Das grösste Dorf im Aargau hat viel vor: Auf 35 000 Quadratmetern soll in Wettingen in den nächsten Jahren zwischen Gleisanlagen, Güter- und Seminarstrasse ein durchmischtes Wohn- und Gewerbequartier entstehen.

Geplant ist Wohnraum für 800 bis 1000 Personen und auf über 10 000 Quadratmetern Platz für Gewerbe – für diverse Dienstleistungen, kleinere Shops oder Gastronomie . Bis am 27. September kann die Öffentlichkeit im Mitwirkungsverfahren ihre Ideen einbringen.

«Stern an der Limmat»

Einer, der das ganz sicher tun wird, ist André Schär. Er ist nicht nur Architekt, sondern auch Mitglied der ortsansässigen GLP und gewählter Delegierter für den Abwasserverband Region Baden Wettingen. Er hatte sich bereits 2011 mit einem eigenen Beitrag beim Wettbewerb für das Bahnhofareal beteiligt, kam als Zweitplatzierter aber nicht zum Zug. Die weitere Entwicklung liegt ihm dennoch sehr am Herzen: «Ich werde noch erleben, was hier am Ende entsteht. Ich will mich dann nicht fragen müssen, ob ich eine gute Möglichkeit verpasst habe, mich einzubringen.»

Wie das Bahnhofareal dereinst daherkommt, ist dem Wettinger wichtig. Täglich fahren hier Hunderte von Menschen mit dem Zug vorbei und sehen vor allem viele Parkplätze und ein Güterbahnhof-Ambiente – kein wirklich attraktives Bild für eine Gemeinde, deren Slogan «Stern an der Limmat» ist. Deshalb beschäftigt sich Schär seit Wochen intensiv mit dem vorliegenden Gestaltungsplan des Bahnhofareals, der neben vielen anderen Dokumenten auch auf der Website von Wettingen einzusehen ist.

Den Verkehr unterirdisch führen

Sein Fokus liegt auf der Idee, die er mit seinem eigenen Namen versehen hat – damit klar ist, dass sie von ihm stammt: Der «Durchstich Schär». Der Tunnel würde unter den Gleisen hindurchführen: «Es wäre für das Quartier eine grosse Erleichterung, wenn der Auto- und auch der Lieferwagenverkehr unterirdisch geführt würden. Die Anzahl von Tiefgaragen-Ausfahrten ins Quartier könnte so von bisher vier auf drei oder gar zwei reduziert werden.»

Die SBB planen zudem eine Park+Ride-Anlage, die auf maximal 100 Plätze begrenzt sein wird, um das Wohnquartier so verkehrsfrei wie möglich zu halten. Doch das reicht Schär nicht: «In einer lebenswerten Stadt soll die Terrainebene weitgehend den Fussgängern, Velos, Spielstrassen oder der Gastronomie vorbehalten sein.» Deshalb sei die motorisierte Ebene frühzeitig unter Terrain zu planen, mit Park+Ride, Einstellhallen der Wohngebäude und Anlieferung der Läden oder des Gewerbes, die ihre Lager ohnehin meist im Untergeschoss hätten, wie er in seinem Text «für eine lebenswerte Stadt» schreibt – wobei Stadt für ihn nicht für das politische Gebilde, sondern für den dicht bebauten Ort stehe.

Für ihn wäre hier die logische Lösung, «eine Anbindung an die Schwimmbadstrasse in nächster Nähe zur Autobahnauffahrt A1 mittels Durchstich unter den Bahngleisen hindurch.»
Schär folgt bei seinen Ideen ganz dem Motto der Grünliberalen.

Als er die Lehre zum Hochbauzeichner absolvierte, sagte ein Lehrer einen Satz, der ihn bis heute prägt: «Ein guter Bau ist ökonomisch und ökologisch.» Deshalb ist es ihm wichtig, dass beim Bahnhofareal auch auf die Umwelt Rücksicht genommen wird: «Heutzutage werden Dachflächen zumeist mit einem Substrat aus Ziegelschrot und Pflanzen, die man nicht bewässern muss, begrünt. Von diesem Material kann aber kein Lebewesen leben.»

Schwemmholz statt Ziegelschrot

Er schlägt etwas anderes vor: «Man nehme zum Beispiel Schwemmholz von einem Stauwehr. Dieses landet im Rechen, weil es nicht durch die Turbinen darf.» Dieses Holz sei günstig und könne aufs Dach gelegt werden.

Ein wichtiger Bestandteil von Holz sei Eiweiss, die Nahrungsgrundlage für Käfer und Insekten: «Und wo diese sind, hat es auch mehr Vögel», erklärt Schär voller Enthusiasmus. Dies sei ein wichtiger Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt. Vogelgezwitscher zu hören, sei für ihn auch Lebensqualität, vor allem in einem dicht bewohnten Gebiet: «Es werden sehr konzentriert Menschen hierherkommen, weil man fünfgeschossig bauen möchte.» Diese würden im Sommer auch draussen sein wollen.

Obwohl der Gemeinderat eine Allee plane, so biete das noch nicht die Qualität, die er erwarte: «Ein Quartier ist für mich wie ein eigenes Dorf. Hierher gehört auch stehendes wie fliessendes beziehungsweise plätscherndes Wasser — das bringt entspannende Geräusche, mindert den Umgebungslärm und wirkt sich zudem auch beruhigend auf die Psyche aus.»

Hitzeinseln verbannen

Neben ökologischen und psychologischen Aspekten sind ihm auch begrünte Fassaden und die Durchlüftung und Kühlung eines Quartiers ein Anliegen: «Die lebenswerte Stadt verbannt Hitzeinseln, die die Temperatur steigern. Dazu ist eine maximale Fläche an unversiegelter Bodenfläche anzustreben.» Das bedeute, dort wo Wasser versickern könne, werde der Boden feuchter und nehme im Sommer durch die Verdunstung weniger Hitze auf. «Zudem wirken begrünte Fassaden schattenspendend und reflektieren die Sonne nicht.»

Schär hat sich viele tiefgreifende Gedanken gemacht, auf die er im Mitwirkungsverfahren aufmerksam machen wird. «Es ist wichtig, auch vermeintlich kleinere Änderungen einzubringen, da im Gestaltungsplan die Anforderungen an die Bauten, zum Beispiel wie Dächer oder Fassaden auszuführen sind, bereits zur Sprache gebracht werden.»

Er fordert dazu auf, das Mitwirkungsverfahren wirklich zu nutzen, um sich mit den Plänen der Investoren auseinanderzusetzen: «Wenn das Baugesuch vorliegt, kann nur noch wenig ausgerichtet werden und dann beklagen sich die Leute wieder.» Deshalb ruft er dazu auf, die Chance zu packen: «Danach ist der Zug abgefahren!»