Baden

«Kampf um die Alten entbrannt»: In Region Baden fehlen Alterswohnungen

Katharina Fechner (83) liess sich vor 10 Jahren auf die Warteliste für die Kehl-Alterswohnungen eintragen – sie wartet noch immer auf einen Entscheid.

Katharina Fechner (83) liess sich vor 10 Jahren auf die Warteliste für die Kehl-Alterswohnungen eintragen – sie wartet noch immer auf einen Entscheid.

Die Nachfragte nach selbstbestimmtem Wohnen im Alter ist gross: Nicht weniger als 361 Personen bewerben sich für die 22 Alterswohnungen im Kehl. Es stellt sich die Frage: Hat Baden den neuen Wohnen-im-Alter-Trend verpasst?

Katharina Fechner (83) stellt ihre Krücken an die Bauabschrankung und schaut hinunter ins Bauloch, das neben dem Alterszentrum (AZ) Kehl klafft. 52 Alterswohnungen entstehen hier. 30 Wohnungen werden an die ehemaligen Bewohner der abgerissenen Alterswohnungen vergeben, 22 Wohnungen werden an Externe vermietet.

Für die 22 Wohnungen haben sich bisher 361 Interessenten gemeldet – unter ihnen Katharina Fechner. «Ich wünsche mir ein eigenes Zuhause mit viel Freiraum, das ich nach meinem Gusto einrichten kann und in dem ich jederzeit Zugriff habe auf medizinischen und kulinarischen Service», fasst die einstige Hotelbesitzerin ihren Wunsch nach einer Alterswohnung zusammen.

Mit diesem Wunsch ist sie nicht alleine. Immer mehr Menschen möchten im Alter selbstbestimmt wohnen, ohne aber auf Hilfeleistungen im trauten Heim zu verzichten. Das Problem: Der grossen Nachfrage nach Alterswohnungen steht im Raum Baden ein sehr begrenztes Angebot gegenüber, wie alleine der Blick auf die Kehl-Warteliste zeigt. Hat man in der Region das neue Wohnbedürfnis älterer Menschen zu spät erkannt?

Ruth Blum, Präsidentin des Seniorenrats der Region Baden (SRRB), kennt die Wohnungssorgen älterer Menschen. «Es fehlt an Alterswohnungen in der Region, auch wenn viele Gemeinden aufgrund des Drucks von Interessengemeinschaften aktiv geworden sind», bestätigt sie. In Baden fehle es vor allem an Alterswohnungen im Stadtzentrum. «Im Idealfall sind Alterswohnungen zudem an Pflegeheime angebunden. So können Dienstleistungen wie Mahlzeitenservice oder die Unterstützung der Spitex ohne Umstände bezogen werden», erklärt Blum.

«Mogelpackung» Alterswohnung

Drei Alterswohnungs-Projekte gibts derzeit in Baden. Projekt 1: Beim Kehl werden bis 2016 insgesamt 52 Alterswohnungen gebaut. Später könnten hier zudem zwei weitere Neubauten mit rund 50 Alterswohnungen realisiert werden. Projekt II: Der SRRB setzt sich für ein Projekt auf dem Areal des Regionalen Pflegezentrums Baden (RPB) ein. Der Stadtrat liess eine Studie erstellen, laut der auf dem Areal 33 bis 49 Alterswohnungen gebaut werden könnten.

Konkretere Aussagen über ein mögliches Projekt könne man voraussichtlich anfangs 2015 machen, erklärt Stadträtin Regula Dell’Anno. Projekt III: Das Architekturbüro Zulauf & Schmidlin möchte im geplanten Hochhaus auf dem Merker-Areal Alters-Wohngemeinschaften realisieren, bei denen jeweils sechs Zweieinhalb-Zimmer-Wohnungen um einen Gemeinschaftsraum gegliedert wären. Wegen Einsprachen gegen die Teilrevision der Bau- und Nutzungsordnung der Stadt ist die Planung für den Merker-Turm aber unterbrochen. Reichen diese Projekte, um den Bedarf an Alterswohnungen zu decken?

Eduardo Forgas, Geschäftsführer des AZ Kehl, begrüsst den Bau neuer Alterswohnungen, warnt aber vor Etikettenschwindel. Wer altersgerechte Wohnungen anbieten wolle, brauche bloss hindernisfrei zu bauen, einen Lift zu installieren und einen Vertrag mit der Spitex abzuschliessen. «Viele dieser ‹Alterswohnungen› sind Mogelpackungen», sagt Forgas. «Wer im Notfall schnelle Pflege in Anspruch nehmen will, dem nützen diese Angebote wenig.» Auch Forgas betont, dass Alterswohnungen im Idealfall an ein Pflegeheim angeschlossen sind, damit Bewohner rund um die Uhr medizinische und administrative Dienstleistungen beziehen können.

Die Alterswohnungen, die beim Kehl gebaut werden, entsprechen diesen Ansprüchen. Unter den Mietinteressenten sind viele Personen, die nicht auf medizinische oder sonstige Hilfe angewiesen sind. «Viele Menschen wollen heute vorsorglich in Alterswohnungen ziehen, um für alle Fälle abgesichert zu sein», sagt Forgas. Das Phänomen beobachtet auch Dieter Zulauf von Zulauf & Schmidlin. «Die geplanten Wohnstudios für ältere Menschen auf dem Merker-Areal sind begehrt. Immer mehr Menschen scheinen sich für gemeinschaftliches Wohnen im Alter zu interessieren.»

Badener Pflegebetten bald leer?

Im gleichen Masse, wie die Nachfrage nach Alterswohnungen steigt, sinkt der Bedarf an stationärer Alterspflege. «Der Kampf um die Alten ist entbrannt. Wir wurden dieses Jahr zum ersten Mal von ausserkantonalen Stellen kontaktiert, die für ihre Pflegebetten werben», erzählt Forgas. Im Kehl sind momentan zwar nur vier von 65 Pflegebetten nicht belegt. Dadurch gehen dem Alterszentrum jährlich aber rund 480 000 Franken verloren. Die Situation könnte sich in Zukunft dramatisch zuspitzen.

«Wir rechnen damit, dass in fünf Jahren nur noch die Hälfte unserer Pflegebetten belegt sein wird», sagt Forgas. Man überlege sich daher, stationäre Pflegezimmer in Alters-Studios umzubauen. Im RPB ist die Situation weniger dramatisch. Ende Mai waren 196 der 198 Pflegebetten belegt. Andrea Vogel-Wendel vom RPB bestätigt aber, dass die Bettenbelegung bei leicht- bis mittelpflegebedürftigen Personen tendenziell ab-, der Bedarf an Pflegeplätzen für Schwerpflegebedürftige aber zunimmt.

Die Situation in Baden zeigt die neuen Wohnbedürfnisse älterer Menschen exemplarisch auf. Stationäre Plätze in Pflegeheimen sind immer weniger, autonome Alterswohnungen mit optionalen Pflegedienstleistungen immer mehr gefragt. Viele Menschen wollen bis ins hohe Alter selbstständig und unabhängig Leben. Gleichzeitig steigt die Anzahl sehr alter, hochbetagter Personen, die intensive Pflege in Spezialeinrichtungen benötigen.

Bei der Stadt Baden sei man sich der Dringlichkeit der Lage bewusst, sagt Stadträtin Regula Dell’Anno. Das Planungsleitbild 2026 sieht die Förderung des Baus von Alterswohnungen vor. «Wir berücksichtigen das Bedürfnis nach entsprechendem Wohnraum insbesondere auch in den Gesprächen mit privaten Investoren», betont Dell’Anno. Den Wunsch vieler älterer Menschen, zentral wohnen zu können, nehme man ernst. «Zentrumsnähe kann allerdings in jedem Quartier der Stadt gewährleistet werden.» Wichtig sei die Nähe zu medizinischer Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten und die ÖV-Anbindung.

Katharina Fechner hofft derweil darauf, dass die Stadt den eingeschlagenen Weg konsequent weitergeht. «Viele ältere Menschen haben heute ganz andere Vorstellungen vom Wohnen im Alter als die Generation vor uns. Wir gehen nicht einfach ins Altersheim, um zu sterben. Wir wollen selbstbestimmt leben und Freiräume geniessen», sagt sie. Ob sie sich ihren Wohntraum bald erfüllen kann, bleibt offen.

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