz von den Anwesenden. Amy Bollag schwärmt von Hitz: «Er ist die eigentliche Seele unserer Treffen.»

Bollag und seine Frau Thea werden auch künftig alle zwei Monate den Weg von Zürich auf Baden auf sich nehmen, um an den Klassentreffen teilzunehmen. «Es ist ein Geschenk, so lange leben zu dürfen.»

Altes Foto Klassentreffen Baden 1936

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