Mit Tempo 215 auf A1 geblitzt

Deutscher Raser kriegt Mercedes zurück, ist aber sein Erspartes los

Der deutsch-polnische Mercedes-Fahrer wurde eines Morgens um 6.30 Uhr auf der A1 bei Spreitenbach mit 215 km/h geblitzt. (Symbolbild)

Der deutsch-polnische Mercedes-Fahrer wurde eines Morgens um 6.30 Uhr auf der A1 bei Spreitenbach mit 215 km/h geblitzt. (Symbolbild)

Ein deutscher Raser ist vom Bezirksgericht Baden zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten verurteilt worden. Sein Auto erhält er zurück. Die Staatsanwaltschaft wollte, dass der Mann strenger bestraft wird.

Am frühen Morgen des 3. August letzen Jahres wurde auf der A1 bei Spreitenbach ein Mercedes mit Tempo 215 km/h – nach Toleranzabzug mit 88 km/h zu viel – geblitzt. Der Fahrer, der 59-jährige Deutsche Werner K., wurde festgenommen und verbrachte neun Stunden in Haft; sein Auto wurde beschlagnahmt.

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Kurz darauf wogte eine riesige Welle der Empörung durch die deutschen Medien. Der Fall sorgte für Schlagzeilen wie «Statt Urlaub in Italien, Haft in der Schweiz». Teams von ZDF und RTL reisten in den Aargau, um vor Ort über den Skandal zu berichten. An einer Internetumfrage von «Spiegel Online» nahmen über 163'000 Leute teil: 60 Prozent sprachen sich für das Einziehen von Raser-Autos aus, nur gerade 17 Prozent waren vehement dagegen.

Angeklagter erschien nicht

Heute Dienstag wurde der Fall vor dem Bezirksgericht Baden verhandelt. Werner K. hatte sich von einer Teilnahme dispensieren lassen. Der deutsch-polnische Doppelbürger ist 59-jährig, war von Beruf Reisebus-Chauffeur, ist seit acht Jahren vorzeitig pensioniert und lebt mit einer Rente von monatlich 1050 Euro in Polen.

Den 13-jährigen Mercedes C 200 Kompressor hatte er im Juli 2014 erworben. Bei seiner Einvernahme durch den Staatsanwalt sagte er aus, er habe gemeint, auf Schweizer Autobahnen würden, genau wie in Deutschland, keine Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten.

Ohne gültigen Fahrausweis

An jenem Sonntag im August war Werner K. vom Bodensee unterwegs nach Lyon. Er hatte es nicht eilig, wollte offenbar aber ausprobieren, wie viel Power in den 163 Pferdestärken unter der Kühlerhaube steckten.

Es hatte kaum Verkehr auf der A1, war um 6.30 Uhr bereits hell und der Deutsche kannte die Strecke von früher, als er noch Bus gefahren war. Allerdings hatte Werner K. keinen gültigen Führerausweis bei sich.

Seinen deutschen Führerschein hatte er abgegeben. Den polnischen Ausweis, den er den Aargauer Beamten zeigte, stammte aus dem Jahr 1982 und war, wie Abklärungen von Interpol ergaben, nicht mehr gültig.

Werner K. betonte, er habe noch nie im Leben einen Unfall gehabt. Hier in der Schweiz war er nicht vorbestraft, sein automobilistischer Leumund war makellos. In Deutschland hatte er drei Geldstrafen wegen Trunkenheit auf dem Velo und Beleidigungen sowie 2006 wegen Fahrens ohne Bewilligung kassiert.

Raserauto wird ausgehändigt

Die Anträge des Staatsanwaltes vor Gericht: 20 Monate Freiheitsstrafe bedingt, eine Busse von 4000 Franken sowie der Einzug des Mercedes. Die Anwältin von Werner K. verneinte, dass ihr Mandant vorsätzlich gehandelt habe. Sie betonte, dass sein polnischer Führerschein in Deutschland mehrfach kontrolliert, aber nie beanstandet worden sei.

Sie wies auch auf die prekären finanziellen Verhältnisse von K. hin und beantragte eine bedingte 15-monatige Freiheitsstrafe, 500 Franken Busse und die Herausgabe seines Autos.

Das Gericht unter Vorsitz von Gabriela Fehr verurteilte ihn zu 16 Monaten Gefängnis bedingt auf eine Probezeit von zwei Jahren plus 2000 Franken Busse. Die Beschlagnahmung des Mercedes hob das Gericht auf.

«Keine schlechte Prognose»

Gabriela Fehr sagte zur Begründung: «Wir tun dies, weil wir Werner K. keine schlechte Prognose stellen müssen. Klar hatte er skrupellos gehandelt, doch das Risiko für weitere exzessive Geschwindigkeitsüberschreitungen ist allein schon deswegen gering, weil er jetzt definitiv keinen Fahrausweis mehr besitzt. Auch ist unser Verdikt die erste Freiheitsstrafe für Werner K. Dieser ‹Schuss vor den Bug› dürfte ihn von weiteren qualifizierten Verletzungen der Verkehrsregeln abhalten.»

Im Übrigen dürften die Busse, die Kosten für das Verfahren und die fünf Monate Standkosten für den beschlagnahmten Mercedes fast das gesamte Ersparte des 59-jährigen Rentners aufbrauchen.

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