«Ich möchte für meinen Lebensunterhalt arbeiten und nicht dem Staat auf der Tasche liegen», meint die eingebürgerte Deutsche. Obwohl Sybille Heinecke einen breiten Horizont und viel Erfahrung hat, erhielt sie auf die 180 Bewerbungen, die sie bisher schrieb, immer nur Absagen. «Selbst als Garderobiere bei einem Theaterbetrieb wurde ich abgelehnt», bedauert sie.

Beim Treffen in ihrer kleinen Villa Kunterbunt – wie Heinecke ihre Mietwohnung in Wettingen nennt – trifft man auf eine fröhliche Frau mit schalkhaftem Blick. Trotz der momentanen Misere hat sie ihren Humor nicht verloren.

Rüde Leopold, eine Mischung aus holländischem Schäfer und Berner Sennenhund, ist ihr Ein und Alles. In ihrem winzigen Garten zieht sie Salatkräuter und Tomaten hoch. «Ich koche gerne und bin eine Geniesserin», gesteht sie.

Ihr Budget ist winzig und sie holt das Optimum aus den wenigen Franken heraus, die ihr als Erwerbslose täglich zur Verfügung stehen.

Aber Heinecke ist nicht nur eine gute Köchin. Sie spricht auch perfekt Englisch, beherrscht Office, Lotus und diverse IBM-Programme. «In meinen bisherigen Positionen gab ich immer alles und stellte mich sämtlichen neuen Herausforderungen», erzählt sie.

Ihr unkonventioneller Lebenslauf – Matura und Grundstudium in Betriebswirtschaft/Anglistik sowie langjährige Tätigkeit in den Spielcasinos nahe Hannover und Baden als Eventbegleiterin, Rezeptionistin und Aufsicht an den Spieltischen – scheint ihr hingegen im Wege zu stehen.

Die alleinstehende Frau sieht ihren CV jedoch als Vorteil: «Ich bin eine Allrounderin und vielseitig einsetzbar», bekundet sie und fügt hinzu, «ich werde nicht mehr schwanger, bin zuverlässig, erfahren, loyal und selbstsicher. Es kann doch nicht sein, dass meine Qualitäten nirgends mehr gefragt sind.»

Eine KV-Lehre mit 58 Jahren

Sybille Heinecke wehrt sich dagegen, dass immer mehr Menschen ihres Jahrgangs gewinnoptimierenden Strukturen zum Opfer fallen. «Man spricht ständig über eine Erhöhung des Pensionsalters und gleichzeitig finden Jobsuchende über 50 keine Stelle mehr.

Das ist eine ‹mission impossible›», findet die erfahrene Berufsfrau und lässt den Grund, dass ältere Arbeitnehmer zu teuer sind, nicht gelten. «Man kann doch immer über Lohnvorstellungen diskutieren», sagt sie.

Weil ihr eine abgeschlossene Erstausbildung fehlt, wäre sie mit ihren 58 Jahren auch bereit, berufsbegleitend eine KV-Lehre zu machen. Bei einer Festanstellung würde das Regionale Arbeitsvermittlungszentrum RAV sogar ein halbes Jahr 60 Prozent des Monatslohns als Einarbeitungszuschuss zahlen (im zweiten Halbjahr noch 40 Prozent).

Obwohl geburtenstarke Jahrgänge wie der ihre einst ganze Heerscharen von Pensionsbezüger ausmachen werden, denkt man auf dem Arbeitsmarkt bis jetzt nur kurzfristig.

Heineckes Position wurde durch eineinhalb Stellen ersetzt, die von wesentlich jüngeren Frauen eingenommen wurden. «Viele Menschen in meinem Alter werden einfach wegrationalisiert», bedauert Heinecke, «dabei warten sie wie ich darauf, ihre Berufserfahrungen einzubringen und einen hervorragenden Job zu machen.»