Wer am Donnerstag zufällig den Postplatz in Ennetbaden passierte, wähnte sich für einen kurzen Moment auf dem Filmset für den nächsten SRF-Historienfilm oder an einem Freilichtspektakel. Oder was hatten die historisch gekleideten Gestalten und die Filmkameras zu bedeuten?

Im Rahmen der 200-Jahr-Feierlichkeiten – 1819 kam es zur unfreiwilligen Loslösung Ennetbadens von Baden – wurde die Sommer-Gmeind heuer als Landsgemeinde abgehalten. Schon eine knappe Stunde vor Beginn der Gmeind begann sich der Platz zu füllen. Als es dann kurz nach 19 Uhr losging, war der Platz mit knapp 400 Stimmberechtigen und nochmals rund 100 Gästen sehr gut besetzt. «Ich wusste gar nicht, dass es in Ennetbaden so viele Einwohner gibt», entfuhr es einem Gast scherzhaft.

Dass der Auflauf derart stolz ausfiel, war sicher auch dem trockenen (wenn auch kühlen) Wetter geschuldet. Zwar fielen vor dem Startschuss ein paar wenige Regentropfen, doch pünktlich zu Beginn der Landsgemeinde zeigte sich sogar die Sonne. Das Timing war perfekt: Denn dies erlaubte es den verkleideten Gemeinderäten und dem Gemeindeschreiber, die Bühne quasi im Scheinwerferlicht zu betreten. Einige von ihnen hatten sich in den letzten Wochen gar einen Bart à la Abraham Lincoln wachsen lassen, um dem Anlass noch eine zusätzliche historische Note zu verpassen.

Tieferer Steuerfuss kein Thema

Gemeindeammann Pius Graf (SP) begrüsste die Anwesenden, darunter auch Gemeindevertreter aus den umliegenden Gemeinden Baden, Wettingen, Ehrendingen und Freienwil. Graf erklärte gleich zu Beginn und nicht ohne Stolz, was es mit den Filmkameras von SRF auf sich hat. «Laut des Politgeografen Michael Hermann sind wir die liberalste Gemeinde in der Schweiz, weshalb das SRF einen Beitrag macht.»

Ennetbaden: «Einmalige Stimmung» an Landsgemeinde im Freien

«Einmalige Stimmung»: Gemeindeammann Pius Graf sinniert im Interview unter anderem darüber, die Landsgemeinde unter freiem Himmel zu wiederholen.

Schöne Aufnahmen hätte das SRF dieses Jahr in Ennetbaden schon viele machen können, haben doch im Rahmen des Jubiläumsjahres bereits einige denkwürdige Anlässe stattgefunden. Graf erwähnte dabei den Neujahrsapéro im «Schwanen», den Auftakt zur Theater-Trilogie «Ännet» oder die Eröffnung der Sonderausstellung «Der Rebberg von Baden» im Historischen Museum. «Ich freue mich heute besonders, so viele Stimmbürger und Gäste zur Landsgemeinde begrüssen zu dürfen.» Als Heimatort-Appenzeller sei er ja regelrecht dafür prädestiniert, die Landsgemeinde zu leiten.

Bevor es zu den aktuellen Geschäften ging, lieferte Graf ein paar spannende Zahlen aus dem Protokoll der Sommer-Gmeind von 1919. Damals waren von 387 Stimmberechtigen deren 255 anwesend. «Heute sind es immerhin knapp 400, was einer stolzen Beteiligung von fast 20 Prozent entspricht.» Er könne sich nicht erinnern, in diesem Jahrtausend schon einmal so viele Stimmbürger begrüsst zu haben. Und noch eine spannende Vergleichszahl lieferte Graf: Betrugen die Steuereinnahmen vor 100 Jahren rund 70 000 Franken, so waren es letztes Jahr 14,4 Millionen Franken. «Das macht 4300 Franken pro Kopf bei einem Kantonsmittel von 2600 Franken.» Die Vertreter der angrenzenden Gemeinden dürften diese Zahl nicht ganz ohne Neid aufgenommen haben. Doch jede Medaille hat auch ihre Kehrseite. Weil Ennetbaden finanziell so gut dasteht, musste die Gemeinde letztes Jahr auch 1,75 Millionen Franken in den kantonalen Finanzausgleich zahlen. «Ja, uns geht es gut. Aber wir Ennetbadener ruhen uns nicht einfach auf den Lorbeeren aus», so Graf. Insbesondere freue es ihn, dass trotz guter Finanzlage der Steuerfuss nicht unter Druck gerate, sprich keine Forderungen nach einer Senkung laut würden. «Der Steuerfuss von 97 Prozent ist auf die Zukunft ausgerichtet. Man investiert gerne in die Zukunft, und ermöglicht es, die Lebensqualität zu verbessern», sagte Graf.

Programm Dorffest aufgeschaltet

Dazu passt auch der Kredit in Höhe von 850 000, der für den Bau eines heissen Brunnens auf dem Limmatplatz gesprochen wurde. Graf zeigte sich hocherfreut: «Wir werden auf Jahrzehnte hinaus Freude an diesem Brunnen haben.» Ein Votant meinte stellvertretend für die Anwesenden: «Wenn ein Kind Geburtstag hat, kauft man ihm ja auch ein Glacé. Schenken wir uns doch selber ein Glacé. Eventuell wollen die umliegenden Gemeinden ja auch einen Batzen ans Geschenk beisteuern?» Ob diese Idee von den anwesenden Gästen aufgenommen wird, mag bezweifelt werden – wieso einem ohnehin verwöhnten fremden Kind noch ein Glacé spendieren? Ganz am Ende schlug eine Anwesende dann noch vor, man möge doch die Sommer-Gmeind immer im Freien durchführen. Graf: «Diese Idee nehmen wir gerne auf.»

Zur Musik der MG Untersiggenthal & Badenia Baden klang die Landsgemeinde aus. Ein überaus reichhaltiger Apéro – nicht zuletzt daran sieht man, wie gut es einer Gemeinde geht – sorgte dafür, dass noch bis spät in die Nacht diskutiert wurde. Dabei dürften sich viele Gespräche um das nächste Highlight im Jubiläumsjahr gedreht haben: das viertägige Dorffest vom 5. bis 8. September. Das Programm ist übrigens seit ein paar Tagen auf der Website www.ennetbaden200.ch aufgeschaltet. Ein Höhepunkt jagt den nächsten in Ennetbaden.