«Liebe Emma, hast du den Artikel «keine Tragödie» in der AZ vom 10. 11. 18 auch gelesen?» – «Karl, du weisst doch, dass ich nur Artikel lese, bei denen es sich eben um Tragödien handelt.»

«Es handelt sich aber wahrlich um eine echte Tragödie, meine Liebe! Die da in den Bädern unten wollten frisch und fröhlich ein Heilbad auf Altlasten im Boden aufbauen, ein Fundament also auf Materialien, die in eine Spezialdeponie gehören. Und das sollte ein Heilbad werden! Emma, das macht mich krank!»

«Fürchterlich, Karl! Haben die denn eventuell auch Asbest und so gefunden? Hat man da nicht vorher Probebohrungen gemacht, um das Terrain zu untersuchen? So was, ein Heilbad auf einer Deponie!»

«Das werden die aufwendigen, exakten Zusatzanalysen des Aushubs dann ergeben. Die Eröffnung das Prachtsbades ist jedenfalls um mindestens ein Jahr verschoben worden.»

«Und wer behauptet denn, dass das keine Tragödie ist?»

«Unser Stadtammann, Emma. Und finanziell könne die Stadt die Verzögerung gut verkraften.»

«Mit was denn verkraften?» «Eben. Echte Fake News. Das Geld fehlt doch an allen Ecken und Enden. Kommt dazu: Pro Tag fliessen rund 900 000 Liter hochwirksames Heilwasser aus 18 Quellen bachab, einfach so, ohne zu heilen!»

«Also noch kein Bad in Sicht, Karl. Und diese Stadt nennt sich seit langer Zeit Kultur-und Bäderstadt. Da haben doch vor 2000 Jahren die Römer schon lustvoll gebadet, und später kamen die Gäste aus der ganzen Welt hierher, um sich vergnüglich im Heilwasser zu tummeln!»

«Du kannst dir vorstellen, Emma, was passiert, wenn im Aushub dieses geschichtsträchtigen Bodens zum Beispiel ein Ring eines römischen Soldaten oder das Geschmeide seiner ihn begleitenden Marketenderin gefunden wird. Die Vollendung des Traumbades wird weitere fünf Jahre warten müssen!»

«So, genug jetzt, Karl. Die Baufirma hat immerhin versprochen, auch im Winter den Bau voranzutreiben.»

«Da haben die da unten in der Baugrube aber Glück, dass es sich um ein Thermalbad handelt. Bei 47 Grad hat noch niemand kalt gekriegt – man kann sich lediglich die Finger verbrennen.»

Walter Hess führte 41 Jahre lang eine Praxis als Hausarzt und betätigte sich auch als Buchautor.