Ruben Salzgeber lebt seit etwas mehr als fünf Jahren mit seiner Freundin an der St. Niklausstiege in Baden, die hoch zur Ruine Stein führt. Wo das Leben für beide die ersten Jahre noch angenehm war, verkommt es nun zunehmend zum Ärgernis: «Seit zirka zwei Jahren wird es immer schlimmer, Leute koksen am helllichten Tag vor unserer Haustüre oder missbrauchen die Treppe als WC.»

Zum Beweis schickt er per Mail Bilder, auf denen ein Anwohner selbst anpackt und die unappetitlichen Spuren des Wochenendes entfernt. Um seinem Ärger noch mehr Ausdruck zu verleihen, ergänzt Salzgeber im Mail den Stadt-Slogan «Baden ist.» mit den unmissverständlichen Worten «verpisst, verkotzt und verschissen!». Er enerviert sich: «Ich frage mich ernsthaft: Wie kann man sich so gehen lassen?»

Lieblos oder lebendig?

Er ist nicht der Einzige, der sich über die anhaltenden Vorkommnisse ärgert. Zwischen zehn und zwölf Personen werden einen Brief an den Stadtrat unterschreiben, der Ende Woche verschickt wird: «Wir werden auf die deutlich schlechtere Lebensqualität in der Altstadt aufmerksam machen», erklärt Salzgeber.

Ihnen sei schon klar, dass es keine kurzfristigen Lösungen gebe, aber mehr Reinigungen oder erhöhte Polizeipräsenz hätten die Situation aus ihrer Sicht auch nicht verbessert. «Wir erhoffen uns, dass sich der Stadtrat darüber Gedanken macht, wie es dazu gekommen ist, dass wir heute in einem Partysumpf leben.» Den Brief unterschreibt auch Stella Palino mit, die künstlerische Leiterin des «Teatro Palino» auf der anderen Strassenseite des besagten Treppenaufgangs zur Ruine Stein: «Momentan übersteigt es so ziemlich die Latte des Erträglichen», echauffiert sie sich. Eine lieblose Partymeile nehme immer mehr überhand.

Absurde Dinge, die er nicht missen möchte

Peter Siegenthaler von «Cadenhead’s Whisky & more» am Eingang zur Mittleren Gasse relativiert diese Aussagen. Für ihn ist diese Gasse so etwas wie die Zürcher Langstrasse, «die lebendigste Strasse von ganz Baden, mit allen Pendelausschlägen, von positiv bis negativ». Er habe hier in zehn Jahren seit Eröffnung seines Whiskyshops absurdeste Dinge erlebt, die er trotzdem nicht missen möchte: «Natürlich hat auch schon jemand in die Pflanzen vor dem Geschäft gepinkelt, aber da kenne ich nichts, und verjage diese Menschen.» Da sei auch schon einer mit offenem Hosenstall geflüchtet, erzählt er lachend.

Er finde es schön, dass in Baden gewisse Orte und Menschen toleriert würden, und schwärmt auch vom Zusammenhalt des Gewerbes, von den Geschäften vom Cordulaplatz bis zur neu eröffneten Walther-Bar, die besonders viele Menschen anziehe.

Mehr Bars, mehr Menschen

Genau das ist Ruben Salzgeber aber ein Dorn im Auge: «Die Altstadt hat sich in den vergangenen Jahren von vielen Einzelshops verabschiedet und sich zu einer Ausgangsmeile verwandelt. Waren es vorher noch zwei, drei Bars, die vereinzelte schwarze Schafe anzogen, sind es heute bald zehn Bars.» Vor allem darauf sei zurückzuführen, dass in den vergangenen Monaten spürbar mehr Vandalenakte vorgefallen seien, findet er.

Das bestätigt Max Romann, stellvertretender Kommandant der Stadtpolizei, zwar nicht, aber: «Letztes Wochenende war mehr los als normalerweise und dementsprechend fanden auch vermehrt Vandalenakte und Verunreinigungen statt», antwortet er auf Anfrage. Das bestätigt auch der Leiter des Werkhofs, Thomas Stirnemann: «Leider haben wir nach dem letzten Wochenende in der ganzen Stadt starke Verschmutzungen festgestellt. Zusätzlich hatten wir auch Vandalenschäden im Kurpark und an der Limmatpromenade.»

Keine Handhabe

Die Stadtpolizei sei bestrebt, an den Wochenenden die Situation mit erhöhter Präsenz so gut wie möglich im Griff zu haben, sagt Romann. Das sei aber leider aus Gründen der vielen Einsätze, auch ausserhalb des Stadtgebietes, nicht immer möglich.

Aber: «Die St. Niklausstiege ist einer unserer Hotspots. Wir kontrollieren hier am Wochenende regelmässig den Treppenaufgang, können aber die dort herumstehenden Personen nicht einfach wegjagen. Das ist öffentlicher Grund.» Und solange die Polizei niemanden auf frischer Tat ertappe, könne sie nichts tun.

Ausserdem gebe es gegen übermässigen Alkoholkonsum – der den meisten Vandalenakten zugrunde liege – kein Mittel: «Wir können den Leuten keine Vorschriften machen.» Sich betrinken und sich nachher nicht mehr im Griff haben, ist nicht strafbar. Er äussert aber Verständnis für die Anwohner: «Klar ist es unangenehm für sie, dennoch bringt das Leben mitten in der Stadt halt auch Immissionen mit sich.» Salzgeber und seine Freundin haben die immergleichen Ausreden satt, sagen sie. Sie sind auf Wohnungssuche.