Der Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche ist in den letzten Jahren massiv gewachsen: Gemäss einer Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation WHO leidet von den elfjährigen Schülern in der Schweiz fast jeder Dritte unter Schlafproblemen, einem typischen Stresssymptom.

Auch verzeichnen Unikliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie in den letzten Jahren einen starken Anstieg der Fallzahlen. Der Leistungsdruck in der Schule gehört zu den Gründen. Aber: «Auch im Freizeitbereich ist heute ein Optimierungswahn» zu beobachten, sagte Schulpsychologe Basil Eckert kürzlich in einem Interview.

Diese Erfahrung haben auch Christina Mérida Reyes und ihr Sohn Leandro (11) machen müssen. Vor einem Jahr stiess er zum FC Fislisbach – heute ist er nicht mehr Teil der Mannschaft. «Der Trainer teilte mir mit, dass er nicht talentiert genug sei, um mithalten zu können», sagt die alleinerziehende Mutter, die vor vier Jahren aus Deutschland nach Busslingen gezogen ist.

Beschimpfungen und Ausschluss

Doch der Reihe nach: Nach zwei Jahren auf der Warteliste kam Leandro im Herbst 2017 in ein Team, das seit Längerem zusammen Fussball spielt. «Am Anfang war noch alles in Ordnung. Aber leider stellte sich nach einiger Zeit heraus, dass Leandro nicht so besonders begabt ist, aber einfach Spass am Training hat», erzählt sie. Dabei betont sie, dass ihr Sohn als Anfänger zum FC Fislisbach stiess.

Trotzdem: Man habe ihn oft auf der Bank sitzen lassen, weil die besseren Spieler auf einen Match vorbereitet werden sollten. Auch sei er von Teamkollegen beschimpft worden, weil er nicht gut spiele. «Leandro hat aber nicht aufgegeben und ist immer wieder gerne ins Training gegangen.» Im Frühjahr wurden die Mannschaften neu formiert und Leandro wurde einer neuen, stärkeren Gruppe zugeteilt. «Er selbst war überrascht über die Neueinteilung, weil er meinte, dass er nicht gut genug dafür sei.» Als nach einem Training die Beschimpfungen zu viel wurden, suchte sie das Gespräch mit dem Trainer. Dabei erfuhr sie, dass Leandro in der neuen Saison nicht mehr mitspielen dürfe. «Daraufhin habe ich die Mitgliedschaft gekündigt», sagt sie.

Christina Mérida Reyes, die als Kind Leistungssportlerin war, kann nicht verstehen, dass ein Kind, das einfach nur Freude am Fussballspielen hat, nicht geduldet sei. «Meiner Meinung nach soll Sport als ein gesunder Gegenpol zu dem bereits im Kindesalter sehr anspruchsvollen Alltag dienen. Aber unseren Kindern wird heutzutage nur noch Leistung abverlangt, auch in der Freizeit.»

19 Juniorenteams mit 322 Kindern

Was sagt der FC Fislisbach zur Kritik? «Zum Schutz und Wohl des Kindes werden wir in der Öffentlichkeit auf keine Fragen zu einem einzelnen Fall antworten», sagt Vizepräsident Martin Dürr. Er gibt jedoch Einblick, wie der FCF zum Thema Leistungsdruck steht. «Bis vor Kurzem führten wir noch keine Warteliste und jeder war willkommen. Aber als eine der grössten Juniorenabteilungen im Kanton Aargau kommen nun auch wir an die Grenzen.»

Zum Beispiel in Bezug auf die Infrastruktur und auf das Personal. Zur Veranschaulichung: Beim FC Fislisbach, dessen 1. Mannschaft in der 3. Liga spielt, betreuen 32 Trainer aktuell 19 Junioren- und Juniorinnenmannschaften mit insgesamt 322 Kindern mit Jahrgängen 2002 bis 2013. Dürr betont, dass vor allem bei den Kleinsten der Spass im Vordergrund stehe. Sie würden Erfahrungen sammeln und lernen, dass nicht alle Ziele erreicht werden können.

«Bei den älteren Junioren braucht es wie bei jedem Teamsport ein gewisses Talent, um in der Gruppe bestehen zu können», sagt Dürr und fügt an: «Unsere Trainer erkennen rechtzeitig, welche Kinder zueinander passen, um ein optimales Team bilden zu können.» Kriterien seien unter anderem das Können, das Aufnahmevermögen und die Körperstatur.

Dürr fügt an, dass es dabei auch Kinder gebe, die – trotz WM-Euphorie der Eltern – merken, dass sie nicht Fussball spielen möchten. «Vielleicht ist das Kind ja für eine andere Sportart besser geeignet», sagt er. «In solchen Fällen suchen wir natürlich das Gespräch mit den Eltern und helfen dem Kind somit.» Auf diese Weise trage man dazu bei, dass die Kinder nicht überfordert würden.

Fussball ist Einstiegssport Nr. 1

Beim Aargauischen Fussballverband (AFV) ist die Problematik des Leistungsdrucks bekannt, wie Geschäftsführer Hannes Hurter sagt. «Bei den Kindern ist Fussball Einstiegssport Nummer eins. Deshalb ist es unser Anspruch, dass wir jedem, der gerne Fussball spielen möchte, dies auch ermöglichen können.» Doch das sei in den letzten Jahren zunehmend schwierig geworden: «Die Nachfrage ist grösser als die Infrastruktur und die personellen Ressourcen der Vereine.» So stehen im Aargau aktuell 1000 Kinder auf den Wartelisten der Klubs. «Der Druck auf die Vereine ist gross. In Anbetracht dieser Umstände ist es verständlich, dass eher begabtere Kinder in die Klubs aufgenommen werden.»

Es sei aber nicht so, dass die Kinder bereits von klein weg auf Leistung getrimmt werden. «Bei den Jüngsten steht der Spass am Fussballsport im Vordergrund», sagt Hurter. Das sei auch der Grund, weshalb beispielsweise bei der AFV-Meisterschaft der E-Junioren (Jahrgänge 2008 und 2009) nur die Resultate, aber keine Ranglisten veröffentlicht werden. «In den nachfolgenden Kategorien spielt sich alles wie bei den Grossen ab. Ab einem gewissen Alter gehört es dazu, sich mit anderen zu messen.»

Eine Lösung für den stetig wachsenden Leistungsdruck zeichnet sich laut Hurter so schnell nicht ab. «Die Nachfrage nach Mitgliedschaften wird weiter zunehmen.» Der Verband appelliere zum einen an die Gemeinden, genügend Fussballplätze zur Verfügung zu stellen, zum anderen an die Klubs, genügend freiwillige Trainer zu rekrutieren.