Die Tür zum Schulzimmer steht weit offen. Leise Kinderstimmen dringen nach draussen. Sie gehören dem 6-jährigen Christian und seinem 8-jährigen Bruder Alexander. Ein Mal in der Woche lernen die beiden Buben bei Christina Lim chinesische Schriftzeichen. Die Brüder wachsen zweisprachig auf: Mit ihrer Mutter sprechen sie Chinesisch, mit dem Vater Schweizerdeutsch. Schreiben ist aber viel schwieriger als sprechen: «100 Zeichen haben wir schon gelernt», sagt Alexander stolz. Lesenkönnen bedeutet in China allerdings, mindestens 1500 Zeichen zu beherrschen. Das besagt Artikel sieben der Vorschriften über die Bekämpfung des Analphabetismus der Volksrepublik China. Die beiden haben also noch viel vor sich.

Mit ihrer Chinesischschule hat Christina Lim wohl eine Marktlücke entdeckt. Nicht nur, dass in der Schweiz Chinesisch lernen bisher fast ausschliesslich den Erwachsenen vorbehalten war. Die Volksrepublik mit ihren über 1,3 Milliarden Einwohnern dürfte in den kommenden Jahren weiter an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen und für die Schweiz ein zunehmend wichtiger Handelspartner werden. So sind in Lims Schule gerade Schweizer Kinder willkommen.

Einst für Alstom tätig

Die heute 30-jährige Christina Lim wanderte 2010 als Elektro-Ingenieurin von Malaysia in die Schweiz ein. Damals berechnete sie für die Alstom Stromkabel und Leitungen. «Meine grösste Leidenschaft gehört aber von jeher den Kindern», sagt Lim. So gab sie ihre Stelle auf und studierte via Fernstudium an der «Open University United Kingdom» das Fach «Childhood and Youth». Während ihres Studiums erforschte sie, wie Kinder am effektivsten lernen. Sie nahm alles auf Video auf und wertete die Daten aus.

«Beim Spielen und Experimentieren lernen die Kinder die Worte und Schriftzeichen besonders gut», sagt sie. Nach Abschluss ihres Studiums und einem Pilot-Schulversuch mit 11 Kindern, die sie in der eigenen Wohnung in Wettingen unterrichtete, gründete sie in Baden das «Acorn Valley» — das Tal der Eichelnuss. Der Name sei Sinnbild der Kinderstube. «Wenn man Kindern eine gute Bildung ermöglicht, wachsen sie zu starken Persönlichkeiten heran», erklärt Lim, «Es ist wie bei einer Eiche, die man richtig pflegt. Die wächst auch zu einem grossen und starken Baum heran».

Den Vorwurf, dass unsere Kinder bereits genug Druck mit Musikunterricht, Nachhilfestunden, Sporttraining und Hausaufgaben haben, lässt sie nicht gelten. Lim weiss zwar, dass Eltern oft im Clinch stehen: «Sie wollen ihre Kinder optimal fördern, ohne sie zu überfordern.» Lim setzt sich aber zum Ziel, dass ihre Schüler gar nicht merken, wie sie lernen, sondern das Gefühl haben, zu spielen und zu experimentieren.

«Am liebsten mache ich Hausaufgaben, weil ich dann das Spiel am Computer machen kann», sagt Christian mit leuchtenden Augen. Der zwei Jahre ältere Alexander steht mehr auf Experimente. «Letztes Mal haben wir Sellerie blau gefärbt. Wir haben ihm einfach blaues Wasser gegeben und geschaut, was passiert», sagt er. Auch ein eigenes Bankkonto zu führen für den Unterricht gehört zu einem Experiment, bei dem Christian und Alexander auf chinesisch den verantwortungsvollen Umgang mit Geld lernen.