Als das «Badener Tagblatt» den allerersten Einwohnerratspräsidenten Max Knecht in seinem Zuhause in der Etzelmatt in Wettingen besucht, steht der 87-Jährige schon neugierig am Fenster und hält Ausschau. Ein kurzes Winken vorab. Wenige Minuten später und mit Kaffee und Mineral versorgt, beginnt das Gespräch.

Herr Knecht, Sie haben die Einwohnerratssitzung zur «Tägi»-Sanierung auf der Tribüne mitverfolgt. Gehören Sie dort zu den Stammgästen oder war Ihnen die Abstimmung über das «Tägi» eine Herzensangelegenheit?

Max Knecht: (Lacht) Beides natürlich. Zwei- bis dreimal im Jahr besuche ich die Sitzung, wenn mich ein Geschäft besonders interessiert. Und das war beim «Tägi» der Fall.

Weil Sie den Bau des Sport- und Erholungszentrums als politisches Geschäft von Anfang an begleitet haben?

Genau. Das Projekt Tägerhard wurde bereits im ersten Jahr des Einwohnerrats ins Leben gerufen. 1974 war ich dann natürlich auch an der Eröffnung dabei. Und so habe ich einige gute Erinnerungen ans «Tägi».

Im Aargau hat es nie zuvor einen Einwohnerrat gegeben. Es existierte keine Vorlage oder ein Vorbild. Woran orientierten Sie sich?

Wir haben frühzeitig ein Reglement erstellt über die Kompetenzen des Einwohnerrats und des Gemeinderats. Ich musste zu Beginn mit dem Gemeinderat noch etwas kämpfen, was jetzt vor den Einwohnerrat kommt und was der Gemeinderat selber bestimmen kann.

Ein Beispiel?

Bis zu welchem Betrag der Gemeinderat die Kompetenz für Finanzentscheide hat.

Waren Sie nervös, als Sie am 21. Januar 1966 die allererste Einwohnerratssitzung leiten mussten?

Nein, ich hielt eine kurze Eröffnungsansprache. Die Sitzung dauerte auch nicht so lange. Die «Schnörris» von der Gemeindeversammlung waren halt nicht mehr dabei (lacht). Und die Gemeinderäte wollten bei den ersten beiden Sitzungen meine Traktandenliste noch frisieren. Ich musste ihnen beibringen, dass ich jetzt Präsident des Einwohnerrats bin und sie mir nicht die Traktandenliste aufstellen, sondern lediglich sagen können, was wir behandeln müssen. So gab es einige Dinge, an die sich der Gemeinderat zuerst gewöhnen musste.

Zum Beispiel an die 50 Einwohnerräte, die ihm bei jedem Geschäft genau auf die Finger schauen?

Ja, in dem Sinne bedeutet dies einen Machtverlust und ich vermute, dass deshalb kaum mehr Einwohnerräte gegründet werden.

Oder weil man schlanke Strukturen beibehalten will und ohnehin schon genug Mühe hat, kompetente und motivierte Leute für den Gemeinderat, geschweige denn den Einwohnerrat, zu finden?

In den grösseren Gemeinden sollte dies doch möglich sein. Ein Einwohnerrat garantiert Kontinuität in der politischen Diskussion einer Gemeinde. Im Gegensatz zu einer Gemeindeversammlung, an der nicht selten punktuelle Interessen vertreten werden.

Sie meinen der Schützenverein mobilisiert, wenn es um die Sanierung des Schützenhauses geht?

Genau, dann kommt der ganze Verein samt Sympathisanten und stimmt für die Sanierung. Bei allen anderen Gemeindeversammlungen bleiben sie wieder zu Hause. Wenn an einer Versammlung von 2000 bis 3000 Stimmberechtigten 100 interessengebundene Bürger teilnehmen, dann ist das keine adäquate Volksvertretung, sondern eine Interessenvertretung – in dem Fall für ein schönes Schützenhaus.

Die übrigen Stimmberechtigten können aber das Referendum ergreifen.

Ja, aber das braucht eine enorme Anstrengung und wird kaum genutzt oder kommt nicht zustande.

Sie sind selber in Schneisingen aufgewachsen, wo es keine politischen Parteien gab. Wie fanden Sie überhaupt den Weg in die Politik?

Es gab eine Jungmannschaft, einen Turnverein, den Männerchor. In diesen Vereinen hat man natürlich über die Politik gesprochen und daraus ergab sich eine Annäherung an die CVP. Auch in Stans, wo ich im Internat war und das Gymi machte, wurde politisiert, und so kam ich später zu den Jungkonservativen Aargau.

Sie übernahmen später auch von Tito Tettamanti das Präsidium der Jungkonservativen Schweiz. Die Tür zum nationalen Politparkett stand Ihnen offen. Was führte Sie ausgerechnet nach Wettingen?

Ich wollte meine eigene Anwaltskanzlei, und als Alfons Sinniger 1958 in Wettingen zum Gemeindeammann gewählt wurde, konnte ich sein Büro übernehmen. Aus meiner Studienzeit kannte ich bereits einige Wettinger und konnte schnell Fuss fassen.

Sie nahmen damals an den berühmt berüchtigten Gemeindeversammlungen teil. Wie chaotisch war es wirklich?

Das war eine Sensation. 50 Prozent der Männer zwischen 20 und 60 Jahren mussten anwesend sein, damit die Versammlung überhaupt zustande kam – auch mithilfe der Polizeisammelaktionen. Dabei zog die Polizei jeweils von Beiz zu Beiz und schickte die Stimmbürger zur Gemeindeversammlung.

Haben diese Polizeisammelaktionen ihr Ziel auch wirklich erreicht?

Nicht immer. Wenn nur noch ganz wenige fehlten, hat man ein Auge zugedrückt und die Stimmzettel derjenigen mitgezählt, die sich entschuldigt hatten. Aber es gab auch solche, die bereits um 20 Uhr kamen und den ganzen Abend jassten. Das war nur möglich, weil in der Turnhalle des Bezirksschulhauses zu wenig Platz war und man in der Werkstatt im Keller eine Ton- und Videoübertragung gemacht hat, dort konnte man natürlich dann ungestört jassen. Wir haben auch immer aufgepasst, dass die Versammlung bis 22.30 Uhr dauert.

Wieso bis 22.30 Uhr?

Weil es dann eine Freinacht gab und wir bis zwei oder drei Uhr morgens in der Beiz hockten.

Haben Sie das später im Einwohnerrat vermisst?

Nein, die Sitzung fing ja bereits um 19 Uhr an, und wenn wir um 21 Uhr fertig waren, brauchte es keine Freinacht.

Als Einwohnerratspräsident bekommt der damals 36-jährige Max Knecht (l.) in der ersten Einwohnerratssitzung einen Blumenstrauss. Gemeindeammann Lothar Hess (Mitte) scheint fast etwas neidisch zu sein.

Als Einwohnerratspräsident bekommt der damals 36-jährige Max Knecht (l.) in der ersten Einwohnerratssitzung einen Blumenstrauss. Gemeindeammann Lothar Hess (Mitte) scheint fast etwas neidisch zu sein.

Sie lebten damals keine zehn Jahre in Wettingen. Wie kam es, dass Sie zum ersten Einwohnerratspräsidenten gewählt wurden?

Ich war Parteipräsident der CVP Wettingen und war in der Parteiliste ziemlich unbestritten. Alles, was Rang und Namen hatte, kandidierte. Damals wurde das Gewerbe sehr bewusst vertreten im Einwohnerrat.

In der Geburtsstunde des Wettinger Einwohnerrats war die CVP sehr dominant. Sie hatte 16 Sitze und damit fast ein Drittel des Parlaments. Woher kam diese Dominanz

Die kam daher, dass Wettingen grössten Teils katholisch war. Es gab die grossen, einflussreichen Familienclans, die sehr stark zusammengehalten und die Politik angeführt haben. Quasi unter dem Dach der Kirche fanden politische Diskussionen statt.

Die katholische Kirche spielt für die Politik kaum mehr eine Rolle, und national hat die CVP Wähleranteile eingebüsst. Im Dorf spielt die Partei aber immer noch eine gewichtige Rolle, Wie erklären Sie sich diese Stärke?

Gesellschaftlich vertritt die CVP die Mitte und die Grundsätze von Familie und Gewerbe. Sie ist auch für die Arbeitnehmer, die Büezer, attraktiv geworden, weil SP und SVP die Extreme vertreten und die FDP eher die hohen Geschäftsleute mobilisiert. Das hat in Wettingen nie Anklang bei einer Mehrheit gefunden.

Was war Ihr Highlight als Einwohnerratspräsident?

Es gab für mich nicht den einen Höhepunkt, sondern die Tatsache, dass ich die Ratssitzungen erfolgreich führen konnte, das war für mich ein Highlight, und dass ich die Geschäfte erfolgreich durchbrachte.

Das klingt, als hätten Sie die Abstimmungen beeinflussen können.

Vor Ratssitzungen habe ich jeweils mit den Fraktionspräsidenten gesprochen, um herauszuspüren, ob ein Antrag angenommen wird oder ob man ihn besser nochmals überarbeiten sollte. Während der Sitzung kann man die Diskussion aber nicht mehr beeinflussen.

Von 1965 bis 1985 waren Sie im Grossen Rat und wurden 1973 Grossratspräsident. Sie kandidierten damals gegen Lothar Hess, den Wettinger Gemeindeammann. Gab das böses Blut?

(Lacht) nein, wir waren in der Fraktion fünf Kandidaten. Aber selbst wenn: Ich bin ja dann aus dem Einwohnerrat ausgetreten, weil das Amt als Grossratspräsident sehr viele Termine und Aufwand mit sich brachte.

Das Präsidium ist in beiden Fällen eine ideale Voraussetzung für einen Regierungssitz. Hegten Sie nie Ambitionen für die Exekutive?

Ich hatte nie dieses Verlangen, weil ich ja noch mein Anwaltsbüro hatte, und als sich die Chance in Wettingen bot, weil Alfons Sinniger abgewählt wurde, war ich noch zu jung.

Weshalb musste Alfons Sinniger den Ammann-Sitz freigeben?

Das war die berühmte Stuhl-Geschichte. Eine Zürcher Firma lieferte einen Musterstuhl für das Rathaus, bekam aber den Auftrag nicht. Ein Mitglied der Finanzkommission wurde auf die Stuhl-Rechnung aufmerksam und dass im Rathaus der Stuhl fehlte. Als wir dann eines Abends im Zwyssighof sassen, sahen wir abends um 23 Uhr Sinnigers Auto beim Rathaus vorfahren. Er hatte den Stuhl bei sich zu Hause gehabt. Das gab einen Riesenklamauk und eine Strafanzeige, die dann wieder zurückgezogen wurde.

Wenn Sie auf Ihre Polit-Karriere zurückblicken, hätten Sie etwas anders gemacht?

(Überlegt lange). Das kann ich nicht mehr sagen.

Sie haben drei Söhne, von denen keiner mit der Politik etwas am Hut hat. Haben Sie sie zu wenig angespornt?

Vielleicht hatte ich eine abschreckende Wirkung auf sie (lacht). Ich war selten zu Hause, aber wenn ich da war, verbrachte ich eine intensive Zeit mit den Buben.

Die Politik blieb nach Ihrer Zeit im Parlament sehr zentral für Sie. Bis heute führen Sie eine Website mit Ihren Wahlprognosen für nationale und kantonale Wahlen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

1975 war ich Kandidat auf der Nationalratsliste der CVP und habe mit einem Taschenrechner die ersten Wahlanalysen und Prognosen erstellt. 1981 habe ich als erster Anwalt im Aargau einen Commodore-Computer gekauft. Seither mache ich alle zwei Jahre Wahlprognosen.

Haben Sie einen Tipp für junge Wettinger Einwohnerräte?

Sie sollten sich mit der Geschichte der Gemeinde befassen. Wettingen war einst eine zerrissene Gemeinde zwischen den Quartieren Kloster, Dorf und Altenburg. Es gab sogar einen Vorschlag zu Beginn des Einwohnerrats, man solle Kandidatenlisten nach Quartiervereinen machen. Unterdessen ist Wettingen zusammengewachsen. Die Parteien müssen die Gemeinde so fördern, dass alle Quartiere profitieren und sich bemühen, die Eigenständigkeit Wettingens zu wahren.

Also keine Regionalstadt?

Nein, das ist nichts. Es gibt regional sehr viele Zusammenarbeiten, beispielsweise bei der Polizei. Aber Gemeinden aufheben und zusammenschliessen, das geht nicht, weil sie zu verschieden sind. Baden wird als Stadt ganz anders geführt, als wir das in Wettingen handhaben. Auch Neuenhof betrachtet sich als eigenständig. Da wäre immerhin eine Fusion denkbar, aber sie drängt sich nicht auf.