Die Geschichte Turgis ist untrennbar mit der ehemaligen Baumwollspinnerei an der Limmat verbunden. Das Gebäude sei die Keimzelle der Gemeinde, schreibt Historiker Andreas Steigmeier; denn das Gebiet rund um die Limmatschleife war praktisch unbewohnt, bevor die Zürcher Brüder Bebié hier Mitte der 1820er-Jahre eine Spinnerei errichteten. «Damals war Turgi der Name nicht etwa einer bewohnten Ortschaft, sondern einer mit dichtem Gestrüpp überwachsenen Wildnis», heisst es in einem Dokument aus dem Jahr 1862.

Innerhalb von drei Jahrzehnten und nach einer Verdoppelung der Gebäudevolumen wuchs das Unternehmen zur grössten Spinnerei und damit zur mutmasslich grössten Fabrik der Schweiz heran. Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten zwischen 400 und 600 Menschen im Dorf, das entsprechend auf mehrere Hundert Einwohner anwuchs. Von dieser Pulsader ging die weitere Entwicklung der Gemeinde aus, die durch den Anschluss an die Eisenbahnlinie Baden-Brugg verstärkt wurde. Zwischen Spinnerei und Bahnhof entwickelte sich eine Arbeitersiedlung, und zum Fabrikdorf gehörten schnell auch Läden und Gastwirtschaften.

Nun gibt es Pläne, das gut erhaltene und kommunal geschützte Spinnereigebäude so umzubauen, dass 44 Wohnungen darin untergebracht werden können. Dies ist einem Vorentscheidgesuch zu entnehmen, das die Gemeinde Turgi vor wenigen Tagen publiziert hat. Als Bauherrschaft ist die ABB Immobilien AG aufgeführt, deren Vorgängerfirma Brown Boveri die ehemaligen Bebié-Firmen und -Gebäude 1962 aufgekauft hatte.

Eveline Szegedi von ABB Immobilien AG erklärt: «Es geht beim Vorentscheidgesuch um die Frage, ob ein Umbauprojekt aus rechtlicher Sicht überhaupt machbar wäre. Diese Frage stellt sich aufgrund der Schutzwürdigkeit der Liegenschaft. Mit der Frage, wie ein Umbau aussehen könnte, befassen wir uns im Detail erst, falls das Gesuch bewilligt wird.»

Die Bauherrschaft tastet sich also vorsichtig an den Umbau der historischen Substanz heran – nicht ohne Grund: Unter anderem für den vorbildlichen Umgang mit den geschichtsträchtigen Gebäuden erhielt Turgi 2002 den Wakker-Preis des Schweizerischen Heimatschutzes. «Turgi kennt seine industrielle Vergangenheit und will sie nicht verlieren», schreibt Historiker Steigmeier. Das habe sich schon in den 1960er-Jahren gezeigt, nachdem Brown Boveri die Spinnerei gekauft und stillgelegt hatte, um an ihrer Stelle eine grosse Wohnüberbauung zu erstellen. «Zu einem Zeitpunkt, als landauf, landab Fabriken noch als hässlich galten, wehrte sich Turgi für die Erhaltung der Spinnereigebäude.»

Nun wird also als erstes der Gemeinderat über das Gesuch entscheiden müssen, bei einem Ja würde es anschliessend auch dem Kanton unterbreitet. Gemeindeammann Peter Heiniger (Bürgerliche Vereinigung Turgi) begrüsst das Vorgehen der Bauherrschaft, vor einem definitiven Baugesuch ein Vorentscheidgesuch einzureichen, schliesslich sei das ganze Ensemble geschützt und im Kurzinventar des Kantons enthalten. «Die Spinnerei ist ohne Zweifel eines der wichtigsten Gebäude unserer Gemeinde, eine Art Denkmal, das an die industrielle Vergangenheit Turgis erinnert. Ich persönlich bin der Meinung, dass das Erscheinungsbild der alten Spinnerei so gut wie möglich erhalten bleiben soll. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, dass das Gebäude weiterlebt und weiter genutzt wird», sagt Heiniger. Es gelte also, zwischen diesen beiden Interessen abzuwägen und gemeinsam mit dem Bauherrn eine sinnvolle Lösung zu finden.

Ursprung von Turgis Abspaltung

Zurück zum erwähnten Dokument aus dem Jahr 1862: Es handelte sich um ein Gesuch an den Regierungsrat, in dem Turgi um die Abspaltung von der Gemeinde Gebenstorf bat, was einige Jahre später Tatsache wurde. Die zugezogenen Arbeiterfamilien – viele kamen aus abgelegenen Gebieten des Aargaus und Süddeutschlands – galten bei den Bürgern Gebenstorfs wegen «Trunk, Kartenspiel und Geschlechtslust» als Fremdkörper; umgekehrt empfand es der bald reichere, neue Industrie- und Verkehrsort als Demütigung, sich den an den an Zahl überlegenen Bauern fügen zu müssen, heisst es in der Chronik von Turgi. Diese sozialen Spannungen sowie die Eigenständigkeit Turgis hatten ihren Ursprung somit vereinfacht ausgedrückt in der alten Spinnerei – der Keimzelle, die nun womöglich durch den Umbau eine einschneidende Veränderung erfahren wird.