Wenn die Kirche bis zum letzten Platz gefüllt ist und draussen über weite Teile des Dorfes Autos parkiert stehen, dann kann man davon ausgehen, dass gerade ein bedeutsames Ereignis im Gange ist. Nach der Uraufführung in der berühmten Carnegie Hall in New York vor zwei Jahren wurde das musikalische Werk «Cantata Memoria» zum ersten Mal in der Schweiz aufgeführt – und zwar im kleinen Kirchdorf.

Margret Sohn leitete dabei nebst ihrem Jugendchor auch den Erwachsenenchor und ein Ensemble von rund 20 Berufsmusikern. Die Qualität der Darbietungen war entsprechend hoch: Hinreissend zeigten die Profis, etwa die Solisten, die Harfenspielerin, die Streicher und vor allem die Bläser, ihr musikalisches Können. Das Konzert kam perfekt einstudiert daher, dazu ergänzte der Jugendchor Siggenthal die Darbietungen bei einzelnen Stücken sehr schön und gekonnt. Sie gaben dem Werk nicht zuletzt auch eine gewichtige Note, stehen bei der «Cantata Memoria» doch Schulkinder im Zentrum.

Zum fünfzigsten Jahrestag der Bergwerk-Katastrophe 1966 im Dorf Aberfan in Wales komponierte der walisische Musiker Karl Jenkins das Werk in Gedenken an die Opfer. Nach Wochen starken Regens führte ein Haldenrutsch zu einer Schlammlawine, die ausgerechnet eine Schule erfasste. 144 Menschen starben, darunter 116 Kinder.

Lawine in der Musik dargestellt

Musikalisch wird die Tragödie umgesetzt in elf ziemlich unterschiedlichen Abschnitten. Es beginnt mit sanften, vereinzelten Harfenklängen, gezupften Streichinstrumenten und lautmalerischem Gesang des Chors, «Pitran, Patran». Damit wird der zuerst leicht einsetzende und später strömende Regen angedeutet. Das Ganze steigert sich, bis es zum grossen Knall kommt, auf den dann drückende Stille folgt.

Die Lawine hat das Dorf verschüttet, das Schweigen setzt ein. Mit Bassklängen tasten sich die Musiker langsam an die Katastrophe heran. Emotional mitreissend wird es beim anschliessenden Leichenzug, umgesetzt durch die vielen Streicher. Die Trauerphase beginnt, die vielen Bläser spielen das tränenreiche Wiegelied «Lacrimosa». Nach der Trauer kommt das Wiedererwachen: «Hörte ich etwa einen Vogel?», wird im nächsten Lied gefragt. Vorwiegend hohe Töne der Solisten oder der Harfe, später die leichten Klänge der Querflöten, erzeugen ein Gefühl, als würde man auf einer frühlingshaften Blumenwiese liegen, rundherum zwitschern die Vögel. Der Jugendchor tritt wieder in Szene und singt gar auf Walisisch.

Zum Schluss wird es noch einmal nachdenklich: Man erinnert sich an die schöne Zeit vor der Katastrophe und fragt sich, wie man nun weiterleben soll. Abgeschlossen wird die «Cantata Memoria» mit dem malerischen Lied «Ewiges Licht», bei dem das Orchester Bilder im Kopf des Publikums zu erzeugen vermochte. Dieses dankte es ihm mit einem vollen, minutenlangen Applaus, der die Musiker ab dem Altar bis zum Kirchenausgang hinausbegleitete.