Eine solche Anekdote ist mehr als eine Anekdote, eigentlich ein Gleichnis. Diese Geschichte muss man einfach aufschreiben. Roger Kaysel, der viel liest und manches schreibt – gerade hat er zwei schöne Bände abgeschlossen mit eigenen Essays und Cartoons – hat diese Anekdote nicht aufgeschrieben. Darum tun wir es hier, ohne uns mit seinen Federn zu schmücken, weil sie im Gleichen den Erzähler fasst und gut zu Kaysels Leben passt.

Dieses Gleichnis geht so: Eine Frau sammelte Tonpfeifen. Darunter viele aus Regionen, wo die Leute glauben, mit den Pfeifen Geister vertreiben zu können. Böse Geister. Auf ihrer Spur – nicht die Spur der Geister, sondern der Tonpfeifen – lernten die Frau und ihr Mann eines Tages Russen kennen, die Tonpfeifen verkauften.

Daraus ergaben sich Freundschaften und ein Kulturaustausch zwischen Museen, etwa via alte russische Spielsachen. Die Schaustücke holte das Ehepaar in die Schweiz. Eine Besucherin mit lebhaftem Interesse an Russland war davon begeistert. Und eben diese Dame wurde dann – im Rahmen einer Stiftung – zur vermögenden Gönnerin des Schweizer Kindermuseums in Baden.

Das Leben als «Fadenzeinli»

Was zeigt diese Geschichte? Roger Kaysel lächelt, ganz oben im Büro des Kindermuseums am Ländliweg, einem Bau im Stil der italienischen Renaissance. «Es illustriert», sagt Kaysel, «dass das Leben oft einem ‹Fadenzeinli› gleicht: Sie ziehen irgendwo an einem Faden und geraten über die unwahrscheinlichsten Windungen zu einem völlig unvermuteten Ende. Oder zu einer überraschenden Fortsetzung.»

Drum kann man die Geschichte auch auf die Geister beziehen: Es gibt offenbar auch gute. Oder solche, die konvertieren: von gut zu böse und umgekehrt. Die werden unter Umständen genau dann geweckt, wenn jemand in eine Pfeife trillert, eigentlich im Glauben, Geister zu vertreiben. Kurz: Die Geister machen, was sie wollen. Und so wie es aussieht, das Leben auch.

Da geht ein junger Bursche ab von der Schule, um Bauer zu werden. Der Weg führt ihn als Knecht erst nach Dänemark, dann nach Frankreich. Am Ende des Ackers wird er Fotograf. Die Kunstgewerbeschule ist dafür zwar versperrt, nicht aber die Praxis (unter anderem beim Badener Tagblatt). Und dann – Roger Kaysel ist da in den späten Vierzigern, längst verheiratet und Familienvater – werden er und Sonja die «Eltern», die Eminenzen des Schweizer Kindermuseums.

Bilden solche Lebensfäden schon ein «Chrüsimüsi»? Mitnichten. Nicht bei Kaysels. Die Stetigkeit, den Faden nicht mehr aus der Hand zu geben, die Hartnäckigkeit beim Einsatz fürs Museum war und ist zweifellos eine Grundvoraussetzung. Roger Kaysel denkt viel darüber nach, woraus sich Verluste im Leben ergeben können, und welche Zufälle wunderbare Dinge zur Folge haben. Hängt alles daran, wie man Geister beschwört? Jeder, der gelegentlich nach innen schaut, ist auf der Spur solcher Webkräfte. Darum ergibt sich aus den Lebensfäden solcher Leute viel Gleichnishaftes – mal abgesehen vom Genuss ruhiger Gespräche.

Kindheit am Lägernhang

Als Kaysel in Baden aufwuchs, war das Haus, das seine Eltern gemietet hatten, noch das einzige am Lägernhang. «Die schönste Zeit meines Lebens», sagt Kaysel versonnen. Ohne Beiwerk eines herzhaften Fluchs. Der kommt als Anhang seiner Erinnerung an die Zeit als Bauerknecht in Dänemark: «Eine wunderschöne Zeit – gopfertelli!»

Kaysel sagt, er unterstreiche einfach ein starkes Gefühl mit einem starken Ausdruck. Könnte es indes nicht auch ein teil-zorniger Ausruf sein, diese schöne Zeit verloren zu haben? Ganz konkret, Herr Kaysel: «Haben Sie am Lägernhang vielleicht Ihr Paradies verloren, die Kindheit? Und in Dänemark die Jugend?» Sammelt er deswegen die Gegenstände der Kinder und präsentiert sie in aller Sorgfalt so gediegen unseren Augen?

Die wichtige Rolle der Grosseltern

«Es war eine Kindheit», antwortet Kaysel, «zwischen Notstand und Wohlstand, wenn auch nicht ganz so dramatisch, wie diese Zuspitzung klingt.» Aber sicher sei es ein anderes Befinden gewesen als die «Katastrophe», der Kinder heute ausgesetzt seien, einer permanenten Nötigung zum Erleben via Konsum, als ob es daneben kein an sich schon golden ausstaffiertes Kinderreich gäbe.

Beobachtungen solcher Art stellt Roger Kaysel an, während er zuschaut, wie Besucherinnen und Besucher, grosse und kleine, die Sachen im Museum betrachten und kommentieren. Ausgehend von dem, was er da sieht, betont Kaysel etwa die eminent wichtige Rolle der Grosseltern für Kinder, wie er auch sagt, dass sich Väter nicht bloss zum Freizeitclown machen sollten in der Familie.

Kaysel liebt solche Betrachtungen, keine Frage. Als «vollkommen apolitischer Mensch» bezieht er stets eine gewisse Distanz zu den Dingen, grundiert mit Skepsis. Er nennt es «Weltschmerz»: «Damit muss man irgendwie fertig werden. Mit dem Wahnsinn, der rundum geschieht. Entweder indem man sich als Wahnsinns-Ignorant gibt. Oder indem man dann und wann halt etwas macht, wenn es plagt.»