Hätten die verheerenden Schäden an den Rebstöcken im Wettinger Rebberg und die Verluste für die Weinbauern in der Region und im ganzen Land verhindert werden können? Wäre das Spritzmittel «Moon Privilege» von Bayer gegen Pilzbefall nicht eingesetzt worden, müssten die Winzer nun nicht um ihre Existenz fürchten.

Dieser Ansicht sind einige Leser, die in Kommentaren und Reaktionen auf die Berichte zu den Missbildungen der Reben und dem Ernteausfall, den Weinbauern vorwerfen, zu sehr auf chemische Produkte zu setzen.

Ein Leser empfindet kein Mitleid für die Winzer, die ihre Rebstöcke mit Chemikalien «vollpumpen» und sich dann über das Absterben der Pflanzen wundern würden. Zu Wort meldeten sich zudem ein paar Leser, die für den biologischen Weinbau plädieren und zu natürlichen Methoden gegen Pilzbefall und Schädlinge aufrufen.

Sind die Winzer tatsächlich selbst schuld an der Misere? Roland Michel, Präsident der Weinbaugenossenschaft Wettingen, ist da anderer Meinung: «Die Aussagen der Leser stimmen nicht ganz. Die Wettinger Rebbauern setzen auf die integrierte Produktion, die sehr naturnah ist und strengen Vorlagen untersteht. Spritzmittel werden nur in kleinsten Dosierungen und nur wenn nötig eingesetzt.»

Die integrierte Produktion (IP) unterscheide sich laut Michel vom biologischen Weinbau dadurch, dass synthetische Spritzmittel verwendet würden, diese aber in viel geringerem Umfang als natürliche biologische Pestizide und Fungizide.

Weinbau nicht ohne Spritzmittel

Der Vorwurf, dass Weinbauern die Reben mit Chemikalien zuschütten, kann laut Michel zurückgewiesen werden: «Jeder Winzer liebt seine Rebstöcke und setzt nicht übermässig Pflanzenschutzmittel ein.»

Die integrierte Produktion orientiert sich am Motto: So wenig wie möglich und so viel wie nötig. Michel gibt aber auch zu, dass der Weinbau nicht ohne Spritzmittel auskommt. «Aufgrund der Beschaffenheit des Bodens gedeihen die Trauben sehr schlecht ohne den Einsatz von Produkten.»

Andreas Meier, Weinbauingenieur, Önologe und Inhaber des Weinguts zum Sternen in Würenlingen, der von den Missbildungen ebenso betroffen ist, fügt hinzu, dass die Pilzkrankheiten der Rebe, der «Echte Mehltau» und der «Falsche Mehltau», die vor etwas mehr als 100 Jahren aus Amerika eingeschleppt worden seien, mit Pflanzenschutzmitteln abgewehrt werden müssten.

Das Mittel wäre verträglich

Er hegt keinen Groll auf das Fungizid: «‹Moon Privilege› wäre ein intelligentes, modernes und verträgliches Mittel, das keine Belastung für Natur und Konsument darstellt. Eingesetzt wird es weiterhin für Obst, Beeren oder beispielsweise Erbsen. Nur die Rebe scheint es rätselhafterweise nicht zu vertragen», sagt Meier.

Der Kritik der Leser entgegnet Meier mit der Tatsache, dass die Winzer nichts Verbotenes gemacht, sondern ein Pflanzenschutzmittel verwendet hätten, welches vom Bundesamt für Landwirtschaft getestet und zugelassen und von Agroscope autorisiert wurde.

«Die Verformung und die Auswirkungen führen nicht nur zu einem Image-Schaden für Bayer, sondern auch der IP-Landwirtschaft», sagt Meier. Die Abwehrhaltung gegenüber der integrierten Produktion und das Bauchgefühl der Konsumenten, bio sei besser, sei durch diesen Vorfall gestärkt worden.

Die Bio-Weinproduktion sei laut Meier jedoch auch nicht das Gelbe vom Ei: «Der Einsatz von biologischen Mitteln ist nicht nachhaltig. Bei «Echtem» und «Falschem Mehltau» werden Schwefel- und Kupferpräparate eingesetzt, welche den Boden belasten und beim Spritzen für die Atemwege ungesund sind und die Haut reizen. Synthetische Spritzmittel sind oftmals verträglicher und schneller abgebaut.»

Ob bio oder nicht, dem Konsumenten sollte bewusst sein, dass alle Nutzpflanzen, so auch die Reben, keine Wild-, sondern Kulturpflanzen sind und entsprechende Pflege und auch Pflanzenschutzmittel brauchen.