Der neunjährige Luis ist verzweifelt. Seit einer Stunde sitzt er vor der Mathe-Ufzgi und weiss immer noch nicht, wie er sie lösen soll. Mami und Papi will er nicht um Rat fragen. «Die haben eh keine Zeit», denkt er sich.

«Schule ist so was von doof», schimpft Luis. Wie ihm geht es so manchen Schülern. Hausaufgaben sind für sie regelrechte Motivationskiller. Erst kürzlich forderte deshalb die Badener Schulleiterin Lisa Lehner in der «Schweiz am Sonntag», die Hausaufgaben abzuschaffen.

Wie eine Umfrage des Badener Tagblattes zeigt, wollen zwar die meisten Schulleiter der Region Baden die Hausaufgaben weiterhin beibehalten. «Aber es ist höchste Zeit, dass über Sinn und Unsinn von traditionellen Hausaufgaben gesprochen wird», sagt die Neuenhofer Schulleiterin Renate Baschek.

Keine Hausaufgaben mehr – ein Traum vieler Schüler, der in Ennetbaden bereits wahr geworden sei. So hiess es zumindest gerüchteweise. «Das stimmt so nicht. Wir haben die Hausaufgaben nicht abgeschafft», korrigiert Schulleiter Ivo Lamparter.

«Wir haben sie aber fast um die Hälfte reduziert und neu organisiert, sodass sie möglichst viel bringen.» Denn Studien zeigten: Mehr Hausaufgaben führen nicht unbedingt zu besserer Leistung.

Konkret: Im Zentrum der Hausaufgaben steht in Ennetbaden seit einem Jahr die Leseförderung. Das heisst, Texte verstehen und flüssig lesen können. Im freien Lesen dürfen die Kinder einen eigenen Text auswählen, die Lehrperson gibt jedoch einen bestimmten Rahmen für das Lesen vor, beispielsweise ein Lesetagebuch führen.

Zwar müssen die Kinder immer noch zu Hause Matheaufgaben lösen und vertiefen. Dafür fallen die Hausaufgaben in den Realienfächern wie Biologie oder Geografie fast ganz weg. Früher investierten die Sechstklässler durchschnittlich rund eine Stunde pro Tag in die Hausaufgaben. Heute wenden die Schüler noch ungefähr die Hälfte auf.

Lesen nützt auch in Mathe

Die Initiative, das Hausaufgaben-Modell zu überdenken, kam vor 1½ Jahren von den Lehrerinnen und Lehrern. Sie wollten an einer Weiterbildung klären, was gute Hausaufgaben sind und ob es sie überhaupt noch braucht.

Denn die Meinungen dazu sind extrem verschieden – bei Schülern, Eltern und Lehrern: «Es ist wie beim Fussball. Jeder ist ein bisschen Experte», sagt Lamparter. Die Lehrer einigten sich gemeinsam mit dem Schulleiter darauf, in Zukunft die Schüler zu Hause vor allem lesen zu lassen.

Die Vorteile: Gutes Textverständnis nützt in allen Fächern, auch in Mathe oder Biologie; die Schüler können die Aufgaben selbstständig lösen, ohne zusätzliche Erklärung der Eltern. So bleibt auch das Frustpotenzial gering. «Hausaufgaben müssen nicht in erster Linie Spass machen», sagt Lamparter.

«Sie dürfen aber auch keine Motivationskiller sein.» In einem Leitfaden hielt die Schule die neue Hausaufgaben-Kultur fest. Als die Schule ihr neues Konzept im letzten September den Eltern vorstellte, waren nicht alle davon begeistert.

Die grösste Angst der Eltern: Die Kinder würden einen regelrechten Schock erleiden, wenn sie die Schulstufe wechseln und plötzlich viel mehr Hausaufgaben erledigen müssten. «In der 6. Klasse erhalten die Schüler deshalb bewusst mehr Hausaufgaben im klassischen Sinne, um sie auf den Übertritt vorzubereiten», erklärt Lamparter. «Ich glaube aber nicht, dass unsere Hausaufgaben-Kultur den Stufenwechsel zusätzlich erschwert.»

Denn seine Erfahrung zeige, dass der Übertritt generell grosse Veränderungen mit sich bringe. Die Schüler kämen in ein ganz neues Umfeld, für jedes Fach hätten die meisten nun eine neue Lehrperson.

Weniger Aufwand für die Eltern

Das neue Hausaufgaben-Modell in Ennetbaden entlastet nicht nur die Schüler, sondern auch die Eltern: So müssen sie ihre Kinder nicht mehr überwachen und die Hausaufgaben kontrollieren, können aber ihre Kinder coachen, indem sie beispielsweise den Text erklären oder sich vorlesen lassen. 

Mit einem Wochenplan erhalten die Eltern zudem weiterhin eine Übersicht über die Themen, welche die Lehrer mit ihren Schützlingen behandeln. 

Nach den anfänglichen Unsicherheiten hat sich das neue Hausaufgaben-Modell etabliert. Wie es sich auf die Leistung auswirkt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. «Grundsätzlich ist es schwierig, den Effekt zu messen», sagt Lamparter.

Mit dem Leistungstest «Check P6» der Fachhochschule Nordwestschweiz, den die 6.-Klässler in den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Naturwissenschaften lösen, habe man aber einen Anhaltspunkt, wie sich die Leistung entwickelt.

Zudem will der Schulleiter im November mit einer Umfrage herausfinden, wie es den letztjährigen 6.-Klässlern in der Oberstufe ergeht. «Bis jetzt sind die Rückmeldungen von Schülern, Lehrpersonen und Eltern positiv», sagt Lamparter.