Baden

Inhaber der Mobiliar Baden: «Wenn man mich kleinkariert oder bünzlig nennt, fasse ich dies als Lob auf»

Marc Périllard: «Für mich war schon in der Schule klar, dass ich das KV mache».

Marc Périllard: «Für mich war schon in der Schule klar, dass ich das KV mache».

Im Porträt: 44 Jahre stand Marc Périllard im Dienst der Mobiliar Versicherung, die letzten 30 als Inhaber der Agentur in Baden. Weshalb er sein ganzes (Berufs-)leben hier verbracht hat, was er zum Ruf der Versicherungsbranche sagt und weshalb er keine Angst vor der grossen Leere hat.

Nach sage und schreibe 30 Jahren gibt der Firmeninhaber seine Funktion und somit auch sein Einzelbüro ab, um sich fortan wieder ein Büro mit Kollegen zu teilen. Kollegen wohlbemerkt, deren Vorgesetzter er während Jahren gewesen war. Der Plot würde sich perfekt für eine Reality-Bürodoku ganz nach dem Vorbild der deutschen Kultserie «Stromberg» eignen: Genau dies hat Marc Périllard getan. Anfang Jahr hat der 63-Jährige die Leitung der Badener Mobiliar-Generalagentur Dominik
Siniger (36) übergeben. Périllard übernahm die Agentur vor genau 30 Jahren, nachdem er beim Versicherer zuvor schon 14 Jahre inklusive Lehrausbildung gearbeitet hatte. «Für mich war schon in der Schule klar, dass ich das KV mache», erinnert sich Périllard.

Erstens habe er schon früh sein Flair für das Verhandeln und Feilschen entdeckt. «Und zweitens hatte ich nach der Grundschule schlicht keine Lust mehr auf Schule», sagt er lachend. Nach der Ausbildung habe ihn sein Lehrmeister gefragt, wie Périllards Zukunftspläne aussehen würden. Er habe diesem geantwortet: «Eines Tages sitze ich auf Ihrem Stuhl». Die Antwort des Lehrmeisters: «Dann muss aber noch etwas mehr kommen.» Périllard, hatte laut eigener Aussage in der Berufsschule eher mittelmässige Noten vorzuweisen. «Mir ging es nicht in erster Linie um Karriere oder um das Chef-Sein. Nein, mir gefiel es schon früh, Verantwortung zu übernehmen und Menschen zu führen.» Das habe nicht zuletzt auch mit seinen Erfahrungen in der Pfadi Wettingen zu tun.

«Die Pfadi hat mir sehr viel gegeben. Das Kameradschaftsgefühl, die Verbundenheit zur Natur und eben auch die Möglichkeit, früh Verantwortung zu übernehmen und zusammen mit anderen etwas auf die Beine zu stellen.» Und nicht zuletzt sei die Pfadi eine Lebensschule, «weil man lernt, auch mal unten durch zu müssen und auf die Zähne zu beissen – wenn ich dabei nur daran denke, wie wir zum Beispiel auch bei strömendem Regen die stinkende Latrine putzen mussten», sagt Périllard mit einem breiten
Lachen.

Prämienvolumen stieg von 13,5 auf 45 Millionen Franken

Dieses charakteristische Lachen ertönt im Laufe des Gesprächs immer wieder und zeigt das Wesen von Périllard – Humor und Schalk sind und waren stets sein Markenzeichen. Mit diesen Eigenschaften führte er seit 1990 auch sein Team, das von damals 25 auf heute knapp 40 Mitarbeitende angewachsen ist. «Ich entschied mich 1990, die Agentur zu übernehmen, weil ich mich immer als KMUler sah.» Auf die Frage, ob er es nie bereut habe, sein ganzes Berufsleben bei der gleichen Firma und fast immer in Baden verbracht zu haben, antworte er bestimmt: «Nein, nicht ein einziges Mal, und ich würde es wieder genau gleich machen.»

Wenn es Leute gebe, die ihn deswegen klein kariert oder bünzlig fänden, dann fasse er das eher als Lob auf. «Man kann weltoffen sein, wenn man mit einer Region verbunden ist.» Einen erfolgreichen Bäcker würde man ja auch nicht fragen, weshalb er sein ganzes Berufsleben in seine Firma investiert habe. Und die Bilanz von Marc Périllard kann durchaus als erfolgreich bezeichnet werden. Das Anfang 13,5 Millionen Franken hohe Prämienvolumen konnte er in den letzten drei Jahrzehnten mit 45 Millionen Franken mehr als verdreifachen.

Marc Périllard 2006 bei der Präsentation der Künstleretikette von Andy Wildi in Ennetbaden.

Marc Périllard 2006 bei der Präsentation der Künstleretikette von Andy Wildi in Ennetbaden.

«Versicherer generieren viel Wert für die Volkswirtschaft»

Apropos Zahlen: Was sagt Périllard zur These, wonach ein Versicherer jedes noch so unnötige Produkt an den Mann, respektive die Frau zu bringen versuche? «Die Zeiten der Umsatzbolzerei sind vorbei, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass heute nur noch top ausgebildete Personen bei der «Mobiliar» arbeiten.» Auch seien die Beratungen heute viel individueller als früher. «Heute kommt es nicht selten vor, dass wir einem Kunden von einer Versicherung abraten oder ihn von einer Reduktion der Deckung überzeugen.» Nicht zuletzt deshalb glaubt Périllard, dass das Ansehen der Versicherungsbranche in den letzten Jahren gestiegen sei. «Wir sind nicht mehr einfach die Haustüre-Klinkenputzer.»

Natürlich sei es das Ziel eines Versicherers, seine Kunden optimal zu versichern. «Das ist gerade auch das, was mich am Beruf immer so gereizt hat: Den Menschen wenigstens finanziell zu helfen und eine Zukunft zu ermöglichen, wenn das Schlimmste eintrifft.» Und nicht zuletzt dürfe man die Wertschöpfung nicht ausser Acht lassen, welche die Versicherer für die Volkswirtschaft generieren. «Dank einer Versicherung kann zum Beispiel ein Betrieb der niedergebrannt ist, schnell wieder aufgebaut werden.»
Zweite These: Heute besteht in der Gesellschaft ein Hang zur Überversicherung. «Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen», so Périllard. «Je besser es einer Gesellschaft geht, desto mehr sind Versicherungen gefragt. Es geht um die Wahrung des Wohlstandes.»

Eine Badenfahrt und das Stadtfest präsidiert: «Schlicht einzigartig»

Wer nun denkt, Périllard sei ein stiller Bürogummi gewesen, der liegt falsch, respektive kennt Périllard nicht. Das Gegenteil war der Fall. Allen voran sein Engagement als Präsident der Badenfahrt 2007 und des Stadtfests 2012 sind vielen Badenerinnen und Badenern in bester Erinnerung. «Ich war politisch nie aktiv. So konnte ich auf meine Weise der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Die Badenfahrt sei schweizweit einzigartig. «Was Vereine und Ehrenamtliche während zehn Tagen auf die Beine stellen, sucht seinesgleichen. Es ist immer wieder wahnsinnig eindrücklich, welches Zusammengehörigkeitsgefühl die Badenfahrt erzeugen kann.»

2007 war Marc Périllard OK-Präsident der Badenfahrt unter dem Motto «Welt statt Baden».

2007 war Marc Périllard OK-Präsident der Badenfahrt unter dem Motto «Welt statt Baden».

Ein Fest war es auch, das zur Gründung der Harlequin-Clique führte. 1975 feierte Baden das Tunnelfest «Musiläum». Jede Gruppe im Umzug wurde von einem Harlequin mit Nummernschild angeführt. «Wir waren alle geschminkt und kannten uns nicht. Ich habe damals angeregt, dass wir uns nach dem Fest alle einmal treffen sollten. So ist die Clique entstanden.» Jahrelang waren die Harlequins quasi Stadtammann-Weibel und begleiteten diesen bei offiziellen Anlässen. «Mangels Nachwuchs haben wir uns dann Mitte der 90er-Jahre aufgelöst.»

Alle weiteren Ämter von Périllard aufzuzählen, der Vater von zwei erwachsenen Töchtern ist und mit seiner zweiten Frau auf der Baldegg lebt, würde hier den Rahmen sprengen. Darum nur die wichtigsten: Er ist Verwaltungsrat der Stadtcasino Baden AG, war viele Jahre Mitglied der Reben- und Trottenkommission, war jahrelang Mitglied des Gewerbevereins Citycom und hat in dieser Funktion auch einige Gewerbeausstellungen organisiert oder ist im Vorstand des Verein Ukurba – Unternehmenskultur Baden.

Notfalls lässt er seinen Nachfolger auch mal drein laufen

Einige dieser Ämter wird er behalten. Doch beruflich ist Périllard nun Anfang Jahr in Frühpension gegangen. «Mir war immer klar, dass ich nicht bis 80 arbeite, sondern etwas früher in Rente gehen will, wenn es möglich ist. 30 Jahre operative Führung gekoppelt auch mit finanziellem Druck sind nicht ohne.» Er sei froh, mit Dominik Siniger einen idealen, ebenfalls in der Region verwurzelten Nachfolger gefunden zu haben. Ganz hört Périllard aber nicht auf, sondern wird in einem Pensum von rund 30 bis 50 Prozent seine Kunden weiter betreuen.

Dass er seinen Nachfolger dabei dreinreden werde, befürchtet Périllard nicht. «Natürlich unterstütze ich Dominik, falls er dies wünscht. Doch er muss selbst seine Erfahrungen machen. Notfalls lasse ich ihn auch bewusst drein laufen», so Périllard wieder mit seinem typischen Lachen. Dass er jetzt das Büro mit ehemaligen Untergebenen teile, sei am anfangs tatsächlich gewöhnungsbedürftig gewesen. «Nicht nur für mich, sondern vor allem auch für meine Bürokollegen. Doch ich war nie der hierarchische Chef, weshalb ich mich jetzt auch gut eingliedern kann.»

Das Teilzeitpensum führe natürlich auch dazu, dass er den Rückzug aus dem Berufsleben in Raten vollziehen kann. «Deshalb habe ich auch keine Angst vor der plötzlichen grossen Leere, auch wenn meine Agenda jetzt schon zu 70 Prozent leer ist.» Mit was will er diese Lücke füllen? «Es tönt
vielleicht blöd: Aber ich habe so viele Jahre so viel gegeben – im Beruf wie auch in anderen Ämtern –, dass vieles andere zu kurz kam. Ich freue mich deshalb darauf, wieder mehr zu geniessen und zu konsumieren, vor allem was das Kulturelle und das Reisen betrifft.» Auch wolle er wieder mehr lesen und jassen sowie italienisch lernen «und natürlich mein Golf-Handicap verbessern», sagt Périllard mit einem Augenzwinkern. Da ist er wieder, Marc Périllards Schalk.

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