Niederrohrdorf

«MeinArzt»-Praxis geschlossen: Wieso liegen die Patienten-Akten jetzt beim Betreibungsamt?

Patientendossiers aus der Niederrohrdorfer MeinArzt-Praxis liegen nun im Betreibungsamt

Patientendossiers aus der Niederrohrdorfer MeinArzt-Praxis liegen nun im Betreibungsamt

Patienten der «MeinArzt»-Praxis in Niederrohrdorf standen Anfang Woche beim Betreibungsamt Schlange, um ihre Patientendossiers abzuholen. Leiter Roger Fessler erzählt, wie die Akten hierher kamen.

Beim Betreibungsamt Heitersberg-Reusstal liegen hunderte Patientendossiers der «MeinArzt»-Praxis in Niederrohrdorf. Die Praxis schloss Anfang Woche – wie sechs weitere im Kanton Aargau in den letzten Tagen. Danach stürmten Dutzende Patienten ins Betreibungsamt im selben Ort, um dort ihre Akten abzuholen. Doch wieso landeten diese ausgerechnet beim Betreibungsamt?

Roger Fessler, der Leiter des Betreibungsamts, erklärt das: «Wir haben am Mittwoch letzter Woche ein Telefonat von einer Mitarbeiterin der Arztpraxis erhalten. "Der Strom werde abgestellt. Sie müssten die Praxis schliessen", sagte ihm die Mitarbeiterin. "Sie bat um Hilfe, damit die Patienten auch nach der Schliessung zu ihren Akten kommen." 

Wichtig ist das vor allem für jene Leute, die dringend Medikamente brauchen. Sie brauchen die Dossiers, damit ihnen ein anderer Arzt ihnen möglichst schnell ein Medikament verschreiben kann.

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Viele Dossiers auf einem Computer

Fessler hat die Hilfe zugesagt, in Absprache mit dem Gemeinderat. So haben die Patienten während der Bürozeiten Zugang zu den Akten. "Das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe, aber es handelt sich um unsere Bevölkerung", sagt Fessler. Der Akt der Menschlichkeit zahlt sich aus. "Die Leute sind sehr dankbar", erzählt Fessler. 

In dieser Liegenschaft befindet sich die "MeinArzt"-Praxis in Niederrohrdorf. (Bild vom 3. September 2020)

In dieser Liegenschaft befindet sich die "MeinArzt"-Praxis in Niederrohrdorf. (Bild vom 3. September 2020)

Eine der zwei Praxis-Mitarbeiterinnen bestätigt das Vorgehen. Die Stromrechnungen hätten von der «MeinArzt-»Zentrale bezahlt werden müssen. Zudem sei Arzt Elmedin Begic und den beiden Medizinischen Praxisassistentinnen auf Ende August gekündigt worden.

Die allermeisten Patienten der "MeinArzt"-Praxis, in welcher Arzt Elmedin Becic praktizierte, wüssten wohl noch nichts von der Schliessung, vermutet Fessler. Rund 400 physisch greifbare Dossiers liegen noch im Betreibungsamt. Doch das sind längst nicht alle: Auf einem Computer aus der Arztpraxis, der auch ins Betreibungsamt gebracht worden ist, befinde sich vermutlich eine grosse Menge an Dossiers in digitaler Form, vermutet Fessler. An diese Daten kommen die Mitarbeitenden des Betreibungsamt nicht heran. "Da werden wir Hilfe erhalten", so Fessler. "Aber das wird noch zwei bis drei Wochen dauern."

Mehrere Leserinnen ärgerten sich, dass die «MeinArzt»-Kette als Betreiberin der Praxis die Patienten nicht über die Schliessung informiert habe. Hausarzt Becic und die zwei Mitarbeitenden der Praxis hatten in den Tagen vor der Schliessung noch möglichst viele Patientinnen und Patienten angerufen, um auf die Schliessung und die Möglichkeit, die Dossiers abzuholen, aufmerksam zu machen. «Wir haben täglich rund 50 erreicht», sagt die Mitarbeiterin. Die Praxis habe zirka 900 Patienten gezählt.

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