Nach Thierry Burkart (FDP) und Marianne Binder (CVP), deren Kandidaturen zu erwarten waren, will mit Ruth Müri (Grüne) eine weitere Politikerin aus Baden Ständerätin werden. Dass die 47-jährige Stadträtin ins Rennen steigt, haben in ihrer Heimat nicht viele erwartet.

Adrian Humbel, FDP-Fraktionspräsident, war «schon etwas überrascht, denn sie ist über die Stadtgrenzen hinaus eher wenig bekannt». Er zweifle daran, dass sie die nötige Unterstützung für dieses Amt erhalten werde, sagt Humbel. «Wenn jemand im Hintergrund arbeitet und nicht laut ist, ist das nicht zu kritisieren, und ich schätze ihre ruhige und überlegte Art.»

«Ich meine es ernst»

«Ich meine es ernst»

Die Grüne Badener Stadträtin Ruth Müri nach Bekanntgabe ihrer Ständeratskandidatur.

Aber im Hinblick auf ein Ständeratsmandat habe er Ruth Müri in den fünf Jahren, in denen sie im Stadtrat sei, etwas wenig wahrgenommen und gespürt. Das liege aber auch am Ressort Bildung, das nicht viel Handlungsspielraum biete, weil die Leitplanken vom Kanton vorgegeben seien.

Zweifel an Kompromissfähigkeit

Ähnlich tönt es bei der SVP. Fraktionspräsident Daniel Glanzmann: «Die linken Parteien werden ihr zugutehalten, sie sei eine stille Schafferin. Abgesehen davon, dass sie für Bürgerliche kaum wählbar ist, kann ich mir aber nicht vorstellen, dass sie selber daran glaubt, eine Wahlchance zu haben.» Sie wolle eine mögliche Kandidatur wohl dafür nützen, ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. «Als Ständerätin wären von ihr vor allem Kompromissbereitschaft gefragt und die Fähigkeit, das grosse Ganze im Blickfeld zu haben, was ich bisher beides nicht unbedingt beobachten konnte», sagt Glanzmann.

Ganz anders tönt es beim linksliberalen Team Baden, für das Müri in Baden politisiert. Die Stadt habe ihr viel zu verdanken, sagt Fraktionspräsidentin Nadia Omar. «Dass wir in Baden in Sachen Schule und Kinderbetreuung derart gut aufgestellt sind, ist nicht zuletzt Ruth Müris Verdienst.» Sie sei immer an pragmatischen Entscheiden interessiert und lasse etwa der Schulleitung grösstmögliche Freiheit. «Zudem hat Müri beim neuen Sekundarstufenzentrum Burghalde eine wichtige Rolle gespielt, indem sie es geschafft hat, alle Beteiligten vom Konzept der Zusammenlegung der Sekundarstufen-Schulen zu überzeugen.» Ruth Müri beweise in der täglichen Politik immer sehr viel Fingerspitzengefühl, weshalb es ihr immer wieder gelinge, Lösungen über die Parteigrenzen hinaus zu finden.

Kandidatur macht «absolut Sinn»

Obwohl die SP Aargau bereits Cédric Wermuth nominiert hat, macht die Ständeratskandidatur Müris aus Sicht der Badener SP-Parteipräsidentin Selena Rhinisperger «absolut Sinn». Sie sagt: «Ihre Kandidatur ergänzt diejenige von Cédric Wermuth ideal.» Durch die beiden Kandidaturen würden viele linke Wähler mobilisiert. Rhinisperger spricht Ruth Müri das Format als Ständerätin zu. «Sie liefert – vor allem im Bildungsbereich – sehr solide Arbeit ab.» Von den Grünen, deren politisches Profil in Baden fast deckungsgleich mit demjenigen des Teams ist, wird Ruth Müri aus anderen Gründen gelobt. Fraktionspräsident Stefan Häusermann: «Gerade in der letzten, schwierigen Legislatur nahm sie eine wichtige Rolle im Stadtrat ein und verhielt sich dem Kollegium gegenüber immer loyal.» Er bezeichnet die Stadträtin, die auch für die Abteilung Sport zuständig ist, als innovativ. «Ich denke etwa an die Herausforderung wegen offener Sporthallen am Wochenende, was sie pragmatisch zu lösen versucht.»

Kritisch geht hingegen Hansruedi Hagen mit Müri ins Gericht, Präsident des Stadtturnvereins Baden mit seinen 1300 Mitgliedern. «Ich erlebe sie als Stadträtin, die sich zwar mit grossem Engagement für die Schule einsetzt. Doch was den Sport betrifft, hat sie meines Erachtens noch nicht sehr viel auf die Beine gestellt.»

Kurt Hochstrasser, Präsident der vor rund einem Jahr gegründeten «IG Sportvereine Baden», bläst ins gleiche Horn: «Ruth Müri arbeitet als Sportvorsteherin zwar gut mit uns zusammen und bietet immer Hand für Lösungen.» Doch leider merke man schon sehr deutlich, wo ihr politisches Herz schlage respektive wo eben nicht. Weil vonseiten Stadtrat zu wenig gegangen sei in Sachen Sport, habe man vor einem Jahr die IG gegründet. «Ich wünschte mir von einer Stadträtin schon deutlich mehr Eigeninitiative und eigene Impulse», so Hochstrasser.

Müri: «Bin eine Sachpolitikerin»

Mit der Kritik konfrontiert, sagt Ruth Müri: «Mein Herz schlägt durchaus auch für den Sport. In meine Amtszeit fällt die Erstellung des Sportleitbildes.» Der finanzielle Spielraum in Baden sei aber eng, und nicht alle Wünsche könnten erfüllt werden – weder in Sport noch Kultur. Weiter sagt die Ständeratskandidatin: «Ich bin eine Sachpolitikerin und betreibe nicht so viel Selbstmarketing wie andere.»

Angesprochen auf ihren Leistungsausweis, nennt sie die Neupositionierung des Bildungsnetzwerks, welche die verstärkte Kooperation der Schulen untereinander, aber auch den Austausch von Schulen mit der Wirtschaft fördere. In diesen Kreisen sei sie sehr präsent, sagt Müri. Dass sie im Einwohnerrat vielleicht weniger wahrgenommen werde als andere Stadträtinnen und Stadträte, habe auch mit dem Ressort Bildung zu tun, zu dem es weniger Anträge und Vorstösse gebe.

Sehen Sie auch hier den Beitrag von Tele M1:

Ruth Müri will in den Ständerat

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Die Grüne Badener Stadträtin kandidiert nun auch. Damit wird die Kandidatenliste für das Stöckli immer länger.