Mägenwil
Krimi in Kapelle: Wer hat Josefs Kopf entfernt?

Kaum eine Kapelle im Kanton ist derart reich an historischen Malereien wie jene im Dorf. Wie wertvoll die über 300 Jahre alte Kapelle ist, offenbarte sich aber erst vor kurzem. Bei der Freilegung kamen aber nicht nur uralte Malereien zu Tage.

Stefanie Garcia Lainez
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So sieht die Loreto-Kapelle in Mägenwil von aussen aus.
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So sah die Kapelle vor der Renovierung aus
Die Renovation kostet rund 319'000 Franken.
Während der Sanierung der Mägenwiler Loreto-Kapelle sind historische Malereien zum Vorschein gekommen
Diese Medaillons kamen bei der Renovierung zum Vorschein
Die Medaillons sind Allegorien der lauretanischen Litanei, eine Gebetsform, die sich an Maria richtet
Von den aufgemalten Säulen, den sogenannten Pilastern, gibt es eine farbige und eine schlicht in weiss gehaltene Fassung
Dieser Kopf von Josef ist spurlos verschwunden.
So sieht das Josef-Bildnis heute aus.

So sieht die Loreto-Kapelle in Mägenwil von aussen aus.

Stefanie Garcia Lainez

Die 1699 erbaute Loreto-Kapelle in Mägenwil wird seit September restauriert. Dabei kam heraus: Unter der weissen Farbe im Innern befinden sich mehrere historische Farbfassungen, die alle noch gut erhalten sind.

Die Kapelle ist mit den neu entdeckten, reichhaltigen Malereien einzigartig im ganzen Kanton. Bei der Freilegung der verschiedenen Schichten machte die Restauratorin zudem eine mysteriöse Entdeckung: Der Kopf des Josefbildnisses wurde mitsamt Verputz aus der Wand herausgeschlagen.

Von Nazareth nach Loreto: Die Sage zur Kapelle

Engel sollen Marias Geburtshaus im Jahr 1294 aus Nazareth nach Dalmatien in Kroatien und dann ins italienische Loreto versetzt haben. So heisst es der Sage nach.

In Loreto wird das Haus in einer eigenen Basilika verehrt. Diese «Casa Santa» wurde zum Wallfahrtsort und erreichte im 16. und 17. Jahrhundert den gleichen Rang wie Jerusalem, Santiago oder Rom.

Archäologische Untersuchungen um 1964 zeigten, dass der Bau kein Fundament besitzt. Es wird deshalb angenommen, dass eine noble Familie die Steine nach Loreto brachte und aufbaute.

Die Mägenwiler bauten ihre Loretokapelle als starkes katholisches Zeichen gegen die reformierten, bernischen Nachbarn. (az)

Bis heute ist er spurlos verschwunden. «Das ist wie ein kleiner Krimi», sagt Heiko Dobler von der Kantonalen Denkmalpflege.

Doch der Reihe nach: 2012 stellte der Katholische Kapellenverein Mägenwil fest, dass der Innenraum saniert werden muss. Russ, Staub, Risse und Hohlstellen machten dies nötig.

Zudem wurden die Wände im 20. Jahrhundert wiederholt mit moderner, weisser Dispersionsfarbe überstrichen, was dem historischen Untergrund schadet: Die Feuchtigkeit in der Mauer kann nicht mehr entweichen und der historische Verputz sowie die Farbe blättern ab.

Diese Schichten müssen deshalb mit Lauge und Skalpell abgetragen werden. Anhand alter Fotografien, die während der letzten grösseren Renovierung in den 1970er-Jahren gemacht worden sind, vermutete man, dass neben dem sichtbaren Mariabildnis unter der weissen Schicht noch Reste anderer historischer Malereien vorhanden sein mussten.

«Doch was dann zum Vorschein kam, überraschte uns alle», sagt Dobler.

Uralte Malereien entdeckt

Bei einer ersten Probefreilegung stiess man auf Medaillons im Gewölbe, von denen Fotos existierten. Diese Allegorien aus der Lauretanischen Litanei – einer Gebetsform, die sich an Maria richtet – sind in einem viel besseren Zustand als vermutet.

Bei weiteren Freilegungen entdeckte die Restauratorin Ina Link aufgemalte Säulen. Diese sogenannten Pilaster sind nicht nur gut erhalten, sondern gibt es gleich in zwei Fassungen: in einer älteren, reich geschmückten und farbigen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts und in einer schlichteren Version aus dem frühen 20. Jahrhunderts.

Sogar die erste Fassung von 1699 kam mit aufgemalten, rötlichen, backsteinartigen und für Loreto-Kapellen typischen Quadermalereien stellenweise zum Vorschein.

Am meisten überraschte aber, dass der Josef-Kopf nicht mehr vorhanden ist. Er verschwand wohl während der Renovation in den 70er-Jahren. In den Unterlagen des Kantons steht hinter den Kosten für den damaligen Restaurator: «Wird nicht subventioniert.»

Renovation muss durch Spenden gedeckt werden

Dass ausgerechnet die Arbeiten des Restaurators nicht subventioniert wurden, mute eigenartig an und deute darauf hin, dass etwas gewaltig schiefgelaufen sei, sagt Dobler. «Ob der Kopf absichtlich entfernt wurde, ist bis heute unklar.»

Bei all den gut erhaltenen Fassungen stellt sich nun die Frage, wie die Kapelle nach der Renovation aussehen soll. Denkmalpflege, Kapellenverein und Architekt sind sich einig: Die Medaillons und die farbigen Pilaster werden ganz freigelegt.

An einigen Stellen wird vermutlich auch die ursprüngliche Quadermalerei belassen, als Fenster in die Vergangenheit. Wie viele von den Leerstellen rekonstruiert werden sollen, darüber diskutieren die Parteien noch eingehend. «Wir möchten gerne etwas mehr retuschieren als die Denkmalpflege», sagt Architekt Castor Huser.

Die Renovation kostet rund 319 000 Franken. 135 000 Franken übernehmen Kanton, Bund und Kapellenverein. Die restlichen 184 000 Franken sollen durch Spenden gedeckt werden.